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Spielt gern mit Genres und Versatzstücken: Joyce Carol Oates.

"Pik-Bube"

Sein Schundroman-Ich

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"Pik-Bube", eine Jekyll-und-Hyde-Geschichte von der wandelbaren Joyce Carol Oates.

Die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates hat schon öfter mit diabolischem Spaß (so möchte man jedenfalls meinen) mit den unterschiedlichsten Genres jongliert und auf berühmte Kollegen und Vorgänger angespielt. In ihrem umfangreichen Werk gab es schon Vampire in Princeton („Die Verfluchten“), Zwerge, Riesenspinnen und ein Märchenschloss („Bellefleur“). Für den schmalen Roman „Pik-Bube“ (Orig. „Jack of Spades“, 2015) haben nun vor allem Edgar Allan Poe, Stephen King, Robert Louis Stevenson mit „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ Pate gestanden oder eher: sind Bauklötzchen-Lieferer gewesen für eine gewiefte, den Horror tadellos ineinander schichtende Erzählerin.

Einen (fiktiven) Berufskollegen macht Oates zu Jekyll und Hyde. Andrew J. Rush schreibt topseriöse, politisch korrekte, erfolgreiche Kriminalromane, seine Familie kann sehr gut leben davon. Allerdings ist er leicht verbittert darüber, dass das Kritikerurteil, er sei ein „Stephen King für Bildungsbürger“ an ihm klebt wie Kaugummi auf dem Trottoir. Seit einigen Jahren aber kritzelt der nette „Andy“ (so nennen ihn fast alle) in manchen Nächten wie unter Zwang ganz andere Texte aufs Papier: vulgäre, blutige, misogyne Thriller (davon liefert Joyce Carol Oates keine Beispiele, aber die Meisterin der Verwandlung könnte sicher, wenn sei wollte). Ein Verlag bringt diesen „Schund“ unter dem Pseudonym Pik-Bube heraus – die Fans rätseln, es gibt Gerüchte, wer Pik-Bube ist (ein Mörder, der im Knast sitzt?), aber nicht einmal Andys Frau ahnt, dass ihr Mann ein schreibendes Doppelleben führt. Bis Rushs erwachsene Tochter ein Pik-Bube-Taschenbuch auf seinem Schreibtisch sieht – gerade wollte er es wegräumen – und neugierig wird. Und liest.

Es ist Andrew Rush, der bei Joyce Carol Oates selbst erzählt, wie Pik-Bube, der Dunkle, Wahnsinnige, immer mehr Einfluss gewinnt – und schließlich ganz zu übernehmen droht. Aber was ist Realität, was seine Einbildung? Was womöglich psychische Krankheit, was alte Schuldgefühle, da einst sein Bruder bei einem Badeunfall ums Leben kam.

Joyce Carol Oates baut ein weiteres literarisches Spiel ein: Rush erhält eine gerichtliche Vorladung, ein gewisser C. W. Haider (eine Corin Wren Haider, wie sich zeigen wird) bezichtigt ihn des „Diebstahls“: des Plagiats. Rushs Gespräch mit einer Gerichtsangestellten weckt Kafka-Assoziationen, das folgende mit einem Anwalt, den sein Verlag stellt, würde gut in einen Woody-Allen-Film passen. Der beunruhigte Autor ruft auch bei C. W. Haider an, obwohl er weiß, dass er das nicht tun sollte. Er geht verkleidet zur Anhörung, obwohl ihm der Anwalt das Versprechen abgenommen hat, wegzubleiben. Aber die Frau macht sich unmöglich, glücklicherweise. Und „während die weißwirrlockige Frau vorn im Saal kreischte und schluchzte“, schlüpft Rush hinaus.

Durchaus offensichtlich nutzt Joyce Carol Oates in „Pik-Bube“ vertraute Horror-Elemente – eine Hexe (Haider) mit einer großen schwarzen, glutäugigen Katze, ein nächtlicher Einbruch, ein einige Stunden umfassende Gedächtnisverlust, eine teuflische Stimme im Kopf –, aber sie porträtiert auch einen durchschnittlich eitlen, egoistischen, herablassenden, von Versagensängsten geplagten Mann und Autor.

Andrew J. Rush weiß in der Tiefe seines Herzens, dass seine Frau Irina mehr schreiberisches Talent hat – aber ihre Einfälle, ihre Figuren, die in seinen Romanen auftauchen, die hat sie ihm doch geschenkt, oder? Er kann es sich nicht verkneifen, ihre Bilder – Aquarelle – herablassend „heftig bemüht“ zu nennen.

Andrew J. Rush ist zunächst bloß ein Blöd- und Biedermann, Pik-Bube treibt ihn zu weit Schlimmerem. Oder treibt er sich selbst? Zügig und allemal spannend geht es mit seiner Zerstörung, Persönlichkeitsveränderung voran; aber es scheint nicht Joyce Carol Oates’ Absicht gewesen zu sein, dass man ihn sympathisch findet. „Pik-Bube“ ist ein so böses wie eisgekühlt zu genießendes Buch.

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