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Serhij Zhadan: Hineinhorchen in den Himmel

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Von: Christian Thomas

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Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan.
Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan. © Imago

Ein Porträt Serhij Zhadans, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, anhand seiner Worte und Werke

Eine Tagebuchnotiz aus dem Jahr 2015, aus den Wochen der Zeitenwende in der Ukraine, in einem für das Land achtjährigen Krieg seitdem. Ein Eintrag Serhij Zhadans unter dem Datum des 18. Januar 2015, mit dem der in Charkiw lebende Schriftsteller die Wiederbegegnung mit einer länger nicht gesehenen Bekannten festhält: „,Und wofür bist du?‘, fragt sie. ‚Für die Ukraine oder für den Frieden?‘ ‚Für die Ukraine‘, ,also für den Frieden‘“, antwortete Zhadan.

Ein Dialog, lakonisch festgehalten, wie so oft bei dem Schriftsteller. Einer, der belegt, dass im Donbas schon 2015 ähnlich über Krieg und Frieden gedacht wurde wie in den letzten Wochen auch bei uns. Damals bereits „tagtägliche Gegenwart“, schien der Krieg Ukrainern und Ukrainerinnen dennoch „Teil einer fremden Wirklichkeit, etwas, das sie beharrlich ausblenden, nicht verstehen, einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen“. Besser nicht behelligt werden – deshalb sah sich der Schriftsteller mit einer Reaktion konfrontiert, nicht unähnlich deutsch-deutschen Zwistgesprächen: „Wenn du also vom Krieg redest und er dich umtreibt, bist du in ihren Augen ein Teil davon, ein Glied, eine Komponente. Das heißt, du unterstützt den Krieg. So funktioniert ihre Logik.“ Mithin die Logik eines verantwortungslosen Pazifismus, der sich der Realität verweigert.

Seit acht Jahren herrscht in einem Teil Europas Krieg, wie Serhij Zhadan in seinem soeben erschienenen Buch „Himmel über Charkiw“ Europa vorhält. Versammelt darin „Nachrichten vom Überleben im Krieg“, wozu auch niederschmetternde Begegnungen zählen. Etwa mit einem trotz der Lage, 2014, „leicht gelangweilten“ Bundesaußenminister Steinmeier. Auch mit einem ehemaligen Bundeswehrgeneral, der behauptete, Russland habe ein Recht auf die Krim, und die Ukraine sei, „wenn sie sich wehrte“, „selbst schuld“. Nicht zu vergessen die Infamie einer Trotzkistin, die die Putin-Propaganda auf Flugblättern verbreitete.

Während das Tagebuch anno 2014, 2015, noch programmatisch verkündete, „Warum ich nicht im Netz bin“, versammelt „Himmel über Charkiw“ Texte, die auf Facebook und Twitter veröffentlicht wurden. Viele der Posts sind versehen mit Fotos, auch der erste Eintrag am 24. Februar, ebenso der letzte am 24. Juni, mit aufgetürmten Wolken in einem blauen Himmel über der „Sloboda-Ukraine“, dem in der Geschichte häufig schon umkämpften „Wilden Feld“ bei Charkiw. Zum Tag des Kriegsbeginns im Februar 2022 hält Zhadan fest, was ideologisch gepolte Realitätsverweigerer rabulistisch in Abrede stellen: „Dies ist ein Vernichtungskrieg und wir haben nicht das Recht, ihn zu verlieren. Wir müssen ihn gewinnen.“

Am kommenden Sonntag erhält Serhij Zhadan in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zur Begründung der Ehrung des 1974 geborenen Lyrikers, Romanciers und Musikers heißt es: „Nachdenklich und zuhörend, in poetischem und radikalem Ton erkundet Serhij Zhadan, wie die Menschen trotz aller Gewalt versuchen, ein unabhängiges, von Frieden und Freiheit bestimmtes Leben zu führen.“ Um ein solches, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, kommt man allerdings nicht um dieses Notat Zhadans herum: „Die Russen verüben einen Genozid gegen uns. Sie sind gekommen, um uns zu vernichten. Sie werden sich für ihre Verbrechen in jedem Fall verantworten müssen. Aber heute müssen wir uns verteidigen und siegen. Und dafür brauchen wir Waffen.“

Der Krieg, so hielt Zhadan schon 2015 fest, lässt einen den Glauben an die alten Gewissheiten verlieren, an die Glaubhaftigkeit der Wörter, an deren Gewissenhaftigkeit. Der Krieg, so Zhadan, ändere das Vokabular, bringe ein „schwarzes Vokabular“ hervor. Tatsächlich ein anderer Ton, vollkommen anders als in seinem Roman aus dem Krieg im Donbass, „Internat“, jetzt in „Himmel über Charkiw“. Unter dem Eindruck einer gezielt gegen die Zivilbevölkerung gerichteten Kriegsführung die Worte: „Wie kann man so etwas tun? Wie kann man so Krieg führen? Die russischen Soldaten haben weder Gewissen noch Ehre. Abschaum, einfach Abschaum.“

Diese Worte beurteilen das Kriegsverbrechen von Kramatorsk, das Massaker an Frauen und Kindern, die sich in den Bahnhof geflüchtet hatten, wo sie durch russische Raketen umgebracht wurden. Wie auf eine dermaßen kriminelle Kriegsführung reagieren, als Leidtragender einer enthemmten Kriegsstrategie – wie aber auch aus sicherer Distanz reagieren, ohne flott rezensieren zu wollen, wenn man auf eine Rote Linie verweist, sprachlich, moralisch, weil der Autor die Russen an zwei weiteren Stellen als „Unrat“ bezeichnet. Im Nachwort räumt Zhadan ein, dass der Krieg die „Perspektive verschiebt, die Wahrnehmung“, so „dass dir die Worte fehlen“. Es sind solche, die nicht „zu viel Wut und zu viel Machtlosigkeit“ enthalten. Es ist die Machtlosigkeit, die auch Zhadan dröhnende Worte finden lässt in seinem „öffentlichen Tagebuch“, das Beleg ist für eine Ohnmacht der Worte. Unredigiert aber auch ein Dokument ist für den einen oder anderen verbalen Schnellschuss, geschuldet Twitter und Facebook.

Eingestandenermaßen ist es für Zhadan eine Absage an den Schriftsteller Zhadan. Keine Zeit für „die Literarisierung der Wirklichkeit“, keine für Metaphern, auch wenn er dann doch Lyrisches wie ein Kassiber einschmuggelt: „Der Himmel ist still wie eine Klinik, deren Patienten evakuiert wurden.“ Nicht der einzige metaphysische Gedanke. Dass dem Friedenspreisträger unversöhnliche Töne fremd wären, ist ein Gerücht: „Damit müssen die Russen jetzt sehr, sehr lange leben – mit unseren Verwünschungen und unserer Rache.“ Der Krieg verändert alles, für einen Schriftsteller die Wahl der Wörter: „Die Soldaten sind wie innerlich erleuchteter Stahl: zornig, stark, bissig.“ Im Bann der Gewalt ein martialischer Gebrauch der Wörter, wozu auch ein neuer Habitus gehört: Zhadan legt sich eine Kosakenfrisur zu.

Geboren in Starobilsk, im Gebiet Luhansk, lebt Zhadan seit Jahrzehnten in Charkiw, so bereits 2006 beschrieben in „Anarchy in the UKR“. Bitterernst war es Zhadan mit seinen Berichten über seine Kindheit und Jugend, auf dem Rücksitz des Autos seines „Alten“, mit seinen Beschreibungen von abenteuerlichen Alkoholexzessen oder spärlichem Sex. Der Erzähler erlebt einen Sozialismus im Endstadium, festgemacht wird sein Konkurs in einem „plastischen Alltag in den Achtzigern“ anhand skurriler Details. Angesichts ruinöser Verhältnisse boten die Fußballfelder so etwas wie Freistätten. Das Fußballspiel, ob selbst auf dem Platz oder auf den Tribünen, war das zu verteidigende Existenzminimum, wozu unbedingt auch die Musik gehörte. „Wanna be anarchy/ No dogs body“, brüllten die Sex Pistols, von Zhadan ein zitiertes Motto, ein Leitmotiv: Anarchisch sein wollen, nicht irgendein blöder Hund.

Die Bücher:

Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot, Sabine Stöhr und Claudia Dathe. Suhrkamp Verlag 2022. 240 S., 20 Euro.

Warum ich nicht im Netz bin. Gedichte und Prosa aus dem Krieg. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe und Esther Kinsky. Edition Suhrkamp 2016. 172 S., 18 Euro.

Anarchy in the UKR. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Edition Suhrkamp 2007. 220 S., 14 Euro.

Die Erfindung des Jazz im Donbass. Roman. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp 2012, als Taschenbuch 2022. 394 S., 13 Euro.

Mesopotamien. Roman. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp 2015, als TB 2017. 366 S., 12 Euro.

Internat. Roman. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp Verlag 2018. 302 S., 22 Euro.

„Das Erwachsenenleben“, betont der Erzähler, „war anziehend und abstoßend zugleich.“ Das eine wie das andere, erst recht die Ambivalenz setzte der Autor einem schnoddrigen Sarkasmus aus, sein Erzähler konfrontierte mit einem Antihelden, der sich immer wieder gleichgültig gab gegenüber dem alltäglichen Irrsinn, auch dem politischen. Allerdings war diese Indifferenz ironisch gebrochen, anders als die Indolenz, wie sie zehn Jahre später in Zhadans Roman „Internat“ thematisiert wird. Darin ein minuziöser Realismus, der Einspruch gegen die anfängliche Apathie seines Antihelden erhebt. Nicht genau hinschauen, lautet das Motto der apolitischen Hauptfigur, der als Lehrer und „Staatsangestellter“ während der Zeitenwende in der Ukraine, 2014, jede politische Parteinahme verweigert.

Während seiner Anfänge wurde Zhadan zum „ukrainischen Rimbaud“ erklärt. Der Vergleich mit dem Abenteurer und Dichter der poetischen Entregelung und existenziellen Entgrenzung wurde begründet mit der poetischen Power Zhadans und einem anarchischen Eigenwillen: „Es gibt niemanden außer dir, es gibt keine Konventionen, keine Moral, nur dich und dein Gewissen, nur dich und dein Herz, das so schlägt, wie du ihm befiehlst, es gibt kein Sozium“. Kein Sozium: Attitüde oder Confessio, 1:1 zu verstehen? Viele schlitzohrige Himmelhunde sind in den Prosatexten unterwegs, an der Seite des Erzählers, im Kampf gegen Höllenhunde.

Man könnte darüber nachdenken, inwieweit „Anarchy in the UKR“ sich als Autofiktion lesen lässt. Unmittelbar ersichtlich, dass Charkiw in dem Buch eine Musterstadt der Architekturmoderne ist, nicht wegen des stalinistischen Klassizismus, aber wegen eines radikalen Konstruktivismus und Funktionalismus – nicht zu vergessen wegen Charkiws Metro. Sie führt ein offenes Geheimnis mit sich: „Wußtest du“, wird der Erzähler in „Anarchy in the UKR“ gefragt, „daß unsere Metrostationen für Bombenangriffe eingerichtet sind?“ Was vor fast 20 Jahren zu einem eher bizarren Dialog führte, ist unter dem Raketenhimmel über Charkiw nichts anderes als eine Überlebensstrategie, im Untergrund der Metropole, „tiefer als die meisten Meere“, dort, wo „Gott übernachtet mit dir“. Zeilen aus einem Song Zhadans.

Charkiw, das ist Zhadans „Mesopotamien“, wie es im Tagebuch heißt in nur zwei Zeilen, umso auffälliger verweisend auf seinen Roman „Mesopotamien“, der in Charkiw spielt, der Stadt „zwischen zwei Strömen, von beiden Seiten umspült“. Die Millionenmetropole als Zweistromstadt, als ein Sinnbild ungebärdiger Vitalität, wobei zur Vielfalt die kulturellen Energien ebenso gehören wie die kriminellen. Zhadans „Mesopotamien“ liest sich als ein Palimpsest, in dem sich das archetypische Babylon und ein Meltingpot des 21. Jahrhunderts überlagern – und das unter einem Himmel, in dem Heilige als recht humane Himmelhunde die Strippen zu ziehen scheinen.

Nicht im imaginierten Charkiw, nicht im idealen, vielmehr im realen Kosmos aus Kellern und Bunkern, aus Krankenhäusern und Depots ist Zhadan seit Wochen unterwegs, beteiligt an der Verteilung von Lebensmitteln oder Waffen. Er schafft Medikamente oder Drohnen herbei, einen Rettungswagen, Stiefel oder Süßigkeiten, und dabei ist er ständig auf den Beinen und zur Hand mit einem trotzigen Optimismus: „Allen eine gute Nacht. Morgen früh sind wir unserem Sieg wieder einen Tag näher.“

Was die ganz praktischen Aufgaben angeht, so nutzt er selbst unter den Bedingungen des Krieges Dutzende Gelegenheiten, um mit seiner Band aufzutreten: „Zhadan und die Hunde“. Hunde sind im Werk des Schriftstellers ständige Mitläufer, gehätschelt, ausgesetzt, verwahrlost, aggressiv, hilflos – mehr noch: „Die Straße war kaputt wie das Rückgrat eines Hundes, der unter einen Lastwagen geraten war“, heißt es in „Die Erfindung des Jazz im Donbass“. Darin, nicht zu vergessen, bereits 2012 imaginierte Flüchtlingsströme. Menschen als ausgesetzte Kreaturen.

Zu den ebenfalls wiederkehrenden Motiven Zhadans gehört, dass seine Figuren Charkiw häufiger von oben sich anschauen, etwa von einem Dach aus auf eine hochverdichtete Metropole, mannigfaltig wie nur was. In den letzten Wochen steht der Autor „Mesopotamiens“ vor einer zerstörten Bibliothek, einem ruinierten Museum, vor einem Haus, in dem er mal wohnte, ebenfalls abgebrannt. Überlebenswichtig die viele Nachrichten abschließende Bemerkung: „Über der Stadt wehen unsere Flaggen.“ Unterm Himmel von Charkiw die Stadt obenauf.

Und doch, Charkiw im Ausnahmezustand, mit seinen trügerischen Realitäten, mit seiner „trügerischen Relativität von Bedrohung und Sicherheit“, einem Viertel unter Beschuss, während man an anderer Stelle aus den Kellern kriecht. Entwarnung? „Es ist zu früh, um sich zurückzulehnen. Wir können uns keine Niederlage leisten. Wir müssen den Feind zerschlagen und unsere Gebiete befreien.“ Was denn sonst? Denn man stelle sich vor, wie ein Leben unter einem Besatzungsregime aussehen wird. In einer Zukunft des totalen Terrors, beherrscht von Vertreibung, Folter und Mord. Oder erwarten diejenigen Menschen- und Russlandkenner, die der Ukraine die Kapitulation nahelegen, eine geläuterte russische Tyrannei?

Zur Gegenwart Charkiws gehört der Abschied von getöteten Bekannten, die Trauer über verlorene Freunde. Zur Wirklichkeit gehören „lange Sommerabende, gefüllt mit dem Hineinhorchen in den Himmel“. Zum Kriegsalltag gehört, dass die Preise seltsamerweise nicht explodieren, offenbar auch die Spekulation nicht zunimmt – und obwohl der Krieg „die ganze Zeit irgendwo nebenan“ ist, zeigt sich die Bevölkerung „nicht verängstigt“, „eher hellhörig“.

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