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Duisburg. Dort, wo „Gastarbeiter“ einst sehr gesucht waren, spielt Selim Özdogans Krimi.

Kriminalroman

Selim Özdogan: „Der die Träume hört“

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Dem anderen ein Rücken sein - darum geht es in Selim Özdogans Krimi „Der die Träume hört“. 

Die erste Generation „Schwarzköpfe“, die nach Duisburg, Dortmund, Oberhausen kam, hat malocht. Für die Familie. Die zweite Generation aber wollte sich so nicht einrichten, abkämpfen, für nicht viel mehr als einen krummen Rücken und kaputte Lungen. Einer, der seine Talente, nun ja, kreativer nutzt, ist Kamber. Ein Spieler, kalter Hund, einer, der jede Abkürzung sieht und sie auch nimmt. Nizar Benali wächst mit ihm auf, sie sind keine Brüder, aber Kamber ist wie ein Bruder für ihn. Doch dann entscheidet sich Kamber für die Laufbahn eines Kriminellen und Nizar irgendwann für die eines Detektivs. Sonntag für Sonntag sitzt letzterer nun bei Kambers Mutter Sevgi, die ihm die Liebe gab, die er von seiner leiblichen Mutter nicht bekam, hört ihr zu, weil es kein anderer mehr tut. „Alles für die Familie, hatte ich gelernt.“

Nizar Benali ist – bis auf kurze, kursiv gesetzte, rückblickende Abschnitte – Selim Özdogans sympathisch durchschnittlicher Ich-Erzähler. Aber sensibel genug, die Träume der anderen zu hören, auch wenn er selbst keine mehr zu haben scheint – außer vielleicht: anständig bleiben. Der 1971 in Köln geborene, zweisprachig aufgewachsene Autor Özdogan zeichnet ein Milieu, in dem die dritte Generation „Schwarzköpfe“ zwar aufs Gymnasium geht, sich aber keineswegs akzeptiert fühlt. In dem die jungen Türkischstämmigen eine Heimat im Hip-Hop finden, sie jedes Wort mitrappen können, zum Beispiel von Dr. Dres „Still don’t love the police“, und die Macho-Klischees des Gangsta-Rap, wenn es schlecht läuft, als möglichen Lebensentwurf begreifen.

Wie Lesane, 17, dessen Eltern (findet er) unnötig Stress machen. Und der darum selbst Stress macht. So dass seine Mutter der Meinung ist, das sei ein guter Augenblick, Nizar in die Pflicht zu nehmen, der bis dahin gar nicht wusste, dass Lesane sein Sohn ist, und sich erst von einem Vaterschaftstest überzeugen lässt. Gern möchte Nizar nun Lesane „ein Rücken sein“, wie er es bei Sevgi gelernt hat, dass man seinen Nächsten ein Rücken ist, aber der Junge macht es ihm nicht leicht.

Selim Özdogan pflegt einen eigenen, unaufgeregten, fein nuancierten und glaubwürdig mit Jugendsprache arbeitenden Ton. Man hört Nazir aufmerksam zu, auch wenn er gar nichts Spektakuläres zu erzählen, keineswegs von actiongeladenen Einsätzen zu berichten hat. Wie sollte er auch, er ist ja kein Kommissar in der Mordkommission, er versucht nur, dem bereits in so jungen Jahren ehrgeizig dealenden Lesane aus der Patsche zu helfen, nachdem dieser sich Stoff hat klauen lassen und der Drogenboss sein Geld zurück will. Und er versucht, seinem Sohn nebenbei zu sagen: Entscheide dich für den geraden Weg, werde und bleib sauber. Er hat freilich keine Ahnung, ob es funktionieren wird.

Selim Özdogan: Der die Träume hört. Kriminalroman. Edition Nautilus, Hamburg 2019. 288 S., 18 Euro.

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