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Wolfgang Beltracchi 2011 im Landgericht.

Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi

Selbstporträt eines Einfaltspinsels

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In seiner Autobiografie arbeitet der verurteilte Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi flugs seine Geschichte auf. Niederlagen gibt es in seinem Leben nicht.

Wer die eben erschienene Autobiografie Wolfgang Beltracchis, des größten Kunstfälschers des 21. Jahrhunderts, gelesen hat, der zweifelt nicht daran, dass Han van Meegeren, der größte Kunstfälscher des 20. Jahrhunderts, ein armer Tropf gewesen ist. Der Niederländer hat Werke Jan Vermeers auf bis heute unerreichte Weise gefälscht und ist – in den 20er und 30er Jahren – auch reich damit geworden. Schön und gut. Aber im Übrigen hat er alles falsch gemacht: Er hat lange Jahre an der Kunstakademie gelernt (welche Zeitverschwendung), hat sich als Maler einen Namen gemacht (wozu der Aufwand?), wurde vom Publikum gefeiert (was bringt das?), aber von der Kunstkritik verachtet, und deshalb, nur deshalb, um der Kunstkritik ihre Ignoranz und Niedertracht zu zeigen, ist Han van Meegeren zum Fälscher geworden. Und wozu? Die Kunstwelt ist seitdem nicht besser geworden, nur Han van Meegeren ist die Karriere als Fälscher schlecht bekommen: „Mein Triumph als Fälscher war meine Niederlage als schöpferischer Künstler.“ Die Bankrotterklärung eines armen Tropfs.

Sachverständige sind käuflich

Folglich findet sie sich nicht in der Autobiografie („Selbstporträt“) des verurteilten Fälschers Wolfgang Beltracchi und seiner ebenfalls verurteilten Frau Helene. Denn wer 30 Jahre lang Henri Matisse und Max Ernst gefälscht hat, Francis Picabia und Max Pechstein, André Derain, Heinrich Campendonk und Fernand Léger, wer sein halbes Leben damit verbracht hat, dem Kunstmarkt nachzuweisen, was seit van Meegeren niemand bezweifelt – Sachverständige sind käuflich, Galeristen habgierig, reiche Käufer selber schuld –, wer Kunst nur als Gelegenheit begreift, das schnelle, das allerschnellste Geld zu machen, und keine Gelegenheit ausgelassen hat, der spricht selbst da noch von seinem Triumph, wo van Meegeren seine Niederlage beklagte. Niederlagen kommen im Leben Wolfgang Beltracchis nicht vor, weshalb er in seiner Autobiografie auf 600 Seiten keinen Gedanken an sie verschwendet.

Genauer gesagt scheint er überhaupt jeglichen Gedanken für Verschwendung zu halten, mit der Folge, dass er komplett auf sie verzichtet und sich auf Darstellung – vor allem seiner selbst – beschränkt.

Also schildert er, wie ihm – 1951 unter dem Namen Wolfgang Fischer als Sohn eines vom Leben enttäuschten Kirchenmalers geboren – die Flucht aus der Provinzhölle in Höxter und später Geilenkirchen gelang, dazu passend der Verweis vom Gymnasium, der Ausbruch aus der Kunstakademie ins wahre Leben der Junkies, Trödelmärkte, Klein-Ganoven, sodann die Selbsterfahrung, dass sich mit Kunsthandel Geld verdienen lässt, aber mit Kunstfälschung bedeutend mehr, schließlich die Heirat mit Helene Beltracchi, deren Namen er annimmt, denn aus Beltracchi leuchtet der Künstler deutlicher hervor als aus Fischer.

Mit anderen Worten: Das Leben, das Wolfgang Beltracchi den Lesern präsentiert, entspricht bis ins Detail jedem Klischee, das sich vermutlich Provinzhöllenbewohner vom so genannten Künstlerleben machen: Die „Domaine“ in Südfrankreich, morgens im Bistro Café und Croissants, bis zum Mittag den Pinsel schwingen („,Wie geht es dir, du siehst so zufrieden aus?‘, sagte Michel. – ‚Mir geht es super. Und dir?‘ – Ich lachte in mich hinein, hatte ich doch heute Bilder im Wert von einer Million gemalt.“), dann ein Gläschen Rotwein, später Ausfahrt im wunderbaren Land Rover mit der wunderbaren Frau, den wunderbaren Kindern, das alles im beglückenden Bewusstsein, der größte aller Künstler zu sein, der lebenden und der toten.

Aber er ist nur der toteste unter den lebenden Künstlern. Beltracchi glaubt unbeirrt daran, dass jede Matisse-Fälschung von der Hand Beltracchis eine Matisse-Ergänzung ist und jede Max-Ernst-Fälschung von der Hand Beltracchis eine Max-Ernst-Vervollkommnung. Als ihm wieder einmal eine Max-Ernst-Fälschung so vollkommen gelungen ist, dass der Sachverständige die Fälschung nicht bemerkt, wundert sich Beltracchi, dass seine Frau das Offensichtliche nicht sieht: „Warum sagt sie nicht einfach: Du bist genial, mein Schatz?“ Sekunden später – fast zu spät – sagt sie es: „Du bist ein Genie, und du musst jetzt essen.“

Der Ton, den Beltracchi in dem Buch fast unentwegt anschlägt, ist das zufriedene Schnalzen des erfolgreichen Bankräubers, der das Geld abhebt, das andere eingezahlt haben, und glaubt, damit zum Bankkunden geworden zu sein. Das ist der Irrtum Beltracchis: Jahrzehntelang hat er von den in Jahrhunderten gefüllten Konten der Kunst mit seinen Fälschungen unbegrenzt abgehoben, aber zugleich besteht er darauf, als Einzahler, als kreativer Künstler durchzugehen. Und wozu das alles? Er schreibt: „Wozu macht man das alles denn? Doch nur, um sich mit schönen Dingen zu beschäftigen und all das zu genießen, was die Lieben, diese Leben und die Kunst zu bieten haben.“ Das könnte auch ein flüchtiger Bankräuber sagen, ein getürmter Anlagebetrüger und ein Kulturspießer aus Höxter.

Das Landgericht Köln hat Wolfgang Beltracchi im Oktober 2011 wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu sechs Jahren, seine Frau Helene zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Zur juristischen Aufarbeitung des größten Fälscherskandals der deutschen Nachkriegsgeschichte benötigte das Gericht nur neun Verhandlungstage, doch ging es da auch nur um 14 Fälschungen. Mehr als 200 gefälschte Matisses, Ernsts, Campendonks etc. hängen bis heute unerkannt weltweit in Museen und privaten Sammlungen. Noch schneller als die Kölner Richter waren die Eheleute Beltracchi mit ihrer persönlichen Aufarbeitung. Sie legten jetzt nach nur drei Jahren das 600-seitige Selbstporträt und den 476-seitigen Briefwechsel vor, den sie während ihrer Haftzeit verfasst haben. Das Trostloseste an den Büchern ist, dass Wolfgang Beltracchi nicht verstehen wird, warum sie so trostlos sind.

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