Tick, Max und Miles Roby in der HBO-Serie zum Roman. Paul Newman (Mitte) ist hier in seiner letzten Rolle zu sehen.
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Tick, Max und Miles Roby in der HBO-Serie zum Roman. Paul Newman (Mitte) ist hier in seiner letzten Rolle zu sehen.

Richard Russo „Diese gottverdammten Träume“

Selbst der Untergang ging unter

Richard Russos grandioser Roman „Diese gottverdammten Träume“ führt in die Welt der traurigen amerikanischen Kleinstadt. Fast wäre dieses Meisterwerk des Understatement am deutschsprachigen Publikum vorbeigegangen.

Von Christian Bos

Charles Beaumont Whiting will ganz woanders sein. In Mexiko. Unter heißer Sonne trinken, poetisieren, glutäugige Frauen verführen. Stattdessen sitzt er in Empire Falls fest, einer Kleinstadt im äußersten Nordosten der USA, im Bundesstaat Maine, als unwilliger Erbe einer Textil- und einer Hemdenfabrik.

Um hier wenigstens ein Zeichen seiner Sehnsucht zu setzen, lässt sich C.B. Whiting eine Hazienda im Missions-Stil bauen. Auf einem Grundstück an dessen Ufer der örtliche Fluss „kaputte Reifenschläuche, Radkappen, Milchkartons, verrostete Konservendosen, Teile von zerbrochenen Möbeln“ anspült – und eines Tages auch den aufgedunsenen, verwesenden Kadaver eines Elchs. Whiting fühlt sich erst von einem unbekannten, Müll verklappenden Feind verfolgt, dann von Gott höchstpersönlich, „der den verdammten Fluss so entworfen hatte“.

Das ist erst der Prolog von Richard Russos Neuengland-Roman „Diese gottverdammten Träume“, in dessen Verlauf wir noch vielen anderen unglücklichen Einwohnern von Empire Falls begegnen. Aufdringlichen Angebern und korrupten Polizisten, engstirnigen Kunst- und sexuell frustrierten Aerobic-Lehrerinnen. Jede und jeder von ihnen hegt einen Traum, eine unerfüllte Sehnsucht. Doch keiner kann der Strömung im Flussverlauf standhalten, alle werden sie unweigerlich ans immergleiche Ufer gespült.

Der Ort selbst scheint dem Verwesungsprozess ausgesetzt, Textil- und Hemdenfabrik haben dichtgemacht, die einst belebten Straßen sind verlassen. Wer hier lebt, harrt aus. Ohne weitere Zukunftsaussichten. Wie Miles Roby, Betreiber und Bulettenbrater des örtlichen Empire Grills. Der ist längst nicht mehr profitabel. Doch seine Besitzerin, C.B. Whitings Witwe, die reichste und manipulativste Frau der Stadt, weigert sich standhaft, das Lokal zu schließen.

Eine ganz private Vorhölle

Warum nur? Vielleicht, um Miles Roby dort in seiner ganz privaten Vorhölle schmoren zu lassen. Roby hätte es beinahe zu anderen Ufern geschafft, aber sein Studium abgebrochen und seine großen Pläne begraben, um seine todkranke Mutter zu pflegen. Jetzt ist er 42, bald geschieden und seine unerfüllte Jugendliebe bedient noch immer neben ihm im Grill.

Aber was blieb ihm anderes übrig? Auf seinen Vater Max war noch nie Verlass, der war stets damit zufrieden, sich durchs Leben zu schnorren, kümmerte sich weder um Frau und Kinder, noch darum, was andere Leute von ihm hielten (nicht viel), dachte nie weiter, als bis zum nächsten Bier. Ein unmöglicher Mensch. Aber vielleicht der einzige Bewohner von Empire Falls, der wirklich frei ist. Oder ist das Tick, Miles Robys 16-jährige Tochter, die sich einen Spaß daraus macht, die Erwachsenen in ihren kleinen (Selbst-)Lügen zappeln zu lassen? Ihre Kapitel sind jedenfalls als einzige im Präsens geschrieben. Aus dem aufgeweckten Mädchen kann noch was werden, doch auch ihre Zukunft steht auf Messers Schneide, wortwörtlich.

Nun gilt es, selbst zu lesen. Denn „Diese gottverdammten Träume“ ist ein stiller, verschmitzter Triumph, ein Roman, der zwar weit ausholt, aber stets in Großaufnahme auf seine Figuren fokussiert. Russo lässt uns Empire Falls durch ihre Augen erleben und selbst in ihren lächerlichsten und kleinlichsten Momenten sind sie uns nah. Und bleiben es.

Beinahe jedoch wäre dieses Meisterwerk des Understatement dem deutschen Publikum vorenthalten worden. Obwohl Russo damit 2002 Jonathan Franzen bei der Vergabe der Pulitzer-Preise ausstach, musste sich „Diese gottverdammten Träume“ auf dem internationalen Markt gegen Franzens „Die Korrekturen“ geschlagen geben.

Die Literaturkritik sah hier die Unsicherheiten und Beklemmungen der Nach-9/11-Welt vorausgeahnt. Russos Kleinstadtpanorama scheint dagegen einer Welt zu entstammen, deren Untergang selbst untergegangen ist. Wo heute permanenter Ausnahmezustand herrscht, drückte damals noch das Klein-Klein des analogen Alltags. Ticks Weg raus aus Empire Falls führt über einen Internetanschluss und eine E-Mail-Adresse.

Paul Newman in seiner letzten Rolle

Die vergangene Zeit hat die Lektüre von „Empire Falls“, so der Originaltitel, eher noch lohnenswerter gemacht. Für Miles Roby geht es erst vorwärts, als er begreift, was C.B. Whitings Sehnsüchte mit seinen eigenen gescheiterten Träumen zu tun haben. Die Fluchtträume einer Generation sind die Fallen der nächsten, so könnte man ein Grundthema des Romans überschreiben. Das gilt freilich noch.

Der Bezahlsender HBO hat aus „Empire Falls“ damals einen Zweiteiler mit Ed Harris und Philip Seymour Hoffman gemacht. Den selbstsüchtigen Freigeist Max Roby spielt Paul Newman, es ist seine letzte Rolle. Wem bei der Erwähnung Paul Newmans das Herz hüpft, dem sei gesagt: Exakt dieses Gefühl schenkt Ihnen „Diese gottverdammten Träume“ auf jeder gottverdammten Seite.

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