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"An der Schreibmaschine oder am Computer komme ich nicht richtig ins Erzählen"; sagt Klaus Kordon.

Klaus Kordon

Mit seinem persönlichen Krokodil

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Ein Hausbesuch bei Klaus Kordon, der heute seinen 75. Geburtstag feiert:

Es ist seine Arbeitswohnung, in die Klaus Kordon die Besucher einlässt. Sie liegt direkt neben der eigentlichen, wo er mit seiner Frau lebt, in Berlin-Steglitz. Ruhig ist es hier, wie in einem Vorort, als wäre man nicht nur ein paar S- oder U-Bahn-Minuten von Friedrichstraße oder Ku’damm entfernt. An den Wänden von Klaus Kordons Arbeitszimmer hängen viele Plakate, die sein Verlag im Laufe der Jahre zu seinen Büchern drucken ließ. „Der neue Kordon“ ist eine Formulierung, die wiederkehrt, denn mit seinem Namen weiß der Buchhandel seit Jahrzehnten etwas anzufangen.

Auf einem Poster ist ein Berliner Stadtplan abgebildet mit Handlungsorten. Sein wichtigsten Bücher spielen alle in der Stadt, in der er vor 75 Jahren geboren wurde, die historischen Romane aus der Zeit der 1848er-Revolution wie die Trilogie der Wendepunkte, die am Ende des Ersten Weltkriegs einsetzt, seine autobiografischen Bücher natürlich und auch viele Geschichten für jüngere Kinder.

Zum Schriftsteller geworden ist er allerdings, als er in der Nähe von Frankfurt, in Schwalbach am Taunus, lebte. Das hat mit dem Krokodil zu tun, seinem ganz persönlichen. Um es kennenzulernen, braucht man einen großen Zeitsprung zurück, als Kordon mit knapp 25 Jahren bereits Abteilungsleiter war beim Versorgungsdepot für Pharmazie und Medizintechnik in Berlin-Mitte. Er hatte Erfolg und wusste zugleich, dass er die Texte, die er gelegentlich schrieb, besser nicht herumzeigte. Schon gar nicht sein Gedicht über den Prager Frühling, der plötzlich zum Winter wurde. 1968, als die sowjetischen Panzer in Prag einrollten, wurden alle Angestellten in Leitungspositionen in der DDR dazu verpflichtet, vor ihren Mitarbeitern eine Erklärung des Politbüros zu verlesen, die den Einmarsch rechtfertigte. Kordon las, was er musste, und fühlte sich schlecht dabei. Als er später über diese Zeit schrieb, einen 800-Seiten-Roman, nannte er ihn: „Krokodil im Nacken“. Er sagt heute: „Das Gewissen kann mit Mausezähnchen an einem nagen oder mit größeren, schärferen. So kam ich beim Schreiben auf das Bild vom Krokodil. Es ist ja auch mein Freund geworden, hat mich oft vor Schlimmeren bewahrt.“

Er kündigte damals, um nicht mehr Chef sein zu müssen, und hatte Glück, weil er in seinem nächsten Betrieb, der Außenhandelsfirma Intermed sogar reisen durfte, nach Indien, Indonesien, Ägypten. Aber er eckte wieder an, blieb unzufrieden, fühlte sich gegängelt. 1972 versuchte er mit der Familie über Bulgarien in die Bundesrepublik zu fliehen. Doch das klappte nicht. Er und seine Frau kamen in Einzelhaft, ins Stasi-Gefängnis nach Berlin-Hohenschönhausen, er später nach Cottbus, bis die Bundesrepublik sie wie Tausende andere Häftlinge freigekauft hatte. Sie gingen nach Hessen, wo Verwandte Jutta Kordons wohnten. Und dann machte er sich auch bald daran, seinen Traum vom Schreiben zu verwirklichen. 1977 erschien sein erstes Buch: „Tadaki“.

34 Bücher von Klaus Kordon listet sein Verlag Beltz & Gelberg als lieferbar auf. „Tadaki“ ist nicht mehr dabei. Was erzählt einer zuerst, der immer schreiben wollte? „Es war nicht mein dringlichstes Buch, nicht das, was mir im Kopf herumging, als ich im Knast war. Das schien mir zu groß für den Anfang.“ Also erzählte er die Geschichte eines Betteljungen aus Jakarta, den er auf seinen Reisen kennengelernt hatte. „Er lief mit einem Affen auf dem Kopf durch die Straßen und rief: ,No mama, no papa, no television!‘, ich befragte ihn und erfuhr, dass seine kleine Schwester an Unterernährung gestorben und sein großer Bruder zum Verbrecher geworden ist“, erklärt Klaus Kordon. „Die ersten Seiten fand die Stasi, als sie nach meinem Fluchtversuch meinen Schreibtisch untersuchte.“

Auf Kordons großem Schreibtisch am Fenster mit Blick auf den Steglitzer Stadtpark liegen mehrere karierte Din-A4-Bögen, auf drei Stapel verteilt. Darauf entsteht sein neuestes Buch, aus mit feiner blauer Mine per Hand in die Karos gesetzten Buchstaben. Auf zweien der Blätter-Haufen sieht man Striche und Anmerkungen. Es wird wieder ein historischer Roman, eine Flüchtlingsgeschichte im Jahr 1945, in einem Dorf kurz vor Hamburg. Die Ankömmlinge aus den früheren deutschen Ostgebieten werden als „Polacken“ beschimpft. Mehr verrät er noch nicht.

Sprechen können wir aber über das Buch, das vor zwei Monaten erschienen ist, „Hadscha, ich und der Himmel über der Pampa“. Matti aus Berlin fährt nach Windeck in Mecklenburg-Vorpommern, wo er mal mit seinen Eltern im Urlaub war, sucht dort seine Kindheitsfreundin, eigentlich nur, um sich in Ruhe über sich selbst klarzuwerden. „Den Ort habe ich erfunden, um diese leeren Dörfer, leeren Kleinstädte im Osten zu zeigen, wo so viele Leute weggegangen sind. Wo es vor ein paar Jahren noch eine Gaststätte gab, die zugemacht hat, wo es keinen Laden mehr gibt“, erzählt Kordon. Matti trifft auf einen Jungen von, wie es in den Zeitungen heißt, „südländischem Aussehen“. Eine unangenehme Begegnung: Der Junge hat ein Messer, stiehlt eine Geldkassette und fährt gar mit Mattis Fahrrad davon. Weil aber Matti ihm einen Stein hinterherwirft und ihn gefährlich trifft, sehen sich beide bald im Krankenhaus wieder.

Das liest sich erschreckend aktuell. Und Kordon sagt, dass es ihm nach den Ereignissen in Chemnitz und Köthen geradezu unheimlich sei, denn geschrieben habe er die Geschichte schon vor zwei Jahren. „Natürlich weiß ich auch, dass nicht alle, die mit einem Messer rumrennen, es nur aus Verzweiflung tun, aber in meiner Geschichte ist es eben einer, der das nicht gerne macht.“

Und wie geht es ihm, wenn er die Bilder der letzten Wochen sieht? Er erzählt erst einmal, dass er schon vor Jahren gefragt wurde, warum er so harte Szenen schilderte, als er „Der erste Frühling“ nach dem Zweiten Weltkrieg spielen ließ. „Da habe ich gesagt: Solange es Leute gibt, die noch Heil Hitler! brüllen und offenbar gar nicht wissen, was daraus folgte, solange muss man immer wieder darauf hinweisen, was der Nationalsozialismus bewirkt hat.“ 1993 erschien das Buch, das vereinte Deutschland hatte die Angriffe gegen Ausländer in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen gesehen. „Dass es aber nach 25 Jahren auch noch so ist, das hatte ich wirklich nicht gedacht. Es ist beängstigend, wie die Leute der AfD nachrennen, und sich damit ja mit diesen Leuten gemein machen.“

In den Regalen neben dem Schreibtisch stehen seine Bücher, dazu Übersetzungen seiner Werke – auffällig viele auf Japanisch. Und dann liegen da die Schreibblöcke. Klaus Kordon braucht immer diese kleinkarierten Blätter, um arbeiten zu können. „Mit der Schreibmaschine oder dem Computer schreibe ich anders“, sagt er, „da fasse ich mich kürzer, komme nicht richtig ins Erzählen.“

Vom ersten Buch an tippt seine Frau die Manuskripte ab. Er überarbeitet das Typoskript, sie tippt die Änderungen in die neue Fassung, an die er sich für weitere Überarbeitungen setzt. Das geht bis zu fünf, sechs Mal so. Mit seiner Frau ergänze er sich da prima. „Sie ist die erste Leserin, ihr fällt auf, wenn etwas nicht stimmt, wenn ein falscher Zungenschlag drin ist. Ziemlich bald, als das finanziell möglich war, hat sie ihren Job bei der Bank gekündigt. Wir konnten dann eine kleine Romanfabrik aufmachen. Kästner spricht ja von seiner Versfabrik ... .“

Erich Kästner kann man gut einen Vertrauten Kordons nennen, diesen Autor, der die deutsche Kinderliteratur revolutionierte, weil er seinen jungen Helden aktive Rollen gab, sie auch mal stärker und klüger sein ließ als die Erwachsenen. Für „Die Zeit ist kaputt. Die Lebensgeschichte des Erich Kästner“ wurde Kordon 1995 zum ersten Mal mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. 2003 gab es die Auszeichnung dann wieder, für „Krokodil im Nacken“. Vor zwei Jahren erhielt er den Sonderpreis für sein Gesamtwerk.

An dieser Stelle soll aber noch einmal von Jutta Kordon die Rede sein. Ihr Foto steht auf dem Tisch, doch zum Treffen wollte sie auch auf Nachfragen nicht dazukommen, so etwas habe sie nie gemacht.  Kordon spürt, dass die Journalistin da eine Rechtfertigung erwartet: „Sie versteckt sich nicht, um Gottes willen, aber sie hat das Gefühl, das ist meine Sache. Der beste Beweis, dass hier keiner im Schatten des anderen steht, ist die Tatsache, dass wir seit über 55 Jahren zusammen sind.“ Als sie sich kennenlernten, waren sie 18, hatten ähnliche Geschichten hinter sich: Er kam nach dem Tod der Mutter ins Kinderheim, sie sah sich von der neuen Frau ihres Vaters nicht akzeptiert. „Wir waren wie zwei Kinder, die sich im Wald begegnen und sich gegenseitig stützen“, sagt er.

Er mag das Berlinische

Dass sie später die eigenen Kinder im Heim zurücklassen mussten, während sie inhaftiert und dann schon im Westen waren, das habe beide besonders geschmerzt. Der Sohn war sechs, die Tochter neun Jahre alt, die wussten nichts von den Sorgen, die ihre Eltern in der DDR hatten. Es ging ihnen ja äußerlich gut, sie hatten eine schöne Wohnung, im Sommer fuhren sie an die Ostsee. Nach ihrer Haftentlassung dauerte es noch ein Jahr, bis sie die Kinder zu sich holen durften. „Seine ersten beiden Bücher hatte er für Silke und Micha geschrieben“, heißt es im Roman „Auf der Sonnenseite“, „weil sie nicht bei ihm waren und er das Gefühl hatte, ihnen auf diese Weise näher zu sein.“ Es ist das Fortsetzungsbuch zum „Krokodil“, 2009 erschienen. Da waren Kordons Kinder längst erwachsen, die Tochter auch nach Berlin gezogen, der Sohn nach Lübeck. Er brauchte Abstand, ehe er über seine eigene Geschichte schreiben konnte.

„Als wir in den Westen kamen, waren wir dreißig, konnten noch einmal was Neues anfangen“, sagt Kordon. Der Titel „Sonnenseite“ hat seinen ironischen Beiklang, der Start war nicht einfach. Dennoch: Als er sein erstes Manuskript losschickte, fand er schnell einen Verlag. Er habe Glück gehabt, dass man sich damals für die Dritte-Welt-Problematik sehr interessierte, sagt er, was seltsam klingt, wenn man weiß, dass dieser Autor vor fünf Jahren vom Bundespräsidenten als „einer der bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautoren unserer Zeit“ gewürdigt wurde. Seine schriftstellerischen Anfänge fielen, sagt er, in eine Aufbruchsstimmung: „Wir wollten Jugendliteratur schreiben – mit der Betonung auf Literatur –, wir wollten uns mit Themen beschäftigen, die lange tabu waren: Armut, Krieg, Tod.“ Und er zählt Namen auf für diese Gründergeneration: Max von der Grün, Christine Nöstlinger, Peter Härtling, Paul Maar, Renate Welsh. „Wir dachten, es ist gerade wichtig, dass man für junge Leute in einer guten Sprache schreibt.“

Allerdings, und da merkt man, wie ungern er darüber spricht, habe das Interesse bei seinem lange Zeit liebsten Publikum nachgelassen. Die 15-, 16-, 17-Jährigen, mit denen er früher so gern diskutierte, blieben heute nach einer Lesung oft still, schauten auf ihre Smartphones. „Ich will nicht jammern, dass weniger gelesen wird...“, sagt er und spricht den Satz nicht zu Ende. Aber es wird ja weniger gelesen, das macht den Verlagen und den Buchhändlern zu schaffen. Deren Nervosität ist spürbar, gerade jetzt, drei Wochen vor der Frankfurter Buchmesse.

Beim Versuch, nicht zu jammern, ist sein Berliner Tonfall gut zu hören. Er mag das Berlinische, sagt er, dankbar, über etwas Freundlicheres zu reden. Im Rhein-Main-Gebiet habe er sich immer gefreut, wenn er in die Stadt kam und in der Kneipe so sprechen konnte wie in seiner Jugend in Prenzlauer Berg. „Goethe hat mal gesagt: ,Dialekt ist, wenn die Seele atmet.‘ Das ist ein schöner Ausdruck. Da lässt man sich völlig fallen.“ Und wenn er heute Jugendfreunde treffe, den einen, mit dem er zur Grundschule ging, den anderen, mit dem er im Heim war, „dann wird nur berlinert“.

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