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Selbstmörder und Mythomanin

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Aufregendes Grübeln mit coffee table book: Antoine und Consuelo de Saint Exupéry waren ein prekäres Ehepaar

Von KATHARINA RUTSCHKY

Es gibt Leute, vor denen man im wirklichen Leben Reißaus nehmen würde, gegen deren Bekanntschaft, sind sie erst tot und zwischen zwei Buchdeckel gesperrt, man aber nicht das Geringste einzuwenden hat. Zu diesen Leuten gehören Antoine de Saint Exupéry (1900-44) und seine Ehefrau Consuelo. Sie überlebte ihn um 35 Jahre - was ihr Gelegenheit gab, nicht nur von seinem Nachruhm zu profitieren, sondern auch an Legenden zu weben, die sie selbst erhöhten. In ihren Erinnerungen war sie die schöne, interessante und allseits begehrte Witwe eines Medienmachers, der Saint Exupéry, seinerseits hässlich und als Postflieger noch nicht erfolgreich, auf einem Rundflug über Buenes Aires einen Heiratsantrag macht. Keineswegs war sie die exzentrische Abenteurerin, die ein Jahr lang mit einem dreißig Jahre älteren Mann verheiratet war, bis er ein Jahr später Selbstmord beging. Keineswegs war das Ziel ihrer Reise, sein Vermögen in Argentinien zu kassieren...

Consuelo schien sich dem hässlichen Flieger, Aristokraten und angehenden Erfolgsschriftsteller quasi zu opfern. Seine Liebe zu ihr drückte sich in den 13 Ehejahren vor allem in den zärtlichsten Briefen und über seinen Tod hinaus in finanzieller Fürsorge aus. Consuelo machte immer wieder Versuche, sich als brave Ehefrau zu gerieren, die dem inzwischen berühmten Flieger-Autor in luxuriösen Wohnungen und Sommerhäusern Frieden und Ruhe für seine Arbeit schafft. Als ob sie das Klischee von der Muse und dem Genie mit dem der Hausfrau zusammenbringen wollte.

Rührei um Mitternacht

Das konnte nicht klappen. Erstens, weil Saint Exupéry das bürgerliche Leben, jede Konvention so sehr verabscheute, wie es sein Kleiner Prinz bis heute so erfolgreich im Namen kindlicher Wahrhaftigkeit tut. Zweitens war er Consuelo nie treu und schrieb zärtlichste Briefe von Anfang alleweil an eine ganze Kette von alten und neuen Freundinnen und Verehrerinnen. Eine davon, eine französische Aristokratin, reich, gebildet und vernünftig, wurde seine literarische Testamentsvollstreckerin - nicht Consuelo, die bloß erbte. Drittens konnte Consuelo, so sehr sie sich in Jahrzehnten um eine Liebes- und Opferlegende als Witwe bemühte, die Spuren von Neid und Eifersucht nicht tilgen, die ihrerseits diese Ehe und dieses Ehepaar für jeden teilnehmenden Beobachter zu einer Horrorshow machte.

André Maurois, in die USA emigriert wie das Paar nach der Niederlage Frankreichs, fand das week end im teuren Sommerhaus wenig erholsam. Mitten in der Nacht, begeistert von einem zeichnerischen Einfall für den Kleinen Prinzen, weckt Saint Ex (wie ihn die Freunde nennen) das ganze Haus auf. Kaum herrscht wieder Ruhe, verlangt der Hausherr nach Rührei und kommandiert weitere Nachtstunden später die Ehefrau zu einem Schachspiel aus dem Bett...

Die Macken und Launen eines berühmten Autors, so abstoßend sie im Grund auch sein mögen, gehen in seine Biographie als Anekdoten ein. Saint Exupéry versteht sich auch in einer nüchternen, angelsächsischen wie der von Stacy Schiff, aus der ich bisher geschöpft habe, wie von selbst. Um so betrüblicher, dass 27 Jahre nach dem Tod von Consuelo 1979 weder ihr Privatsekretär und langjähriger Begleiter, noch ein schriftstellernder Freund den Mut hatten, über die Ehe der Saint Exupérys, ihre Lügen, ihr Unglück und die historischen Verdrehungen der Geschlechter zu Zeiten erster Emanzipation mehr zu produzieren wussten als ein opulentes coffeetable book.

Wer von den Leserinnen des Kleinen Prinzen Interesse an der Frau haben, die an seiner Seite stand, kommt bei diesem reich illustrierten Album auf seine Kosten. Er, besser gesagt wohl sie, muss nur gescheit und phantasievoll genug sein, Consuelos Geschichte richtig zu lesen, um in die Abgründe der Geschlechterbeziehungen von gestern zu tauchen. Dabei könnte auch auf den kindlichen Kaiser Saint Expéry neues Licht fallen.

Geblieben ist von dem Aristokraten, verklärten Fliegerhelden und Schriftsteller wider Willen der Kleine Prinz - eine rührende, aber inzwischen doch etwas kitischige Phantasie über Kindermund, der Wahrheit spricht. Er war als Kinderbuch geplant, mutierte aber schnell zum philosophischen Schatzkätzlein der aufgeklärten weiblichen Mittelklasse.

Consuelo dagegen hatte die erste Hälfte ihres Lebens als eine Art playgirl von undurchsichtiger Herkunft verbracht. Angeblich stammte sie aus bester mittelamerikanischer Familie, angeblich war sie mit einem Universitätsstipendium in die USA gekommen, angeblich hatte sie sich dort zum ersten Mal verheiratet, angeblich, angeblich...

Den Impuls gespürt?

Was den von Anfang an untreuen Saint Exupéry zur Eheschließung mit Consuelo verführte, waren weder ihre Schönheit noch ihre Intelligenz. Es war die ungewöhnliche Mischung von Bohème und Ordnung, in der eine Frau um 1930 ihre Chancen sah, und es war ein Mann wie Saint Exupéry, der mit einem playgirl die Flucht vor jeder Normalität antreten konnte - selbst in eine Ehe. Consuelo warf bei Abendeinladungen mit Tellern, beeindruckt dann aber auch wieder mit Empathie und Interesse. Hat sie seinen selbstmörderischen Impuls erkannt, als er sich 1943 zum Kampfflieger meldete?

Wäre er nicht so berühmt gewesen, hätte ihn die US-Army nicht akzeptiert und schon gar nicht erlaubt, dass er zu dem Flug aufgebrochen wäre, bei dem er 1944 den Tod fand, den er doch schon so lange gesucht hatte.

Consuelo starb erst 1979. Sie hat sich als Witwe des 1944 über dem Mittelmeer im Nichts geendeten Kriegshelden und späteren Bestsellerautors durchgemurkelt. Gedarbt und gehungert hat sie wahrlich nicht - aber wer sie wirklich war oder hätte sein können, davon kein Gedanke in diesem Buch, das man am besten unterm Strich und mit vielen Hintergedanken liest. Nicht einmal das Geburtsdatum von Consuelo ist gesichert!

Keiner hat sich je die Mühe gemacht, Fakten zu checken oder gar die mythomanischen Konstruktionen zu erläutern, denen sie nicht erst als Witwe immer den Vorzug vor der Wirklichkeit gegeben hat. Ihr Leben schien ein wüster und wilder Traum - einer jedoch, in dem der wohlerzogene, aber leichtsinnige, depressive und selbstmörderische Aristokrat, Schriftsteller und Flieger Saint Exupéry gern vorkommen wollte.

A. Vircondelet / J. M. Fructuoso:Antoine und Consuelo de Saint Exupéry. Eine legendäre Liebe. Deutsch v. C. Steinitz. Verlag Antje Kunstmann, München 2006, 181 S., 24,90 Euro.

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