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Jugendliche an einem schottischen Takeaway.

Irvine Welsh

Man setzt immer auf das Vollblut

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Irvine Welsh, Autor von "Trainspotting", erzählt in seinem atemberaubenden neuen Thriller "Kurzer Abstecher" erneut von Frank Begbie.

Er kommt einfach nicht los von seinen Jungs: von Spud und von Sick Boy, von Renton, dem „failed intellectual“ und Teilzeit-Junkie, und von Begbie, diesem konstant alkoholisierten, von der Vierfünftel-Gesellschaft im Thatcher-Britannien und auch sonst allen guten Geistern verlassenen juvenilen Soziopathen, der sich der Welt vor etwas mehr als zwanzig Jahren mit dem Satz vorstellte: „Ihr kennt mich. Ich bin nicht so’n Arsch, der dauernd so’n scheiß Streit sucht, aber letzten Endes bin ich der, der das Billardqueue in der Hand hat, und das kann er jederzeit mit dem dicken Ende in den Arsch geschoben kriegen.“ Natürlich musste „er“ dies sogleich schmerzlich erfahren, und Begbie versenkte danach seelenruhig die Schwarze.

Sie seien „wie eine Band“, sagt Irvine Welsh über seine Protagonisten aus „Trainspotting“, seinem Debüt-Roman: über Jahre auseinander, dann plötzlich wieder zusammen, in immer wieder wechselnden Besetzungen. 1993 erschien „Trainspotting“ im englischen Original, zwei Jahre später in der deutschen Übersetzung: eine in irritierendem Tempo, vor Derbheiten strotzendem Straßensound und mit immerfort wechselnden Stimmen erzählte Milieustudie aus den trostlosen Wohnsilos des Edinburgher Arbeiterviertels Leith, in dem Welsh selbst aufgewachsen ist. Und die dem Leser dank ihrer Kaleidoskophaftigkeit vorkam wie ein wilder Ecstasy-Trip. Das war neu und unerhört und auch genau so gemeint. „Clubmusik und Ecstasy“, sagte Welsh seinerzeit dem Autor dieses Artikels, „richten den Blick zurecht.“

„Trainspotting“ wurde ein Bestseller und spektakulär verfilmt. Und die Mitte der 90er Jahre aus den Lagerschuppen Nordenglands in den globalen Mainstream schwappende Rave-Kultur hatte ihr literarisches Equivalent. Mit „Schmutzfink“, einem aus der Perspektive eines korrupten, versoffenen und gewalttätigen Polizisten geschriebenen Schockers, und der Kurzgeschichtensammlung „The Acid House“, in der sich unter anderem der liebe Gott als pöbelnder Saufbold in einem Pub materialisiert, bestätigte Welsh seinen Ruf als schreibender Feuerstarter.

Und er pflegte ihn auch. Ein Literaturhaus sah Welsh vermutlich bis heute nicht von innen. Wer ihn erleben wollte, ging lange Zeit besser auf ein Dance-Festival, wo er gerne auch mal aus seinen Büchern las, als Stargast natürlich – einige der populärsten Techno-Bands waren erst mit dem „Trainspotting“-Soundtrack ins globale Rampenlicht gekommen. Und natürlich war der Jubel besonders groß, wenn Renton, Begbie oder die anderen, inzwischen selbst zu Ikonen der Popkultur gewordenen schottischen Low-lifes in seinen Manuskripten trinken, fluchen, rülpsen und herumhuren durften. 2002 erzählte er in „Porno“ ihre Geschichte weiter. 2012 breitete er in „Skagboys“ das Vorleben der Jungs aus.

Irvine Welsh hat nie Zweifel daran gelassen, dass deren turbulentes Leben zwischen Drogenrausch und Fußball, langen Pub-Abenden und Disco-Nächten auch sein eigenes widerspiegelte. Und so wie er selbst vor ein paar Jahren dem Exzess abschwor und nach Chicago zog, um dort ein bürgerliches Familienleben zu führen, so hat auch Begbie die Kurve gekriegt, seine Lieblingsfigur, der Welsh in seinem neuen Roman „Kurzer Abstecher“ einen furiosen Solo-Auftritt beschert.

Frank Begbie lebt jetzt als Künstler Jim Francis in Kalifornien, er hat eine von dort stammende Kunsttherapeutin geheiratet, die ihm im Gefängnis die schönen Dinge des Lebens nahegebracht hatte, und er hat mit ihr zwei kleine Töchter. Er raucht und trinkt nicht mehr, und seinen früher unkontrolliert ausbrechenden Welthass lenkt er erfolgreich und mit großer Klinge („The Blade Artist“, lautet der Original-Titel) in groteske Prominenten-Skulpturen um. „Ich tu ihnen weh, lass sie altern, erniedrige sie, stell mir vor, ihr Erstgeborenes würde von Fred und Rosemary West zur Welt gebracht. Ich schnitze den Schmerz in ihre hübschen Gesichter. Zeige ihnen allen, dass sie auch nicht besser sind als du und ich.“ Wo er früher Haut und Muskeln bearbeitete, tut er es nun mit Lehm und Ton. „Mein Talent lag darin, Menschen wehzutun“, sagt er.

Sein altes Leben meldet sich jäh zurück, als sein Sohn in Edinburgh ermordet aufgefunden wird. Er reist in die alte Heimat, eigentlich nur um zu sehen, „wessen Tränen echt sind und wessen nur Krokodilstränen“. Doch bald schon ist er im lokalen Gangsterkrieg zwischen allen Fronten – mithin in seinem natürlichen Lebensraum. Das Szenario erinnert ein wenig an Michael Caine in „Get Carter“. Auch wenn die Geschichte mit einem kolossalen Diorama endet, das in seinem surrealen Horror selbst für Irvine-Welsh-Kenner ungewohnt sein dürfte.

Es ist ein großartiges Buch, ein atemberaubender Thriller. Fans von Denise Mina, von Christopher Brookmyre, Gavin Knight und all den anderen schottischen Hardboiled-Schreibern werden begeistert sein – und bei der Gelegenheit mal wieder sehen, wer der Vater und wahre Meister des Ganzen ist. „Man setzt immer auf das Vollblut, nicht auf den Ackergaul“, lässt er Begbie in dem Buch sagen.

Irvine Welsh : Kurzer Abstecher. Aus dem Englischen von Stephan Glietsch. Heyne, München 2017. 227 S., 18 Euro.

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