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Seht diesen Menschen!

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Von: Dirk Pilz

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Bicci di Lorenzo: "Die Taufe des Heiligen Augustinus", 1387.
Bicci di Lorenzo: "Die Taufe des Heiligen Augustinus", 1387. © epd

Und schaut auf seine Wirkungen: Robin Lane Fox? ungewöhnliche Biographie des Augustinus.

Das berühmteste Buch des berühmtesten Menschen der späteren Antike ist ein Gebet. Es heißt wie kein Buch je zuvor: „Confessiones“, Bekenntnisse. Und es ist dieses Buch auch ein ganz anderes als jedes frühere oder spätere, schreibt Robin Lane Fox in seiner Biographie über Augustinus, die er anhand eben dieses langen Gebets entwickelt.

Allein dies ist überaus ungewöhnlich an diesem einschüchternd umfangreichen Band: Augustinus’ langes, widerspruchsreiches Leben unter den Blickwinkel der „Bekenntnisse und Bekehrungen eines antiken Menschen“ zu setzen.

Das Problem der Augustinus-Forschung ist ja nicht, dass man zu wenig über die Biographie, das Denken und Wirken des Rhetoriklehrers, Philosophen und Bischofs im nordafrikanischen Hippo und späteren Kirchenvaters wüsste. Man weiß im Grunde zu viel, zu viel Verschiedenes, zu viel Ungereimtes.

Deshalb hat sich der britische Altertumswissenschaftler Robin Lane Fox dazu entschieden, dieses Leben aus den „Confessiones“ heraus zu beschreiben, also den Selbstbeschreibungen nachzugehen, den Erzählungen über Ausschweifungen, Theaterbesuche, Philosophien, Debatten, Freundschaften, über die Mutter Monnica und die Religion des Mani, der Augustinus einst angehörte und die er später selbst als häretische bekämpfte. Überraschenderweise gelingt das nicht nur ausgesprochen gut, sondern Fox findet häufig gerade in den Details die Schlüssel, um Augustinus zu begreifen, das Leben wie seine bis heute anhaltende Wirkung.

Gleich zu Beginn stellt sich Fox etwa die vermeintlich abwegige Frage, wie Augustinus dieses lange Gebet eigentlich aufgeschrieben haben mag. Saß er, oder stand er? Er kniete vermutlich. Denn wenn es ein Gebet ist und wenn er, wie damals üblich, dabei kniete und die Hände erhob, kann er es aber kaum selbst geschrieben haben. Also hat er es, vermutlich, diktiert. Und aus dieser mündlichen Form der Komposition ist für Fox auch zu erklären, warum es solch eine Freude sei, die „Bekenntnisse“ zu lesen und mehr noch zu rezitieren, „und das selbst für solche, die eher an Stil und Worte zu glauben vermögen als an den intendierten Adressaten: Gott.“

Für solche ist auch Fox’ Buch geschrieben, für alle, die das Leben in der Spätantike erfassen wollen. Er verhandelt dabei mitunter sehr ausführlich theologische und ideengeschichtliche Fragen, geht umfassend auf damalige kirchengeschichtliche Konstellationen ein, hat jedoch immer im Blick, dass Augustinus 354 in eine Welt geboren wurde, die nicht mehrheitlich christlich war, und die es auch noch nicht war, als er 387 getauft wurde, zehn Jahre später die „Bekenntnisse“ entstanden und er weitere 33 Jahre später verstarb.

Diese Welt lässt Fox in Gestalt zweier „Beinahe-Zeitgenossen“ auftreten, die er immer wieder zitiert, um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Augustinus zu erfassen, ihn also als ebenso besonderen wie gewöhnlichen Menschen der Antike zu porträtieren. Es ist dies auf der einen Seite Libanios, Griechisch-Lehrer und kein Christ, und auf der anderen Synesios, Bischof und berühmter Briefeschreiber. Fox’ Buch ist über weite Strecken eine Triptychon-Biographie, man lernt wirklich sehr viel aus ihm.

Wer war also dieser Augustinus? „Denn ich bin nun einmal ein Mensch“, so schreibt er einmal, „der in seinem Verlangen ungeduldig ist, das Wahre nicht nur zu glauben, sondern zum Verstehen zu gelangen.“ Das ist es, was ihn ausmacht, und dieses Verlangen ist es, was Fox in Augustinus’ Leben und Denken entdeckt. Augustinus hat keine systematische Theologie entworfen, keine Dogmensysteme errichtet, er war vor allem Prediger und Seelsorger, überdies Richter, Briefschreiber und offenbar auch gern gesehener Gesprächspartner. Und er war in alldem tatsächlich Suchender. „Wir wollen in der Hoffnung suchen“, so Augustinus in seiner Schrift über die Dreieinigkeit, „einst zu finden – und in einer Weise finden, dass wir Suchende bleiben.“ Insofern sind seine „Bekenntnisse“ als Gebet immer auch Suchbewegungen, keine Predigt, keine Lehrsatzsammlung. Selbst die großen späteren Werke über den „Gottesstaat“ oder die Dreieinigkeit begreift Fox unter diesem Blickwinkel.

Das ist für deutsche Leser vermutlich eher überraschend. Augustinus steht noch immer unter dem Generalverdacht, jener „Hysteriker von Hippo“ zu sein, der mit seiner „verschärften Sünden-Doktrin eine Verdüsterung auslöste, von der sich die westliche Welt bis heute nur zögernd erholt“, wie es Peter Sloterdijk erst kürzlich wieder verkündete. Und für Kurt Flasch, der obsessiv die Kirchengeschichte, Augustinus besonders, beackert hat, aber nachdrücklich betont, kein Christ zu sein, löste das augustinische Denken einen „Schauder“ aus, den das Christentum bis in die Gegenwart gefangen halte.

Der quellensichere Historiker Robin Lane Fox – bekannt geworden mit seiner Weltgeschichte von Homer bis Hadrian („Die klassische Welt“, 2010) und einer Biographie zu Alexander dem Großen (2005) – holt Augustinus aus dieser Gefangenschaft heraus, befreit ihn von den Klischees und stellt ihn als Menschen der Antike vor, der mit Schaudern oder Hysterie nicht zu erfassen ist. Dafür braucht es diesen dicken, immer gut erzählten, teils auch anstrengend Band.

„Es gibt viele herausragende kurze Bücher über Augustinus“, so Fox, „ich sah keine Veranlassung, noch ein weiteres hinzuzufügen.“ Aber es gibt genügend Veranlassung, Augustinus aus seiner Zeit heraus und gerade damit diese seine Zeit und seine enorme Wirkung bis in die unsrige zu begreifen.

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