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Der Junge schreit, als jemand entgegenkommt. Hupen, Bremsen, Scheinwerfer. Knapp geschafft

Literatur

„Serpentinen“ von Bov Bjerg: Eine gefährliche Partie

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„Serpentinen“, eine Vater-Sohn-Geschichte von Bov Bjerg.

Das klingt doch großartig. Herbstferien auf der Schwäbischen Alb. Vater und Sohn allein unterwegs. Die Mutter ist zu Hause in Berlin geblieben – viel Arbeit in der Kanzlei. Das Handy des Vaters bleibt abgeschaltet, der Alltag soll draußen bleiben. Er will seinem Sohn zeigen, wo er aufgewachsen ist. Hier haben wir gewohnt, hier bin ich zur Schule gegangen, in diesem Wald habe ich geschlafen, als ich von Zuhause abgehauen bin. Auf diesem Friedhof wurde mein Freund begraben, in dieser Kirche wurden meine Eltern getraut.

Der Junge macht mit. Hauptsache, er darf zwischendurch seine Kletterseile auspacken oder die Kopfhörer für einen Zeichentrickfilm. Er besucht mit dem Vater alte Klassenkameraden und die demente Großmutter, die sich als Kind im Böhmerwald wähnt und auf der Flucht die Puppen vergraben will. Der Vater mischt zum Frühstück gesundes Müsli unter die gezuckerten Cornflakes und denkt sich Unternehmungen aus. Er möchte ein sorgender, aufmerksamer Vater sein. Aber es gelingt ihm nicht. Die Reise ist kein harmloser Vater-Sohn-Ausflug, sie ist ein Balancieren auf schmalem Grat. Auf Höppner, so nennt er sich, obwohl er längst den Namen seiner Frau angenommen hat, lastet die zentnerschwere Familiengeschichte wie ein Fluch. Sein Vater hat sich das Leben genommen, genau wie sein Großvater und sein Urgroßvater. Ertränkt, erhängt, erschossen. Wie soll man das loswerden?

Das mit dem Trinken wird besser, sobald mal Kinder da sind. Das haben seit Generationen die Frauen der Familie den Töchtern mit auf den Weg gegeben, wenn sie geheiratet haben. Jetzt, im Auto auf der Schwäbischen Alb unterwegs, muss Höppner, der Ich-Erzähler, daran denken. Er schafft es nicht, seine Vorsätze einzuhalten. Gib mir noch ein Bier, sagt er dem Sohn, der jetzt die zweite Dose aus dem Fußraum zieht. Und die dritte. Als ein Wagen in der Serpentine langsam vor ihm her schleicht, verliert er die Nerven und überholt fluchend. Der Junge schreit, als jemand entgegenkommt. Hupen, Bremsen, Scheinwerfer. Knapp geschafft.

Das Buch

Bon Bjerg: Serpentinen.. Roman. Claassen Verlag, Berlin 2020. 272 Seiten, 22 Euro.

Mehrfach fragt der Junge, woran denn der Großvater gestorben ist. Er war krank, hört er immer nur vom Vater. „Ich fürchtete, er könnte Angst bekommen, dass ich es auch tun würde. Und ich wusste nicht, wie ich ihm die Angst hätte nehmen können, ohne ihn anzulügen.“

Bov Bjerg hat einen Auszug aus diesem Roman 2018 beim Klagenfurter Literaturwettbewerb vorgelesen (wo er den Deutschlandfunkpreis gewann). Im Publikum war es ganz still bei dieser Passage, und auch jetzt beim Lesen muss man tief durchatmen, so beklemmend sind Panik und Verzweiflung beschrieben. Aber es gibt Tage auf dieser Reise, die gelingen. Schnitzen, Vorlesen, eine Nachtwanderung. Höppner erinnert sich an seine jugendlichen Tics. Sie waren ihm ein Geländer zum Festhalten. Die Schuhe mussten in Reih und Glied stehen, die Buchstaben gleichmäßig ausgerichtet in der Zeile. Alles akkurat. Die Tics wurden ihm irgendwann peinlich, er hat sie umgewandelt in Richtlinien für seinen Beruf. Statistik, genau rechnen, nicht gleich interpretieren, wie seine Soziologenkollegen.

Bon Bjerg: Serpentinen.. Roman. Claassen Verlag, Berlin 2020. 272 Seiten, 22 Euro.

Bov Bjerg hat diesen Vater mit einem empfindlichen Gespür für falsche Töne ausgestattet. Er seziert die Lügen und Legenden der Familiengeschichte, aber auch das großstädtische Blabla, das in der Juristen-Journalisten-Soziologen-Szene zeitgeistig vor sich hin perlt. Bjerg kommt das langjährige Schreiben für Kabarett und Satire zugute, wenn er einen erfolgreichen Journalisten charakterisiert, der morgens grußlos die Kita betritt und täglich aufs Neue ratlos guckt, wo er etwas so Fremdes wie die Frühstücksbox seiner Tochter deponieren soll.

Das kann Höppner nicht passieren, er weiß, was sein Kind braucht und was ihm Spaß macht. Es gibt innige Momente zwischen Vater und Sohn auf dieser Reise, einverständige, lustige. Aber die Stimmung kann von einem Moment auf den anderen kippen. Eben noch hat er guter Dinge das tägliche Abfrageritual mit dem Sohn gespielt. Jetzt ärgert er sich, dass der die Antwort nicht weiß. Er brüllt, völlig außer sich, die Situation eskaliert. Bov Bjerg ist ein Meister darin, mit wenigen Worten und mit vielen Auslassungen Spannung zu erzeugen. Und er spielt mit Doppeldeutigkeiten. „Soweit sind wir gekommen.“ Was heißt das? So tief sind wir gefallen? Oder das haben wir schon geschafft?

Eines begreift Höppner auf dieser Reise. Quälende Jahre lang fühlte er sich verantwortlich für den Tod des Vaters. Langsam reift in ihm die Erkenntnis, dass das nicht sein kann. Er hätte den Vater nicht retten können. Er war einfach unwichtig für den Vater. Die Erkenntnis erschüttert ihn nicht, sie gibt ihm eine Perspektive. Er ist anders als sein Vater. Sein Sohn ist ihm nicht unwichtig, im Gegenteil, er ist für ihn alles. Der Sohn spürt das. Einmal nimmt er kurz seine Kopfhörer ab „und sagt froh: wir machen ganz schön viel zusammen“.

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