Befreite Frauen im Januar 1945 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.
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Befreite Frauen im Januar 1945 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Rezension

Seweryna Szmaglewska: Der Rauch über Birkenau

  • vonArtur Becker
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Seweryna Szmaglewskas Buch über die Frauen in Auschwitz kommt 75 Jahre nach Erscheinen in Polen endlich in Deutschland heraus.

Eines kalten, aber sonnigen Apriltages 1998 fuhr ich, der Stipendiat der Villa Decius in Krakau, einer renommierten Kulturinstitution in Polen, deren Entstehung auf die Initiative der Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska und ihres berühmten Übersetzers Karl Dedecius zurückgeht, nach Oswiecim, um dort das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu besichtigen. Ich verbrachte in diesem sogenannten Museum den ganzen Tag und traf auch Gymnasiasten oder Studenten aus Israel, die in der Stille einer kahlen Landschaft, in der einst Baracken gestanden hatten, ihre Nationalflagge mit dem Davidstern trugen: stolz und voller Andacht.

Und ich musste mich an diesen Augenblick wieder erinnern, als ich Seweryna Szmaglewskas „Die Frauen von Birkenau“ zu lesen begann, den Bericht der polnischen Schriftstellerin, die im KL Auschwitz-Birkenau von 1942 bis 1945 Häftling mit der Nummer 22090 gewesen ist.

In Polen wurde ihr Buch gleich nach seiner Veröffentlichung 1945 nicht nur ein Bestseller, sondern auch Schullektüre. Bereits als Jugendlicher las ich Fragmente ihres Berichtes aus der Hölle auf Erden, der im Polnischen „Rauch über Birkenau“ heißt. Vor allem haben wir aber Szmaglewskas Jugendroman „Czarne stopy“ (Schwarze Füße) von 1960 gelesen und auch geliebt, der in einem Pfadfinderlager spielt und allegorisch ein Pendant zum KZ darstellt: ein positives und hoffnungsvolles Lager. Die Autorin erinnerte sich einmal: „Als ich ‚Schwarze Füße‘ schrieb, wurde mir klarer denn je, dass die Deutschen das schönste Wort meiner Jugend profaniert hatten: Lager. Pfadfinderlager. Ich wollte mich doch an den Charme der Sommerereignisse erinnern, die unter den Begriff Lager fallen.“

Der Frankfurter Schöffling-Verlag bemühte für die Übersetzung aus dem Polnischen die erfahrene und bekannte Journalistin und Buchautorin Marta Kijowska, was für Szmaglewskas zarten, aber distanzierten, dem unpathetischen Erinnern verpflichteten Ton ein Segen ist, wobei Kijowska sprachlich und kulturgeschichtlich eine absolut bilinguale Person ist – eine Krakauerin aus München. Die Übersetzerin schrieb auch das Nachwort, in dem sie sich zurecht darüber wundert, dass Deutschland ganze 75 Jahre gebraucht hatte, um Szmaglewskas Zeugnis aus Auschwitz-Birkenau zu veröffentlichen, geschrieben aus der Sicht einer Frau und Polin, die im Frauenlager fast drei Jahre lang dem täglichen SS-Terror und -Morden zugeschaut hatte, dem sie wie durch ein Wunder entgehen konnte – selbst während ihrer Flucht im Januar 1945 hatte Szmaglewska Glück gehabt.

Jedenfalls schrieb sie nach dem Ende des Krieges in ihrer Heimatstadt Piotrków Trybunalski im Eiltempo ihr im Stil eines Romans gehaltenes Zeugnis, in dem sie sich selbst als Person im Prinzip fast vollständig in den Hintergrund stellte, um den tragischen Akteuren – vor allem den Frauen – sowie ihren Henkerinnen und Henkern eine Bühne zu bieten. Ihr Buch über den Alltag in einem der schlimmsten Vernichtungslager der Deutschen wurde in Europa in viele Sprachen übersetzt, wobei seine Autorin sogar zu den Nürnberger Prozessen eingeladen wurde. Schließlich hatte sie ein Zeitdokument vorgelegt, das sehr detailliert und vor allem dadurch, dass es „frisch“, gleich nach der Flucht, von der Seele runtergeschrieben worden war, besonders überzeugend wirkte – menschlich, psychologisch, historisch und sachlich.

Das Buch:

Seweryna Szmaglewska: Die Frauen von Birkenau. Schöffling & Co. 2020. A. d. Poln. v. Marta Kijowska. 456 S., 28 Euro.

Auf mehr als 450 Seiten erstattet Szmaglewska einen hochgradig detaillierten, grandios geschriebenen Bericht über das tägliche Leiden und Elend in Auschwitz; vor allem aber über das Leiden der Frauen und zwar aus der Perspektive der Polinnen im Frauenlager. Die Erzählstimme hat dabei eine angenehme Präsenz, man hat den Eindruck, als spräche sie für alle, die dort im Lager umgekommen sind oder das Grauen überlebt haben.

Erstaunlicherweise stören auch solche Passagen nicht, in denen die Autorin die tägliche Entmenschlichung und Zerstörung jeglicher Individualität minuziös analysiert, als legte sie ein psychologisches Gutachten vor. Und drei Jahre, die Szmaglewska als KZ-Häftling in ihrem Gedächtnis schmerzhaft und penibel festgehalten hat, vergehen in einem Vernichtungslager wahrhaftig anders als in der Freiheit. Wenige Tage können sich unendlich hinziehen, als handelte es sich um viele Jahre, die man noch durchstehen müsste. Denn die morgendlichen und abendlichen Appelle und das ständige Zählen der Häftlinge, dann der tägliche Hunger und das tägliche Entlausen der mickrigen Häftlingsuniform lassen die Zeit überhaupt nicht mehr vergehen.

Es tauchen auch ständig elementarste Fragen auf. Gibt es noch Hoffnung? Reicht mein Überlebenswille aus? Habe ich Verständnis für einen Verräter, zumal ich selbst einer werden kann? Der einen Mithäftling mit einem Spaten tötet, weil er von der SS-Wache dazu aufgerufen wird, um seine Unschuld so zu beweisen … Mitleid? Und Mitgefühl? Gibt es überhaupt solche Gefühle? Und wenn Kinder, die im Warschauer Aufstand 1944 mitgekämpft haben, bei lebendigem Leibe in den Öfen verbrannt werden – was bleibt einem noch übrig, etwa der Gottesglaube? Oder der schnelle Selbstmord im Stacheldraht? Eine Kugel in den Kopf, wenn der Fluchtversuch hoffentlich misslingt?

Szmaglewska berichtet über alle Abgründe von Auschwitz-Birkenau, ohne mit der Wimper zu zucken, sie lässt dabei nichts aus, weder das Dahinsiechen der Sterbenden in ihrem eigenen Kot und Blut, noch die Grausamkeit der SS-Wächterinnen, die wegen eines angeblich gestohlenen Stücks Margarine aus ihren eigenen Vorräten die Diebin in Sekundenschnelle ausmachen und sogar mit dem Tod bestrafen konnten, während in den Gaskammern und den Krematorien das industrielle Morden Tag für Tag weiterging.

Man fragt sich, wo die Wurzeln dieses Bösen eigentlich liegen mögen? Bereits in der wilhelminisch-bismarckschen Zeit? Oder im übertriebenen Nationalismus und Militarismus eines Generals Hans von Seeckt, der zum Schluss Hitler die Hand drückte und Polen wieder vernichtet und geteilt sehen wollte, um mit dem bolschewistischen Russland zu paktieren, in der Hoffnung, Deutschland werde seine Militärmacht wiederaufbauen und als Nation europaweit glänzen.

Es ist eine Schande, dass Seweryna Szmaglewskas „Frauen von Birkenau“ erst 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland erscheint, es hätte nämlich bereits nach 1945 auch in diesem Land wie einst in Polen Schullektüre werden können. Denn wäre das geschehen, käme vielleicht ein Politiker nicht mehr auf die Idee, die zwölf Jahre der Nazi-Herrschaft als einen „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ zu bezeichnen, und solche SS-Verbrecher wie Heinz Reinfahrt wären vielleicht niemals Bürgermeister in Westerland geworden. Aber wie sagt man? Besser spät als nie.

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