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Serhij Zhadan bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – „Wir vergessen all das, was uns eint“

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Von: Judith von Sternburg

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Serhij Zhadan.
Serhij Zhadan. © dpa

Der großartige ukrainische Schriftsteller und kluge Zeitgenosse Serhij Zhadan erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Es ist gut, es ist das Mindeste, was man tun kann, dass Serhij Zhadan den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Geehrt, hieß es am Montag, werde der 47-jährige ukrainische Schriftsteller und Musiker für sein „herausragendes künstlerisches Werk sowie für seine humanitäre Haltung, mit der er sich den Menschen im Krieg zuwendet und ihnen unter Einsatz seines Lebens hilft“.

Besser wäre offensichtlich eine Welt, in der man sich allein mit Serhij Zhadans Gedanken über die Liebe beschäftigen könnte, denn dort „verlieben sich Männer, / wie Wale am Ufer stranden –/ ohne jede Chance auf Rückkehr“. Die Liebe ist groß und gewaltig, und gefährlich ist sie auch. In der Region, in der Serhij Zhadan lebt, herrscht aber seit Jahren Krieg, nicht erst seit dem 24. Februar. Zhadan schreibt ohne Unterlass darüber – auch die wunderbaren Zeilen über Männer und Wale in dem Suhrkamp-Band „Antenne“ (2020) haben ihren Ausgangspunkt in einem Trotz, dem Trotz, dass es wirklich wichtige Dinge gibt, und „das Wichtigste ist, dass keiner / der Versuchung widerstehen kann, hoffnungslos verliebt zu sein“.

Nie aber mangelt es ihm an Klarheit: „Liebe Europäer“, schrieb er in einem Beitrag für den „Spiegel“ im März, „machen Sie sich keine Illusionen: Dies ist kein lokaler Konflikt, der morgen zu Ende sein wird. Dies ist der dritte Weltkrieg. Und die zivilisierte Welt hat kein Recht, diesen zu verlieren, wenn sie sich für zivilisiert und unabhängig hält.“

Nie aber mangelt es ihm auch an einem klaren Blick für das Komplizierte in allem. In seinem „Luhansker Tagebuch“ von 2014, nachzulesen in dem eigentlich Zeile für Zeile zu zitierenden Band „Warum ich nicht im Netz bin. Gedichte und Prosa aus dem Krieg“ (2016), heißt es am 30. April: „Unser Eifer kostet uns die Ruhe. Unsere Angst kostet uns die Freude. Unsere Verschlossenheit und die Weigerung, den anderen zu verstehen, kostet uns den Frieden. Wir werden uns voreinander fürchten, uns misstrauen, uns verdächtigen, uns bekämpfen, nicht zuhören, nicht reden. Und wir vergessen all das, was uns eint, all das, was uns glücklich machen und Liebe zu diesem Leben schenken soll. Irgendwann kommen wir zu Gott, treten ihm unter die Augen, bringen irgendeine Rechtfertigung an, wir Enttäuschten, Erschütterten, Verbitterten. Mit unseren zerrissenen Herzen und leeren Händen.“

Im Gebiet Luhansk wurde Zhadan 1974 geboren, studierte in Charkiw Literaturwissenschaft, schrieb seine Dissertation über ukrainischen Futurismus und veröffentlichte 2004 seinen ersten Roman, der unter dem schlüssigen Titel „Depeche Mode“ in die anarchischen postsowjetischen Verhältnisse in den 90er Jahren zurückführt.

Hunde im Weltraum

Parallel zum Erscheinen seiner Romane, Gedichte, Essays übersetzte Zhadan auch aus dem Deutschen, Englischen, Belarussischen, Russischen und organisierte er Literatur- und Musikfestivals für die offenbar quicklebendige Stadt Charkiw. Als Rockmusiker verfasste er eigene Liedtexte, seit 2007 singt er in der Band Sobaki v kosmosi (Hunde im Weltraum). Im „Luhansker Tagebuch“ geht es um Touren und schwieriger werdende, aber mögliche Gespräche. „,Es stimmt‘, sagen sie, ,wir haben für Janukowytsch (den russlandfreundlichen Ex-Präsidenten, d. Red.) gestimmt, für wen denn sonst?‘, fragen sie verwundert. Einer staunt über den anderen, als hätten wir nicht die ganze Zeit in einem Land gelebt, uns auf einem Territorium befunden.“ Das Problem sei, so Zhadan weiter, „dass uns ebenso viele Dinge verbinden wie trennen, und das darf man nicht vergessen. Um nicht irgendwann zur Waffe zu greifen.“

In seinen Büchern bewegt sich Zhadan mit wunderbarer Sicherheit zwischen den Sprachen und Bevölkerungen – man könnte darüber lächeln, wie die einen Charkiw und die anderen Charkow sagen, aber das Lächeln ist einem vergangen –, praktisch jeder Satz strahlt aus, dass man sich arrangieren muss, aber dass das auch möglich wäre, dass das jedenfalls einmal möglich war.

Der, wie man inzwischen sagen muss, Vorkriegsroman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ (2010 auf Ukrainisch, zwei Jahre später auf Deutsch erschienen) ist eine durchaus fantastische Road-Novel, in der Platz für die Liebe ist. Die Schurken sind die Oligarchen, es herrscht der übliche Wahnsinn.

Der auch in Deutschland durchschlagend erfolgreiche Roman „Internat“ (2018) erzählt indes von einer bereits so zerstörten Welt, dass sich die Frage stellt, wie ein Mensch noch an ein gutes Ende glauben konnte. „Internat“ wurde damals beim Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung geehrt – Juri Durkot und Sabine Stöhr gewannen, aber der Autor durfte sich unbedingt mitgemeint fühlen.

Teenager im Schutzkeller

Zhadan nimmt die großartige Perspektive des friedlichen, etwas unbedarften Lehrers Pascha ein. „Wer braucht denn überhaupt Politik“, denkt sich Pascha, und wird später erklären: „Gegen mich kämpft niemand (...), ich bin auf niemandes Seite“. Er schlägt sich durch eine umkämpfte Stadt, um seinen Neffen aus dem frontliniennahen Internat abzuholen. Er gerät in Gefahr, bizarre Situationen, aufschlussreiche Gespräche. „In Ihrem Land“, sagt ein Ausländer, „ist Geschichte unterrichten wie Angeln: man weiß nie, was man rausholt.“ Im Internat aber verbringen die Teenager die meiste Zeit in den Bombenschutzkellern, ängstlich und gelangweilt zugleich. Bilder von heute, mehr als vier Jahre alt.

Serhij Zhadan weiß, wovon er spricht. Es gibt allen Grund, ihn ernst zu nehmen, und allen Grund, ihm den Friedenspreis zuzuerkennen, der am Ende der Frankfurter Buchmessenwoche vergeben wird, diesmal am 23. Oktober.

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