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Seishi Yokomizo „Die rätselhaften Honjin-Morde“: Jedes Koto-Plektrum zählt

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Von: Sylvia Staude

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Eine junge Frau spielt Koto, man beachte die Plektren an einigen Fingern ihrer rechten Hand. Kolorierte Fotografie.
Eine junge Frau spielt Koto, man beachte die Plektren an einigen Fingern ihrer rechten Hand. Kolorierte Fotografie. © Leemage/Imago

„Die rätselhaften Honjin-Morde“, ein früher japanischer Rätsel-Krimi.

Der Krimiboom, der nun schon viele Jahre andauert und auch keine Anstalten macht abzuflauen, bringt notgedrungen viel Läppisches und viel schlecht Geschriebenes mit sich – Gebrauchsliteratur im Sinn eines Les-und-weg. Aber in Ecken, in die vielleicht lange keiner mehr geschaut hat, finden die Verlage immer noch charmant Kurioses und erstaunlich Apartes.

Beim Berliner Blumenbar-Verlag fanden sie den Japaner Seishi Yokomizo (1902-1981), der schon als Junge Krimis geliebt haben soll, später Agatha Christie nacheiferte und prächtige Whodunnits schrieb. 1973 begann er eine Kriminalroman-Reihe um einen scharfsinnigen jungen Privatdetektiv namens Kosuke Kindaichi mit einem echten Locked-Room-Rätsel. Es folgten bis zu seinem Tod 76 weitere Kindaichi-Folgen, eine stolze Leistung. Denn „Die rätselhaften Honjin-Morde“ ist zwar keine große Literatur, doch pfiffig, vertrackt, eben apart.

Und da der Roman im Japan des Jahres 1937 spielt, kommt der Blick in eine doppelt ferne, fremdartige Gesellschaft hinzu. Ein bisschen liest sich „Die rätselhaften Honjin-Morde“ wie ein Märchen, in dem es eine angesehene, aber unglückliche Familie gibt, bedrohliche Gestalten mit Narbe im Gesicht und nur drei Fingern, schöne Frauen, die meisterhaft die Koto, eine 13-saitige Zither spielen. Der älteste Sohn der Familie Ichiyanagi, ein seltsamer, mürrischer Typ, will eine solche Frau heiraten. Doch noch in der Hochzeitsnacht wird das Paar ermordet, in einem von innen verschlossenen Raum: jedes Fenster, jede Tür ist verriegelt. Im frisch gefallenen Schnee gibt es keine Spuren – doch steckt darin die Tatwaffe, ein Schwert. Wie kann das sein? Kann das mit rechten Dingen zugehen?

Das Buch:

Seishi Yokomizo: Die rätselhaften Honjin-Morde. Kriminalroman. A. d. Jap. von Ursula Gräfe. Blumenbar 2022. 206 S., 20 Euro.

Der Blasse wird’s lösen

Es gibt einen Polizeibeamten, Kommissar Isokawa, der mit Assitent anrückt; aber dass die beiden den mysteriösen, den ungeheuren und nicht geheuren Fall nicht lösen werden, ist Ginzo, dem Onkel der getöteten Braut, klar. Wie gut, dass er auch einen Neffen hat, der nach einem verbummelten Studium und Drogenabhängigkeit in bester Sherlock-Holmes-Manier sich dazu entschloss, Privatdetektiv zu werden. „Der Mann hatte eine blasse Gesichtsfarbe und sah insgesamt ziemlich vernachlässigt aus.“ Dieser „schmuddelige Lausebengel“ reist nun also auf Wunsch seines Onkels an. Und die Leserin weiß, wer so beschrieben wird, eignet sich zum scharfsinnigen Helden im Genre der Kombinationskunst.

Bei der Auflösung hilft der Leserin sogar eine Skizze des Tatorts mit allen aus keineswegs läppischen Gründen gefundenen Gegenständen, Koto-Plektren zum Beispiel. So sorgfältig und gerissen geplant ist die Sache, mit der Kosuke Kindaichi am Ende natürlich alle Familienmitglieder konfrontiert, so kompliziert aber auch, dass sie im wahren Leben nie und nimmer funktionieren würde. Aber der Daseinszweck eines solchen Krimis ist die raffinierte Gedankenspielerei. Interessant genug, dass das Motiv des Mörders ein vertrautes ist: die Frauenverachtung.

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