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Selbstjustiz, um 1968

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F. C. Delius schwankt zwischen Dokumentation und Roman

Von THOMAS FITZEL

Am achten Mai 1945 war der Nationalsozialismus in Deutschland nicht überwunden. Verstockt überdauerte er noch bis weit in die sechziger Jahre inmitten der bürgerlichen Gesellschaft, bis er schließlich nach und nach ganz natürlich ausdünnte. Heute muss keiner mehr befürchten, auf dem Amt oder vor Gericht einem früheren NSDAP-Mitglied zu begegnen. Und so verschwindet die Erinnerung an das Nachleben des Faschismus genauso wie die Frühzeit der Bundesrepublik inzwischen in das warm schimmernde Licht der Mythen gerückt wird. Filme wie Der Untergang oder Das Wunder von Bern sind die besten Beispiele dafür.

Dagegen bietet das jüngste Buch von Friedrich Christian Delius Mein Jahr als Mörder beste Aufklärung. Am exemplarischen Fall von Anneliese Groscurth, deren Ehemann als Widerstandskämpfer hingerichtet worden war, schildert er sehr genau das geistige Klima der fünfziger und sechziger Jahre und vor allem die juristische Praxis jener Zeit. Zwanzig Jahre lang musste Anneliese Groscurth vor Gericht streiten, bis die Bundesrepublik sich 1972 endlich auf einen Vergleich einließ, der ihr zwar nicht Recht aber zumindest Ruhe verschaffte. Sie hatte ihre Anstellung als Amtsärztin sowie ihren Rentenanspruch als Verfolgte des Naziregimes verloren, nur weil sie sich gegen die Wiederbewaffnung engagierte sowie für die Aufklärung der Ereignisse vom 15. August 1951, als die Westberliner Polizei Teilnehmer der Weltfestspiele brutal niedergeknüppelt hatte. 1968 wurde der Mörder ihres Mannes, der Richter am Volksgerichtshof Hans-Joachim Rehse, von jeder Schuld freigesprochen. Sie dagegen musste vor Gericht sogar nachweisen, dass sie kein Nazi gewesen war. Noch nicht einmal einen Reisepass bekam sie ausgestellt.

Ihr Mann hatte zusammen mit Robert Havemann einer kleinen Widerstandsgruppe angehört: der Europäischen Union. Sie versteckten und unterstützten Juden auf der Flucht vor der Deportation und geflüchtete Zwangsarbeiter mit Geld, Lebensmitteln und falschen Pässen. Diese praktische Hilfe lag Groscurth als Mediziner am nächsten. Als Leibarzt von Rudolf Hess verfügte er über die - fast - perfekte Tarnung. Das ging so lange gut, bis sie Flugblätter druckten und auf einen Agenten hereinfielen. Der "Ehrgeiz" und die "Eitelkeit" von Havemann seien letztlich verantwortlich für das Auffliegen der Gruppe, urteilt Delius und zählt zwölf "Dummheiten" auf, die die Gruppe begangen habe. Vielleicht wäre er ja klüger gewesen, von der Gruppe war aber keiner auf die konspirative Tätigkeit in irgendeiner Weise vorbereitet. 1943 wurden sie verhaftet, Rehse verurteilte sie zum Tode, am 8. Mai 1944 wurde das Urteil vollstreckt. Nur Robert Havemann entging der Hinrichtung. Die Gründe sind bis heute nicht geklärt.

 Delius begnügt sich leider nicht mit der Recherche, es muss ein Roman sein, dazu mit einem reißerischen Titel. Sein Ich-Erzähler ist mit dem Sohn von Groscurth befreundet. Nach dem Freispruch Rehses beschließt er, ein Fanal zu setzen und den früheren Richter zu erschießen. Überzeugend ist dieser Entschluss von Anfang an nicht. Es fehlt der Figur die nötige Wut und Aggression. Zu sehr dominiert Delius' eigener, spöttisch distanzierter Blick auf seine Figur und auf die 68er-Bewegung.

Sein Ich-Erzähler hält Abstand zu seinen demonstrierenden Altersgenossen. Wohin die Entwicklung führen wird, weiß er bereits, da er klüger ist als seine Zeit. Das kommt vor. Literarisch gesehen, ist das jedoch keine große Kunst. Einen zu erfinden, der genauso dumm wie seine Zeit ist, das wäre eher eine Herausforderung und mit mehr Gewinn zu lesen. Gravierender aber ist, dass Delius seinen Erzähler und dessen Gefühle nachträglich verrät. Doch was ist lächerlich an seinem ohnmächtigen Zorn bei allem falschen Pathos, das selbstverständlich darin auch steckt?

Delius widerspricht sich im Grunde selbst mit seiner ironischen Kritik an den 68ern. Gäbe es heute in Berlin eine Groscurth-Straße ohne deren zornige Revolte?  Neben dem politischen noch ein formeller Einwand: Das Fiktionale des Romans sowie der ironische Ton schieben den recherchierten Fakten ein Vielleicht unter und beschädigen sie dadurch. Die Nachkriegsjustiz wird bei Delius generell zur "Hydra". Doch Anneliese Groscurth kämpfte nicht gegen eine kafkaeske Maschinerie, sondern gegen konkrete Personen: Richter, Staatsanwälte, Beamte. Sie alle besitzen Namen und Biographien. Es gab einmal eine Zeit, da wurde ein Buch von Delius - Unsere Siemens-Welt - an manchen Stellen geschwärzt, weil er darin Ross und Reiter nannte. Der Romancier demontiert so am Ende den Dokumentaristen Delius. Das ist schade und auch unnötig.

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