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Serhij Zhadan: „Internat“– „Etwas Entsetzliches, etwas, das alle angeht“

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Von: Christian Thomas

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Eine zerstörte Schule im Donbass, 2015.
Eine zerstörte Schule im Donbass, 2015. © afp

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (11): Serhij Zhadans „Internat“

Beunruhigend der Winter, zermürbend der Regen, der „nicht daran denkt aufzuhören“. Beängstigend die Nachrichten, im stumm geschalteten Fernseher „einer, der blutüberströmt ist“, während die Einschläge am Rand einer umkämpften Stadt näherkommen. Wahrhaftig alles spricht dagegen, dass ein Mensch vor die Tür geht, und doch macht sich Pascha auf, um seinen Neffen aus dem Internat nach Hause zu holen, trotz des Wetters und der Kälte, trotz des Krieges, der nicht daran denkt aufzuhören unter einem Himmel, der, weil er im Winter 2015 keine andere Wahl hat, den Donbass spiegelt wie ein schmutziges Leichentuch.

Dass es für den Lehrer eine Odyssee wird, drängt sich rasch auf. Aus literarischen Gründen? Wie auch immer, es ist die durch eine „schon lange völlig eingeschlossene“ Stadt, die „kurz vor der Kapitulation steht“. Paschas Versuch einer Rettung gilt dem 13-jährigen Sascha, den die verantwortungslose Schwester in ein Internat abgeschoben hat. Es ist auch der Versuch einer Selbstrettung, das Bemühen um Rückkehr zu einem eigenen Verantwortungsbewusstsein. Läuterung? Wo sich Pascha doch zuvor immer wieder einhämmerte: „Kein Mitleid, kein Mitleid“. Es ist eine Art amoralischer Devise, als wollte der Antiheld jedwede Empathie regelrecht abtöten.

Als Sherhij Zhadans Roman vor vier Jahren auch auf Deutsch erschien, 2018, vier Jahre nach Beginn der Okkupation des Donbass, wies die gebürtige Ukrainerin und Schriftstellerin Katja Petrowskaja darauf hin, dass Putins Krieg ohne Kriegserklärung damals bereits länger dauerte als die Okkupation der deutschen Wehrmacht in der Ukraine während des Zweiten Weltkrieges. Seit 2014 erneut ein Krieg dort – ein von Europa jahrelang verdrängtes Verbrechen.

Das Wort von der „Zeitenwende“, ausgelöst durch eine weitere Eskalation Putins, seinen Vernichtungskrieg seit dem 24. Februar 2022 gegen die gesamte Ukraine, gehört zum politikgetriebenen Verlautbarungsjargon und den unwahrhaftigen Fiktionen, die der Realität in der Ukraine Hohn sprechen. Realitäten wie dieser: „Die Bäume sind von Geschossen zersplittert, am Straßenrand ziehen sich Schützengräben und der Schnee, der Schnee! – dunkelgelb wie verfault, als wäre er vor ein paar Tagen gestorben und verwest an der frischen Luft.“

Offensichtlich ist es ein nicht nur von konventionellen Waffen durchwühltes Waldstück, doch keine Schlussfolgerung des Autors derart, vielmehr beharrt der untrügliche Realismus dieses Romans auf den unmittelbaren Erscheinungsformen des Schreckens und Grauens. Keine Erklärungen, er lässt die Eindrücke selbst sprechen. Und damit steht dieser Roman nicht nur im Widerspruch zu allwissenden Romankonzepten (oder besserwisserischen), vielmehr erhebt Zhadans minuziöser Realismus unausgesprochen auch Einspruch gegen die anfängliche Apathie seines Antihelden. Nicht genau hinschauen, lautete das Motto des Mittdreißigers, eines apolitischen Lehrers. Dessen Indolenz war es, die die Freundin, Marina, veranlasste, den Partner zu verlassen. Verweigerte doch der „Staatsangestellte“ während der Zeitenwende in der Ukraine, 2014 („etwas lag in der Luft, sie hatte sich wie mit Spannung aufgeladen“), jede politische Parteinahme.

Paschas Unterrichtsfach ist das Ukrainische, und allein das bringt ihn mehrfach in Gefahr. Mehr als nur eine bissige Bemerkung ist es, wenn ein Vertreter der Staatssprache Russisch das Ukrainische als Latein bezeichnet – als tote Sprache. Auf seiner Flucht irrt Pascha durch eine geplünderte Bibliothek. Was das Heizen angeht, so greift man wegen der Energieversorgungslage in der Ostukraine auf Bücher zurück. Zhadan beschreibt diesen Schrecken ebenso sachlich wie die Schönheit eines Steins, ein Fundstück mit dem Millionen Jahre alten Abdruck eines Farns. Also doch genauer hinschauen, trotz des Chaos, in all dem Chaos, topografisch zwischen den Fronten, militärisch in einem Machtvakuum.

Die REihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen.

Serhij Zhadan: Internat. Roman. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp Verlag 2018. 301 Seiten, 22 Euro.

Bereits im Regal: Das Igor-Lied, Serhii Plokhys „Die Frontlinie“, Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“, Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“, Oleksij Tschupas „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“, Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“, Oksana Sabuschkos „Schwestern“, Juri Andruchowytschs „Radio Nacht“, Andreas Kappelers „Die Kosaken“ und Vladimir Jabotinskys „Die Fünf“.

Das elfte Buch wird Kerstin S. Jobsts „Geschichte der Ukraine“ sein.

Serhij Zhadan, 1974 geboren Starobilsk, in der Region Luhansk, lebt seit Jahren in Charkiw – auch weiterhin dort als Romanautor und Lyriker, als Musiker, als Organisator von Hilfskonvois, als Bürger in einer lebensgefährlichen Stadt. Wenn Serhij Zhadan am 23. Oktober in Frankfurts Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, so geschieht dies für ein Engagement, zu dem auch dieser Roman gehört, einer ohne pazifistisches Pathos, ohne eine einzige Durchhalteparole. Die Hoffnung ruht auf der Kraft und dem Klang eines poetischen Realismus, auch im Deutsch von Juri Durkot und Sabine Stöhr.

Schwer umkämpft, wie die Stadt ist, erscheint die Realität des Krieges zugleich unwirklich, im Nebel umso mehr, das Unfassbare umso mehr wie ein Verhängnis. Drei Tage irrt Pascha durch Keller und Treppenhäuser, er bricht in einen vereisten Fluss ein, sucht Schutz im Nebel oder der Dunkelheit – hinter jeder Seite, die man umblättert, tut sich kein neues Abenteuer auf, sondern der Alltag des Krieges. Eine Odyssee, aber nicht ein einziger heroischer Gedanke, vielmehr: nur ja davonkommen, zwischen verstörten Menschen, gemeinsam mit hinterhältigen und hilflosen, fortgerissen in einer Kolonne von Flüchtenden und Vertriebenen, verminten Straßen ausweichend, dem Boulevard, der unter Beschuss steht. Einmal steuert die „Prozession“ auf eine Brücke zu, von der es heißt, dass Scharfschützen sie im Visier haben.

Mag sein, dass die für die ukrainische Armee 2015 verlorene Schlacht um die Stadt Debalzewe den realen Hintergrund abgab für eine vom Schrecken okkupierte Stadt. Regie in diesem Krieg führt der Krieg, und „fuck“ ist das Wort, auf das sich in diesem Krieg im Donbass alle einigen können, Russen und Ukrainer, reguläre Soldaten, Separatisten oder deren Opfer. Grotesk wirken in dem Inferno Reste einer ruinierten Infrastruktur: der zertrümmerte Bahnhof, ein demolierter Bus oder Sammeltaxi, ein verheertes Krankenhaus. Die Verhältnisse lassen nur einen Gedanken zu: nur ja „das Weite suchen“.

Beherrscht von einer geradezu animalischen Wahrnehmung, die auf Gerüche fixiert ist, durch Nebel sich tastend, durch Schnee stapfend, denn beide sind ebenfalls Widersacher, Protagonisten in einem Krieg, der nicht erklärt worden ist, der der Hauptfigur so unerklärlich wie undurchschaubar ist, bewegen sich Pascha und Sascha durch eine Welt aus Angst. Angst ist ihr ständige Begleiter, dass sie im Nacken sitzt, ist mehr als nur eine Metapher. Dass ein Grenzposten Pascha mit dem Leben davonkommen lässt, weil der Separatist den ehemaligen Lehrer wiedererkennt, ist Glück, aberwitziges Glück.

Das letzte, was Pascha, als er aufbrach, sah, war der Fernseher, „in dem etwas Entsetzliches geschieht, etwas, das alle angeht.“ Keine menschengemachte Apokalypse, die sich nicht noch zuspitzte. Schließlich in einem zum Krankenhaus umfunktionierten Gebäude, kulminierend in einer fürchterlichen Notoperation.

Von hungernden Hunden begleitet, von Höllenhunden verfolgt, ist es am Ende ein Welpe, der von Sascha gerettet wird. Ein Hoffnungsschimmer? Ein banaler? Kein trivialer, denn man wird sich um das Tier kümmern müssen. Kindliches Verantwortungsgefühl, das aufblitzt in einem Alptraum. Einem auch deswegen, weil der Schlaf Europas im Winter 2014, 2015 in der Ukraine Ungeheuer gebar.

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