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François Mitterrand, damals Justizminister, mit Felix Houphouët-Boigny, Elfenbeinküste, 1956 in Paris.

Joseph Andras

Die sehr harte Hand des Staates

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"Die Wunden unserer Brüder" schildert den Fall des kommunistischen Kolonialismusgegners Fernand Iveton, Frankreich zeigte keine Gnade.

Es ist nur ein kurzes Kapitel aus der französischen Kolonialherrschaft in Algerien – aber eines, das in der Strenge der Erzählung unter die Haut geht. Der Autor Joseph Andras schildert den historisch belegten Fall des Algerienfranzosen Fernand Iveton, der im November 1956 Opfer einer politischen Machtdemonstration wurde.

Iveton nämlich wurde ertappt, als er eine Bombe in einem Fabrikgebäude in Algier deponieren wollte. Weder wurde dabei jemand verletzt noch sollte jemand verletzt werden – wie der Kommunist Iveton immer wieder betonte. Schließlich kannte er sich aus und wusste, dass zur geplanten Tatzeit niemand in der Halle sein würde. Ihm ging es um ein drastisches Zeichen gegen die Besatzer – nicht mehr, nicht weniger.

Gleichwohl wird der Widerstandskämpfer schwersten Folterungen ausgesetzt, was vom Autor mit dem rechten Maß an Intensität geschildert wird, also solcherart, dass kein Zweifel an der Grausamkeit besteht (Waterboarding inklusive), aber deren Darstellung nicht bis zur Lesequal andauert. Vor Gericht sagt Iveton: „Ich liebe Frankreich, ich liebe Frankreich, ich liebe Frankreich ganz außerordentlich, aber was ich nicht liebe, sind Kolonialisten.“

In die Schilderung der Haft und des Prozesses sind Szenen aus Kindheit und Ehe geschnitten. Sie alle laufen auf den einen Moment zu, in dem das Fallbeil der Guillotine hinabrasen soll. Zwar rechnen die Anwälte zunächst nur mit einer Gefängnisstrafe. Schließlich sei Frankreich keine Diktatur. Doch tatsächlich wird Iveton zum Tode verurteilt – eine Strafe, die in jeder Hinsicht maßlos ist.

Das Gnadengesuch ist die letzte Hoffnung – und wird vom französischen Staatspräsidenten abgewiesen. Mitten im „Algerienkrieg“, mit Attentaten der Unabhängigkeitsbewegung FLN auf der einen und „Säuberungsaktionen“ der französischen Armee auf der anderen Seite, scheint ein solcher Gnadenakt politisch nicht opportun zu sein. Das politische Klima und die öffentliche Meinung wirken gegen Iveton. Der Staat will Härte demonstrieren.

Vorneweg dabei: François Mitterrand, erst als Frankreichs Innenminister und dann als dessen Justizminister. Die kurze historische Einordnung, die dem Roman angefügt ist, wird gerade Lesern, die diese Ereignisse nicht präsent haben, sehr hilfreich sein. „In den fast fünf Kriegsjahren kamen Tausende von Franzosen und Hunderttausende von Algeriern um, davon nur ein kleiner Teil bei militärischen Operationen, der größte bei Vergeltungsaktionen der französischen Armee, denen vor allem Zivilisten zum Opfer fielen.“

Joseph Andras – der 1984 geboren wurde und zurückgezogen in der Normandie lebt – wurde 2016 für dieses Werk mit dem Debütpreis des Prix Goncourt ausgezeichnet, des bedeutendsten Literaturpreises Frankreichs. Den hat er abgelehnt.

Joseph Andras: Die Wunden unserer Brüder. Roman. A. d. Franz. v. Claudia Hamm. Hanser, München 2017. 158 S., 18 Euro.

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