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Simone Regina Adams

Simone Regina Adams

Sein Leben mit und ohne Sophie

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Simone Regina Adams‘ fein gearbeitete, recht rücksichtslos einseitige Novelle „Flugfedern“.

Für die Liebe, an der wir, gerne auch in ihren unterschiedlichen Spielarten, teilhaben, braucht es keine Bildung, wohl aber gelegentlich eine Portion Einbildung. Sie trägt dazu bei, dass wir uns, eingesponnen in Illusionen, behaupten können. Dabei kann es vorkommen, dass sich zwei Individuen finden, die scheinbar irgendwie nicht zusammenpassen.

In ihrer Novelle „Flugfedern“ erzählt Simone Regina Adams, Jahrgang 1967, die Geschichte einer Liebe, die erst groß und einseitig ist, um dann, von Erinnerungen mehr beschwert denn befeuert, ans Vergebliche zu geraten, aus dem man als Liebender nur freikommt, wenn man es wirklich will. Als Thibaut, eine der beiden Hauptpersonen, Sophie kennenlernt, ist er Anfang zwanzig und lebt weitgehend ziellos mit seiner Großmutter, der aus Frankreich stammenden Méme, auf einem Bauernhof. Geheime Wünsche hat Thibaut schon, auch ein paar nicht ganz so geheime Pläne, aber es fehlt ihm an Energie, sie umzusetzen. Das ändert sich, als Sophie in sein Leben tritt: Nun ist der entschlossene Thibaut gefragt; er rettet Sophie, als sie Opfer einer Vergewaltigung wird, wobei er erstaunt ist über sich selbst, denn so viel Mut hat er sich gar nicht zugetraut. Er nimmt Sophie, verstört, scheu und anfangs auch stumm, mit auf den Bauernhof, wo sie langsam auftaut, ohne viel von sich preiszugeben.

Sophie bleibt geheimnisvoll, was auch, wie sich später zeigen soll, eine Art einstudierte Pose sein könnte. Thibaut verliebt sich, ohne es wahrhaben zu wollen; der Moment, in dem es passiert, ist allerdings wie geschaffen dafür: „Sie stand auf und ging zum Fenster, der Abendhimmel sah jetzt beeindruckend aus: Der Wald jenseits der Felder war bereits schwarz, undurchdringlich; darüber blaugraue Wolken, ein Archipel von Inseln und Sandbänken in einem Meer von zerfließenden orangeroten Farben, die Sonne war eben erst untergegangen. Oberhalb davon leuchtete der Himmel in einem klaren, kühlen Hellblau ... .“ 

Sophie hingegen ist nicht ganz bei der Sache, was an ihrer eigenen, weit zurückreichenden Geschichte liegt, in der es Flecken gibt, über die nicht geredet werden soll. Eines Tages setzt sie sich ab, das entspricht wohl den Verhaltensweisen, die sie sich angewöhnt hat, um möglichst unbeschadet zu bleiben. Thibaut ist erst verzweifelt, dann ratlos, schließlich gönnt er sich Anwandlungen von Wut, was ihm dabei hilft, nicht in seine Ziellosigkeit zurückzufallen. Ja, es scheint so, als hätte er sich bisher kontinuierlich unterschätzt. Er studiert, wird Psychologe. Eine neue Beziehung ist ihm vergönnt, er erlebt häusliche Glücksgefühle, die er zuweilen auskostet, aber, Sophie sei Dank, auch auf Distanz hält.

Warum diese Frau seine Gefühlswelt weiterhin so unnachgiebig besetzt hält, erschließt sich nicht ganz; der Leser, besonders wenn er vermeidbare Unordnung nicht schätzt, wird ungeduldig, zumal Sophie, auch wenn sie zwischendurch anwesend ist, eher durch Abwesenheit glänzt. Die Klärung, die herbeigeführt wird, bleibt im Bezirk der Andeutungen, könnte aber, steht zu hoffen, von Dauer sein.

„Flugfedern“ ist eine kunstvoll komponierte, auch fein geschriebene Novelle, die ihren Blickwinkel allerdings etwas einseitig justiert. Thibaut hat das auszubaden, während Sophie, die ihre Geheimnisse pflegt und den ankündigungsfreien Abgang schätzt, weitgehend ungeschoren davonkommt. Adams, die in Freiburg eine psychotherapeutische Praxis betreibt, ist eine Erzählerin von Format, der das Frage- und Antwortspiel, dem Literatur und Therapie auf jeweils eigene Weise zuarbeiten, schon immer von Nutzen war: „Als Therapeutin habe ich einen anderen Ansatz“, erklärte sie kürzlich in einem Interview, „Therapie soll Hilfe bieten, Heilung ermöglichen, doch als Autorin interessieren mich vor allem Fragen, nicht die Antworten.“

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