Selbstverständlich unfähig zu Ehe und Broterwerb

Der monströse Privatgelehrte Jürgen von der Wense (1894 - 1966) geizte mit jeder Minute und stopfte die ganze Welt in 1500 Briefe

Von ULRICH HOLBEIN

Autoren haben ca. drei Triebfedern: 1.) Publikationsgeilheit, 2.) soundsoviel Schmalspur-Inhalt, dann lange nichts, 3.) höchstenfalls a bisserl Doppelbegabung, im Idealfall sogar 0,9 Prozent Ingenium. Exakt umgekehrt beim polyphonsten aller Kosmopoliten - Wense (1894-1966). Zunächst schien der Maschinenbau-, Jura-, Nationalökonomiestudent, Feldwebel (1915 buk er mit 7 Stubengenossen einen Kollektivkuchen aus deren Ejakulaten) und Buchhändler, der sich am Klavier die Finger blutig spielte, Expressionist und Avantgarde-Neutöner zu werden, ehe er plötzlich Chinesisch lernte, um Lao Dsi zu übersetzen, plus 100 Sprachen, nicht nur so naheliegende wie Arabisch, Dänisch, Sanskrit, vor allem auch (eingehender als Raoul Schrott) Altirisch, Suaheli, Syrisch, Kymrisch-Walisisch.

Unfähig zu Broterwerb und Ehe, stürzte sich der Novalis-, Mahler-, Buxtehudeexperte, kurz bevor Google sich anbahnte, als letztes Universalmonstrum aufs Genre ‚Weltvermessung'. Ländlich lebend, ernährte ihn eine Mäzenin mit 222,22 Mark im Monat. Früh um 6 ging er ans Werk. Im "Tal der 1000 Wasserfälle" in Kärnten schrieb er seine "Gesänge der Südsee". Mit jeder Minute geizend, 14 Stunden pro Tag, bereitete er eine "Geschichte der Weltliteratur" vor, in der er im Anhang auch Europa streifen wollte.

1920 sammelte er mit Bela Bartók ossetische Volkslieder. Ein weltumspannendes Gigantprojekt, Arbeitstitel "All-Buch", schwoll langfristig an. Dschuang Dsi, Titurel, Leopardis Zimbaldone stellte er über Benn, Musil, Kafka und Dante, Puccinis Schwalbe über Bachs Weihnachtsoratorium, Tolteken-, Zapoteken- und Totonakenlieder über Thomas Mann (den er viertrangige Unterhaltungsliteratur nannte). Verstrickt in Recherchen, sah er ratlos jedes seiner Hauptthemata unter der Hand Metastasen kalben, schwamm im Strom und Stau disparat zueinandergebogener, fleißig ausnanderdriftender Materialien, versank in deren Eigendynamik, uferte ausdauernd aus und tauchte praktisch nie mehr auf. Gemeinsame Nenner der zerfleddernden massa confusa ließen sich immer schlechter festlegen. Wechselnde Ordnungssysteme gebaren Nachteile und Paradoxa. Sobald ein Zipfel stockte und ihm die Hydra über sämtliche Hemisphären wuchs, pfropfte der entflammbare Linguist, Seismo- und Astrologe, statt irgendwas zurückzufahren, auf den "Hochbau meiner Fragmenta", weitere Vertiefungsgebiete: Afrikanistik, Aviatik, Paläontologie, Wasserbauwirtschaft.

Er kreiste um Schafzuchtprobleme auf oberem Muschelkalk, Klosterkultur, islamisches Obligationsrecht, Forstwesen, nutzeffektlos, ohne definitive Zwischenresultate, entwarf Lautschriften, übertrug Heraklit und Gedichte des Königs Mirambo von Unjamwesi, vertonte Yeats (BBC!). Verleger nannten seine Projekte "nicht aktuell". Kaum winkte mal mögliche Teilpublikation, zuckte er zurück, bangte, in Buchform "gebunden" zu sein. Er schuftete sich um Hirn und Kragen, aber nachdem er - objektivem ‚Fluß ohne Ufer' verpflichtet - Jahr um Jahr nichts abgerundet hatte, wurde Jahrzehnt um Jahrzehnt erst recht (fast) nichts fertig.

In der 2. Lebenshälfte mutierte der Stubengelehrte zum überall hautnah eintauchenden Feldforscher, der eine flächendeckende General-Inventur von ihm durchwanderter Landstriche zwischen Lippe und Main anstrebte, als erster und einziger Landschaftsdeuter, Geognost und "Mystagoge der Landschaft". Mangels festem Wohnsitz, den er 28 x wechselte, entging er dem Nazi-Erfassungsnetz. Auswandern umging er durch Herumwandern, in toto 42000 km. Selbst das bombardierte Göttingen nahm er gelassen; alles nur Materie. Ein weiteres buchsprengendes Pilotprojekt schwebte ihm rauschhaft vor, schwoll auf, ein "Wander-Buch". Über ihm Meteorologie, unter ihm Mineralogie, versank der seltsame Ethnologe in Struktur, Skulptur, Kontrapunktik, Agogik von Kaufunger Wald, Lahnquellengebiet, Diemel, vergaß oft sein Ziel und sich - "dann fiel ich mir wieder ein".

Die Vermessung der Welt ging bei ihm derart weit, dass er die 7 Weihnachtsstollen vermaß, die ihm gute Seelen sandten. "Keine Welt- oder Weltraumreise ersetzt eine Stunde auf dem Dörnberg": selten klang was so hirnrissig, vor allem aber - zum Ausgleich - wie naturmystische Wahrheit pur. Er sah sich als Transformator des Kraftstroms deliranter Weltphantasie und taumelte durchflutet - quer durch. Ohne sich seine Dauer-Erleuchtungen von einem Hund, der ihn ins Bein biß, perforieren zu lassen. Einzig von Sexualität verstünde er nichts, scherzte er. Aber bei bestimmten Akkorden bekam er Erektionen. Wer ihn kannte, hielt ihn für einsam; er aber gab sich hochgesellig Sternen, Billiarden Lichtnebeln und Feuerkugeln hin. Mit sieben sukzessiv mitwandernden Quasisöhnen namens Dieter, Eckart, Heinrich, Herbert, Ortwin, Hartwig u.ä., keusch wirkenden Relationen, umgab er sich, um sich mit ihnen bisweilen wie Strahlen zu durchdringen, mit ihnen Silure, Quarzite, Kulmkieselschiefer zu sammeln und Gebirgsluft zu atmen.

Bei der Beerdigung seiner Mutter 1951 ging ihm auf, daß die Bamberger Urkunden Heinrichs des Zweiten, statt von Rüdiger, von Wiprecht geschrieben sein mußten. Ergraut, hatte er immer noch keins seiner Bücher publiziert, sich aber weidlich an Fassungen, Inhaltsregistern, Indexen berauscht. Briefe (voluminös wie im 19. Jahrhundert), in denen er alles ankündigte, lenkten ihn davon ab. Variationsreich erklärte er, warum er bisjetzt keins seiner Werke geschrieben hatte; auf Postkarten kündete er weitere Briefe über Gesamtkunstwerke (und Werke) an. Grass u.a. Gegenwartsliteratur schalt er 1963 Schweinerei, denkfeige, indiskutabel, Ramsch. Buchkritiken in der Zeit fand er "primanerhaft". Der Greis, streng auf sein Debüt hinarbeitend, knüpfte an liegengebliebenen Viertfassungen umgearbeiteter Jugendsünden an. 1962 griff er seine Personalgeschichte des Reichskammergerichts zu Wetzlar wieder auf. Weil er zu sehr Alles wollte, wurde aus Allem zunächst nichts. Nimmermüd verrannt, dokterte, brütete, scheiterte, würgte er an neun Unvollendeten herum, in summa: an einer grenzenlosen Nullten Symphonie. Die schenkte er Gott.

In allen Himmeln weilend, ließ er hinterher seinen Babelturm als kaum hinaufreichende Großbaustelle herumstehn. Dann Bronchitis, Migräne, Blase, Krebs. Im Krankenhaus sang der Patient Götterdämmerung, 2. Akt, Ton für Ton, und alle Sphären sangen mit. Ohne vorher extrem vorhanden gewesen zu sein, tauchte er unter, wie Lao Dsi. Wenses Dao-Maxime "Spectare non spectari" vermochte er, indem er unpubliziert und unaufgeführt blieb, fast vollständig durchführen. Trotzdem hinterließ er 60 000 Nachlaßseiten, 40 Tagebücher, 258 Meßtischblätter (Querbezug Arno Schmidt), 40 Kompositionen, 3000 Fotos; 3000 von 6000 Briefen. Vier postume Wensebücher erschienen seit 1987 bei Matthes & Seitz. Soeben erwiesen sich seine nebenbei hingeträllerten 1500 Briefe, sortiert nach ABC-Begriffen wie Abdriftwinkel, Comic-strips, Erdlicht, Hündleinsprache, Klapperdrachen, Wahnkante, Zechsteinrücken, als sein eigentliches, wundersam unauslotbares Hauptwerk.

Hans Jürgen von der Wense:"Von Aas bis Zylinder." Werke I/II, 2 Bände und ein Begleitband. Hrsg. von Reiner Niehoff und Valeska Bertoncini. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2005, 1572 Seiten und 168 Seiten, 59,90 Euro.

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