Wie seine liebsten Deutschen

Jonathan Franzens Roman "Schweres Beben" wühlt in den amerikanischen Obsessionen der Achtziger

Von ALMUT FINCK

Sehnsucht weckt dieser Roman. Quälende Sehnsucht nach der kurzen Form. Kafkas klitzekleinste Fabeln möchte man lesen im Anschluss an Jonathan Franzen. Die Keuner-Geschichten von Brecht vielleicht. Oder besser noch: Haikus. Diese paar Silben nur, aber alles drin. Denn nicht nur wirkt der Plot von Schweres Beben arg konstruiert, die Handlung verworren wie ein Wollknäuel nach Bearbeitung durch ein Katzenvieh - die ganze abstruse Geschichte quillt selbst für Liebhaber von Volumen und Fülle über den Rand des an epischer Breite gerade noch Erträglichen hinaus. Erst in der zweiten Hälfte - nach 350 Seiten - kommt der Roman etwas in Schwung, am Ende wird sogar ein mäßig spannender Krimi daraus, aber diese Genre-Mutation vollzieht sich erst auf den letzten 100 Seiten.

Dass sein Buch allzu gewichtig und ideologisch überfrachtet ist, weiß der Autor durchaus. Als einen Schriftsteller, "der vor Meinung überläuft", hat der Jonathan Franzen von 2005 den schwadronierenden Franzen von 1991 denn auch kokett gerügt. Schweres Beben ist nämlich kein neues Buch. 2001/2002 war der 1959 im Mittleren Westen der USA geborene Autor mit seinem dritten Roman, Die Korrekturen, zum Hätschelkind des post-postmodernen Literaturbetriebs in den USA und - seltener Fall - gleichermaßen in Europa avanciert. Der Rowohlt Verlag hat daraufhin mit dem Erstling des Amerikaners aus dem Jahre 1988, Die 27. Stadt, nachgelegt. Jetzt, 13 Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe, liegt mit Schweres Beben auch der zweite Franzen-Roman auf Deutsch vor.

Abtreibungsgegner, Umweltsünder und die Geburt der "p.c."

Die Handlung spielt in den USA der 80er Jahre, einem Jahrzehnt, das als verschlafen gilt in Anbetracht der gesellschaftspolitischenTumulte, die vorher herrschten, in den 60er und auch noch 70er Jahren, und des Aufruhrs, die nachher kam, mit dem geopolitischen Wandel der Systeme. Dabei gab es damals nicht nur politische Resignation und kopflosen Kommerz. Die 80er Jahre hatten eine Menge Zündstoff zu bieten, mit dem Erstarken der christlichen Fundamentalisten und dem Beginn der political correctness oder dem Iran-Contra-Skandal - und weiß noch jemand, wer Manuel Noriega war?

In Franzens Roman geht es um Abtreibung und militante Abtreibungsgegner, um skrupellose Umweltsünder und gutmenschelnde Umweltaktionisten, um die Verlierer der reaganomics und um korrupte Kapitalistenschweine, die natürlich die wirklichen loser sind. Schließlich, und hier kündigt sich bereits der Autor der Korrekturen an, geht es um das Biotop Familie, wenn auch Franzen in Schweres Beben noch nicht den erbarmungslosen Blick besitzt, mit dem er später die Institution Familie am Ausgang des 20. Jahrhunderts entlarven wird: als aggressionsgeladen, grotesk, peinlich und öde - bei all dem aber zählebig.

Die Familie Holland im Epi-Zentrum der Handlung wird von Erschütterungen heimgesucht, metaphorisch wie buchstäblich. Während unerklärliche Erdstöße wiederholt den Staat Massachussetts erfassen, gerät die familiäre Tektonik der Hollands dadurch ins Wanken, dass Mutter Melanie ein beachtliches Vermögen erbt, welches allerdings aus Aktien eines Chemiekonzerns besteht, der durch jahrelange Tiefenbohrungen zur Entsorgung von Giftmüll die seismographischen Sonderbarkeiten in und um Boston ausgelöst hat. Ruchbar wird das durch die Nachforschungen der Wissenschaftlerin Renée, in die sich, welch Zufall, Holland-Sohn Louis verliebt, ein 24-jähriger Melancholiker mit körperlichem Ekel vor Geld und einem Hang zu Lethargie und Secondhand-Klamotten.

Louis' blässliche Schwester Eileen wiederum, eine angehende Bankerin, hat ein Techtelmechtel mit dem arroganten Sohn eines der Oberschurken in jener umweltschändenden Firma, der hinter den dunklen Gläsern seiner Ray-Ban-Sonnenbrille darauf wartet, seinem verhassten Vater nachweisen zu können, dass der Dreck am Stecken hat. Ach so, dann ist da noch das Abtreibungsthema: es kommt dadurch ins Spiel, dass Renée eine unbedachte öffentliche Äußerung über das Recht der Frau auf Selbstbestimmung macht und so in die Schusslinie radikaler pro-life-Aktivisten gerät.

Bühne frei für die charmanten Nebenfiguren

Klingt ziemlich herbeigeholt, das alles? Wohl wahr - doch soll auch Lob fallen, wo Lob hingehört: Während die beiden Hauptprotagonisten, Sohn Louis und die Seismographin Renée, wie wandelnde Holzschnitte durch die Geschichte staksen, hat Franzen mit den zahlreichen Nebenfiguren schillernde, komplexe Persönlichkeiten geschaffen. Der fundamentalistische Geistliche Philip Stites etwa lässt jedes Klischee vom verbohrten hardliner hinter sich - ist beängstigend clever, charmant, überhaupt nicht prüde, bei all dem aber unheimlich, unheimlich faszinierend. Oder Holland-Vater Bob, im Hintergrund agierend, eine alte, längst nicht mehr rebellische Marxistendrohne aus dem universitären Umfeld, die daran leidet, dass auch der anständige Kerl aus der Arbeiterklasse konsumgierig ist wie ein Bourgeois. Einen guten Bordeaux verschmäht dieser Professor selbstverständlich nicht.

Schweres Beben ist also vieles: bunt, laut, leidenschaftlich, wütend, bekennerhaft, manchmal zynisch, manchmal romantisch, manchmal ziemlich kitschig und - nach Aussagen des Autors, der einige Jahre in Berlin und München verbracht hat - sehr deutsch. "Ich schätze, dass Louis' virulente Abneigung gegen Amerika, sein verzweifeltes Linkssein und sein obsessives Verhältnis zur Umweltzerstörung Deutschen auch heute noch viel bekannter vorkommt als Amerikanern", so Franzen kürzlich in einem Interview. "Renée indessen ist eine Wissenschaftlerin, die Phasen regelrecht quälender Selbstreflexion durchleidet, eine charmante, manchmal komische, manchmal tragische Eigenschaft, die ich in all meinen liebsten Deutschen wieder finde."

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