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Bisweilen war sie für ihn vielleicht sogar eine Bedrohung: Der große Schweiger Wolfgang Koeppen (1975 als Stadtschreiber von Bergen) und die Schreibmaschine.
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Bisweilen war sie für ihn vielleicht sogar eine Bedrohung: Der große Schweiger Wolfgang Koeppen (1975 als Stadtschreiber von Bergen) und die Schreibmaschine.

Koeppen-Briefwechsel

"Sei umarmt von deinem Ungeheuer"

Das fast unerträglich intensive Dokument einer Verzweiflung: Der bedrückende Briefwechsel von Marion und Wolfgang Koeppen.

Von OLIVER VOGEL

Anfang der fünfziger Jahre erschienen beim Verlag Henry Goverts die drei Romane, die Wolfgang Koeppen berühmt machen sollten, "Tauben im Gras", "Das Treibhaus" und "Der Tod in Rom". Bis zu seinem Tod 1996 werden zwar noch einige Reiseessays und kürzere Prosastücke veröffentlicht, der lange erwartete und immer wieder angekündigte, große Roman aber erscheint nicht.

Das Schweigen Wolfgang Koeppens und die gleichzeitige finanzielle Unterstützung durch seinen letzten Verleger Siegfried Unseld bekamen Legenden-Charakter. Nun ist im Suhrkamp Verlag der bislang unbekannte Briefwechsel zwischen Wolfgang Koeppen und seiner Frau Marion erschienen, der von 1944 bis zu ihrem Tod 1984 reicht und sämtliche erhaltenen Briefe und Notizzettel, sowie einige Fragmente und Briefe versammelt, von Anja Ebner vorbildlich ediert und sehr gründlich kommentiert. Diese Briefe könnten nahe legen, dass die Alkoholsucht seiner Frau Wolfgang Koeppen am Schreiben gehindert hat, denn natürlich haben Kritik und Germanistik seit langem nach Gründen für Koeppens Schweigen gesucht. Der Autor selbst reagierte ausweichend: "Diese Frage beantworte ich eigentlich nicht. Ich liebte diese Frau."

Die ersten Briefe, die Marion und Wolfgang Koeppen wechseln, stammen aus dem Jahr 1944. Sie ist 16, er 38, und es sieht in diesen nur ungefähr datierten Briefen zunächst nach einer einseitigen Liebe aus. Er bettelt, ihre Briefe sind nicht erhalten; dass sie ihm die kalte Schulter zeigt, lässt sich aber erahnen. So nah wie hier, so zärtlich und erotisch, werden die beiden nie wieder sein. Hier hat er noch "Verlangen" nach ihr, wie er im ersten Brief schreibt, später bleibt davon nichts als Sorge und Sehnsucht.

Schon Anfang der fünfziger Jahre, bis dahin sind kaum zehn Briefe erhalten, beginnen die immer ähnlich lautenden Bitten und Aufforderungen Wolfgang Koeppens an Marion, das Trinken einzuschränken. Er sitzt in Stuttgart in einem Hotel unter dem Marktplatz, einem ehemaligen Luftschutzbunker, der bis Mitte der achtziger Jahre als Gasthaus genutzt wurde. Zimmer ohne Tageslicht, mit künstlicher Belüftung, Grabesluft, schreibt er, hellhörig, bedrückend, aber immer noch besser als die Münchner Wohnung, in der seine Frau ist. "Kannst du dich nicht fangen, nicht dich lösen. Es wäre so herrlich! Ich würde mit Freude wieder zu dir kommen."

Hier entsteht einer der drei großen Romane, "Das Treibhaus". Auch die anderen schreibt er ständig auf der Flucht vor seiner Frau, dem Motiv des Gefängnisses bleibt er treu. "Ich weiss ja nicht, was ich will. Zu dir kommen, gewiss! Es bedarf nur eines Anstosses von deiner Seite. Aber die Arbeit? Es steht mit der Arbeit gefährlich." Wenige Briefe von Marion Koeppen sind erhalten, vielleicht mit die schönsten, jedenfalls die wildesten und unordentlichsten des Bandes. "Lieber guter Kopernikus", schreibt sie, "sei umarmt von deinem Ungeheuer". Sie schnurrt und lockt: "Träumst du von uns? Hast du nun einen sauberen Schlafanzug? Schläfst du mit oder ohne Hose? Onanierst du viel? … Viele, viele Küsse mit Bier und Brausegeschmack ein Bussi auf den Bauch und das andere hab ich vergeßen."

Sie fehlt ihm, er bleibt trotzdem weg. Seine Hoffnung lässt ihn aufhorchen, aber er ahnt, was er davon zu halten hat. "Mein Gutes, Liebes, herzlichen Dank für den Brief! Sehr schöner Brief! Sehr existentialistischer Brief! Aber, mein Schätzchen, ich fürchte, du stellst schlimme Dinge an." Davon handeln die fast fünfzig Briefe, die Koeppen aus Stuttgart schreibt. Vom "Treibhaus", das er währenddessen vollendet, erfährt man fast nichts. "Bleib lieb. Dann hab ich dich auch immer lieb."

So geht das fort. "Der Tod in Rom" erscheint, Koeppen wird nach Spanien eingeladen, er fährt nach Italien, nach Russland und England, nach Frankreich und in die USA, er bekommt den Büchnerpreis, versucht weiter zu schreiben. Man erfährt von all dem nur äußerliches: Die Geldnot wird immer schlimmer, die Hotels sind meistens schlecht, das Wetter zu heiß, die Kellner sind nett oder nicht, das Schreiben nie leicht, und was da entsteht, ist nicht gut. Von Literatur ist in diesem Briefwechsel nicht die Rede. Dass Marion immer weit weg ist, liegt in der Natur der Brief-Sache. "Es regnet. Und wo ist mein Schirm? Und wo bist du?"

Was schnell furchtbar war, wurde mit den Jahren nur noch schlimmer. Marion Koeppen nahm Tabletten neben dem Alkohol, er versucht zu rationieren, sie hält bald nichts mehr aufrecht. Er probiert alles, er resigniert, er droht. Es hilft nichts. "Ach hätte ich doch ein schönes Heim und eine liebe Frau und brauchte mich nicht in der Fremde herumzudrücken", schreibt er ihr. Ihre Zusammenbrüche häufen sich, sie stirbt 1984. Es war keineswegs so, dass Koeppen das Schreiben eingestellt hätte. Im Nachlass fanden sich Fragmente, Anfänge, Notizen und Pläne für mehrere große Erzählprojekte. Vollendet wurde davon nie etwas. Bleibt die Frage: Kann man Marion Koeppen dafür verantwortlich machen, dass Wolfgang Koeppen fast nichts mehr veröffentlicht hat? Es gibt zahlreiche Erklärungsversuche für sein Schweigen. Schon 1961, ein Jahr bevor ihm der Büchner-Preis verliehen wurde, schrieb Marcel Reich-Ranicki in der "Zeit" über den "Fall Koeppen": "Wer schreibt, will ein Echo hören. Keiner der drei Romane wurde zu einem Verkaufserfolg, keiner erhielt einen Preis. Dass derartige Umstände zu einer Krise geführt haben, ist nicht verwunderlich."

Koeppen selbst hielt das für eine Legende. Er habe wegen der Überflutung mit schlechten Nachrichten aus dem Fernsehen und den Zeitungen, wegen der "immerwährenden Information, der Public Relations des Todes" nicht mehr schreiben können. "Im Meer der unerhörten Ereignisse ertrinken Autor und Leser."

Eine andere These, die den Fall Koeppen zum Abschluss bringen möchte, stellt Jörg Döring in seiner großen Detektivarbeit auf ("… ich stellte mich unter, ich machte mich klein …", Stroemfeld Verlag, Frankfurt 2001). Koeppens erster Roman "Eine unglückliche Liebe" erschien 1934. Kurz darauf verlässt er Deutschland. Sein zweiter Roman erscheint beim Verlag Ernst Cassirer, der, weil Cassirer Jude war, kurz darauf geschlossen wurde. Im Jahr 1938 kehrt Koeppen nach Deutschland zurück, wo "Die Mauer schwankt" unter dem Titel "Die Pflicht" neu aufgelegt wird. Döring sagt (und begründet es gut), Koeppen habe einen Roman über sein Leben während des Dritten Reiches schreiben wollen, über sein Leben unter einer Tarnkappe, in dem er bis zum Ende die Tragödie mitspielte. Aber "Koeppen scheiterte an diesem Stoff." Von der zwiespältigen eigenen Geschichte hätte er also erzählen müssen, er, der doch als hellsichtiger und unbestechlicher politischer Autor galt, dessen Bücher die persilscheingereinigte Bundesrepublik attackierten.

Die eigene Geschichte als Auslöschungsverfahren - natürlich ist auch das nur ein Verdacht. Aber die These, Marion Koeppen trage die Schuld an Koeppens Schweigen, erhärtet sich nach der Lektüre dieser Briefe nicht. Hans-Ulrich Treichel macht das in seinem klugen Nachwort deutlich: "Die kranke Ehefrau hätte von sich aus wohl niemals die Macht gehabt, auch nur einen einzigen Roman zu verhindern … Was und wie viel Koeppen ohne seine lebenslange Bindung geschrieben hätte, wissen wir nicht."

Und Treichel ist so aufmerksam, die Einseitigkeit zu sehen, die eine solche Frage voraussetzt, denn "auch das Zusammenleben mit einem so störungsanfälligen Schriftsteller wie Koeppen wird nicht einfach gewesen sein … Welche Auswege es für Marion Koeppen aus ihrer Krankheit gegeben hätte, wissen wir ebenso wenig."

Keiner der Briefe in " … trotz allem, so wie du bist" war für die Öffentlichkeit gedacht, weder Marion noch Wolfgang Koeppen haben beim Schreiben die Nachwelt im Blick gehabt. Man liest Privates und Privatestes einer zerstörerischen Beziehung, es ist stellenweise das fast unerträglich intensive Dokument einer Verzweiflung. Aber man wird beim Lesen den Eindruck nicht los, eine Indiskretion zu begehen. Stellt sich die Frage: Für wen ist dieser Briefwechsel ediert worden? Manchmal blitzt der Beobachter, bisweilen der Humorist Koeppen auf, wenn er Joseph Breitbach in Paris besucht, wenn er - "hier und dort wurde gekotzt" - von den Mühen einer Schiffsreise erzählt. Genügt das aber, um die Einblicke ins eheliche Schlafzimmer zu rechtfertigen?

Es ist sicher kein Zufall, dass der Autor von "Der Verlorene", "Menschenflug" und "Anatolin", dass Hans-Ulrich Treichel Herausgeber der Koeppen-Werkausgabe ist. Er hat wie kaum ein anderer für dieses traumatisierte Land, dessen Geschichte voller Leerstellen ist, eine Sprache gefunden. Dieser Briefwechsel führt anhand eines einzelnen, wenngleich prominenten Paares das Schweigen vor, das Schuld und Verleugnung hinterlassen haben. Zeugnis und Quelle für eine Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik zu sein, ist das große Verdienst dieser Veröffentlichung.

Oliver Vogel ist Programmleiter für deutschsprachige Literatur im S. Fischer Verlag.

Marion und Wolfgang Koeppen:

"… trotz allem, so wie du bist". Briefe. Hrsg. von Anja Ebner. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008, 456 S., 32,80 Euro.

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