Die seidigen Bäuche der Mäuse

Eine Entdeckung, die die Langsamkeit feiert: Edward Thomas Roman "Die Unbekümmerten"

Von SABINE PETERS

"Ich mag Vögel lieber als Bücher", schrieb Edward Thomas, geboren 1878 in einem Vorort von London, als Junge in sein Schulheft. Mit 16 Jahren veröffentlichte er seine ersten Essays. Gleichzeitig tauchte bei ihm das auf, was man unter dem Begriff "Depression" zu fassen versucht, und unter dem er sein Leben lang litt. Nach diversen Natur-, Landschafts- und Reisebänden erschien 1913 ein Roman mit dem schön dahinschlendernden Titel The happy-go-lucky Morgans. Ein Roman wie eine leise und dabei entschiedene Antwort auf die Depression. Ein Roman als Gegenentwurf, als eine fast vollständige Wunscherfüllung; er handelt nicht von geträumtem, sondern von gelebtem Glück.

Thomas' Buch - in der deutschen Übersetzung Die Unbekümmerten - umkreist auf immer neuen Wegen das Lebensgefühl von Einzelnen, die nicht so ganz von dieser Welt sein wollen. Im Mittelpunkt steht die Familie Morgan, die im Süden Londons lebt. Hier gibt es kein Zutrittsverbot für Bettler und Hausierer, die Gartentür steht jedermann offen. Der Ich-Erzähler erinnert sich, wie auch er als Kind und Jugendlicher hier ein- und ausging. Edward Thomas' Roman ist der Ausdruck eines großen Staunens über eine kleine Welt, über eine ländliche Gegend, in der Sonette auf Heuhaufen gedichtet werden, in der es Geheimnisse an jedem Wegrand gibt.

Tagebuchartige Passagen und sonderbare Legenden

Die Kinder gehen ihrer Leidenschaft für Schlamm, Fischfang und Luftschlösser nach, von den Erwachsenen ungestört, im Zweifelsfall unterstützt. Kein Wunder: Diese Erwachsenen gehören allesamt zu denen, die einmal als "überflüssige Menschen" bezeichnet werden. Von ihnen wird gesagt, sie arbeiteten nicht wie die Armen, sie verbrauchten nicht wie die Reichen; sie lachten, als ob sie keine Christenmenschen seien, kurz, die Schöpfung habe sie aus reiner Lust an der Abweichung hervorgebracht.

So versteht die Haushälterin Ann sich nicht auf Reinlichkeit und auf Wahrheit, sie ist halb Engel, halb Vogel. Und Mister Torrance, ein häufig wiederkehrender Gast, bewahrt sich sein heiteres Wesen, obwohl er sein Geld als Lohnschreiber verdienen muss, was ihn zwingt, seine hastig geschriebenen, fehlerhaften Bücher mühsam zu albernen Formaten aufzublasen. Alle Figuren wissen so oder so von dem, was der französische Ethnologe und Schriftsteller Michel Leiris einmal "das Heilige im Alltagsleben" nannte.

Edward Thomas' Roman lässt sich Zeit für Beobachtungen und Stimmungen: Das Haar, das einem Zugpferd in die Augen fällt, findet bei den Unbekümmerten ebenso Beachtung wie die seidigen Bäuche der Mäuse oder die Färbung von Drosseleiern. Man könnte skeptisch werden angesichts der Tatsache, dass die hier geschilderte Welt wie nicht berührt ist von dem Phänomen der Industrialisierung; oder von Kinderarbeit auch auf dem Land. Man hat aber nicht den Eindruck, hier würden einfältige Hinterglasbildchen gemalt, oder man stecke in einer Idylle fest, die sich selbst gefällt und auch genügt.

Das hat zunächst mit der Struktur des Romans zu tun: Mit dem Ich-Erzähler weiß man von Anfang an, dass das Morgan House seinen Besitzer wechseln und unkenntlich werden wird. Man weiß, dass die Familie ihr Leben außerhalb der Welt und ihrer ökonomischen Imperative schließlich nicht länger fortsetzen kann. Also doch eine durchaus begrenzte, in der Zeit verklammerte Welt. Der Roman wirkt auch deshalb nicht bloß nostalgisch, weil er in unsentimentalem Ton geschrieben ist. Edward Thomas wollte mit Die Unbekümmerten weg von der prätentiösen, manirierten Sprache, mit der er zu schreiben anfing; sein Buch sollte sich der Redeweise eines Bauern annähern. Wie gut, dass auch in diesem Fall der Roman noch Anderes weiß als sein Autor: Die Unbekümmerten unterwandern oder überschreiten eine einfache Bauernrede bei Weitem.

Der Roman ist aus verschiedenen Textsorten zusammengesetzt, die sich gegenseitig produktiv ergänzen. Tagebuchartige Passagen wechseln mit sonderbaren Legenden. Untergründig ironische Kapitel, die das eigene zerrissene Dasein als Rezensent und Lohnschreiber schildern, werden von ins Lyrische gehenden Naturbeschreibungen abgelöst. In seinem biographischen Essay weist der Übersetzer Friedhelm Rathjen darauf hin, wie schwierig es sei, Edward Thomas literarisch einzuordnen.

Die Unbekümmertenjedenfalls entziehen sich mit Hartnäckigkeit solchen Versuchen, wie auch Edward Thomas selbst immer wieder zu entspringen versuchte: weg aus der für ihn vorgesehenen Beamtenlaufbahn, immer wieder weg auch von der Familie, bevor er im Alter von erst 39 Jahren während des ersten Weltkriegs an der deutsch-französischen Front starb.

Das Glück von Tempolosigkeit und Handlungsarmut

Es ist eine mutige und schöne Entscheidung des Steidl-Verlags, dieses langsame, ziellos herumstreunende Buch herauszubringen. Denn das Glück, das hier entfaltet wird, ist für heutige Leser nicht leicht wahrzunehmen. Wenn man den Roman unter Kategorien wie "Tempo" oder "Handlungsreichtum" liest, wird man nichts von ihm haben. Seine Anziehung liegt in der Vorstellung, es könne auch für Erwachsene noch eine Existenzweise geben, die sich allen gültigen gesellschaftlichen Forderungen entzieht. Die Unbekümmerten erinnern mit beiläufiger Selbstverständlichkeit an einen Satz, der geradezu subversiven Charakter hat und der auch dem häufig so niedergeschlagenen Autor wohl oft unglaublich schien: Die Seele ist unbezähmbar, sie ist ein heiliger Bereich und eine Wildnis.

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