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180 Seiten in einem Zug

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Ist es wirklich gut, den Zug noch zu erwischen? Pariser Pendler.
Ist es wirklich gut, den Zug noch zu erwischen? Pariser Pendler. © REUTERS

Jean-Philippe Blondel setzt in seinem neuen Roman „6 Uhr 41“ zwei ehemalige Liebende nebeneinander. Der Leser muss warten, ob sie sich ansprechen werden.

Auch diese Möglichkeit bringt die Allmacht eines Schriftstellers über seine Figuren mit sich. Jean-Philippe Blondel sorgt nun dafür, dass Cécile und Philippe nicht nur beide ausnahmsweise den 6-Uhr-41-Pendelzug nach Paris nehmen, sondern sich auch versehentlich nebeneinander setzen. Es war kein anderer Platz frei, sie merken es eine Sekunde zu spät. Peinlich, peinlich.

Vor 27 Jahren, er schätzt es bloß, sie weiß es genau, waren sie für kurze Zeit ein Paar. Auf einer Londonreise nahm die Geschichte ein böses Ende. Er, der Attraktive, hat sie, die Unauffällige, böse abserviert. Jetzt tun sie sicherheitshalber so, als würden sie einander nicht erkennen. Selbstverständlich wissen sie genau, wer neben ihnen sitzt.

Ihm geht es eher so lala

Sie haben sich sehr verändert. Cécile sieht fabelhaft aus und führt erfolgreich ihre eigene kleine Firma. Dass sie bald mehr verdienen wird als ihr offenbar netter Mann, ist ihr klar. Vielleicht steigt er bei ihr im Geschäft ein. Philippe ist alt und rundlich geworden, beruflich läuft es in einem Supermarkt anscheinend eher so lala, überhaupt läuft es anscheinend eher so lala. Er ist begeistert davon, wie sie aussieht. Sie ist entsetzt davon, wie er aussieht.

Wir haben hier den selten wirkenden, aber vermutlich sehr wahrhaftigen Fall eines vertauschten Klischees vom leichter alternden Mann. Jenseits der Geschlechterfrage erinnert die Konstellation an Margaret Atwoods „Katzenauge“.

Verzweifelte Lebensplanung

Abwechselnd lässt Blondel Cécile und Philippe von damals erzählen, 95 Minuten und 180 Seiten lang. Aber auch das heutige Dasein in der zweiten Hälfte der Vierziger entsteht sehr lebhaft vor den Augen des Lesers: einschließlich anstrengend werdender alter Eltern und einer intensivierten, fast schon verzweifelt intensivierten Lebensplanung für die kommende, zumindest erhoffte zweite Hälfte des Lebens. Der Ton bleibt gleichwohl leicht und amüsant.

Der Autor des Romans „Zweiundzwanzig“ mag offenbar Zahlen im Titel. „6 Uhr 41“ heißt das neue, in Frankreich sehr erfolgreiche Buch, ein idealer Name für eine Geschichte, die ja zwingend in einer Bahn spielt – kaum ein anderer Ort wird sich finden lassen, an dem eine solche Situation in dieser Form entstehen könnte, nicht zu reden von der Enge. In einem Zug geht es ständig um Uhrzeiten, und natürlich bleibt auch diese Bahn zwischendurch aus unerfindlichen Gründen auf freier Strecke stehen.

Ein Zug ist aber auch ein Ort unerwünschter oder vielleicht auch doch erwünschter Intimität. Schon schabt das Knie versehentlich am benachbarten Bein. Cécile und Philippe steigern sich hinein in die Situation, während der Leser geduldig warten muss, ob Blondel ihnen je erlauben wird, einander anzusprechen. Blondel hat sich eine unterhaltsame Dramaturgie ausgedacht. Dass er Romantiker ist, wer wird es ihm verübeln. Zumal „6 Uhr 41“ damit zur charmanten und humorvollen Alternative zu Tausenden verheulten Bahnhofsabschieden wird.

Jean-Philippe Blondel: 6 Uhr 41. Roman. Aus dem Franz. von Anne Braun. Deuticke, Wien 2014. 189 Seiten, 16,90 Euro.

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