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Installation von Fiona Tan.

Buchmesse Frankfurt

Die Sehnsucht nach dem Meer

Das kulturelle Rahmenprogramm der Stadt für die Frankfurter Buchmesse will Flandern und die Niederlande den Menschen näherbringen.

Auf den ersten Blick rollt der Zug durch eine idyllische, friedliche Landschaft. Erst beim näheren Hinschauen offenbaren sich dem Betrachter Details mit Widerhaken. Vor dem Rathaus der kleinen Stadt campieren Globalisierungsgegner, am Rande der Bahnstrecke türmt sich Zivilisationsmüll, auf dem Markt hat es offenbar einen Überfall gegeben, Polizeiwagen stehen dort. Gründlich demontiert die niederländisch-indonesische Künstlerin Fiona Tan das klassische Bild der Modelleisenbahn-Landschaft und damit „die Idee von der heilen Welt“, so sagt es Peter Gorschlüter, der stellvertretende Direktor des Museums für Moderne Kunst (MMK), bei seiner Führung.

Die Künstlerin hat ihr Werk ironisch „1:87“ getauft, nach dem klassischen Größenmaßstab für Modelleisenbahnen. Zum ersten Mal ist die 50-jährige Tan, die 2002 schon bei der Documenta für Aufsehen sorgte, mit einer großen Einzelausstellung im MMK vertreten. Ein Höhepunkt des Rahmenprogramms zur Frankfurt Buchmesse 2016, das als Gast die Kultur von Flandern und den Niederlanden präsentiert, in Ausstellungen, Konzerten, Filmen. Längst haben die ersten Veranstaltungen begonnen und sie reichen bis zum Ende des Jahres, also weit über die eigentlichen, hektischen Buchmessetage vom 19. bis 23. Oktober hinaus.

Seit 1988 lädt sich die Frankfurter Buchmesse jedes Jahr einen Ehrengast ein, daran erinnert Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). Wenn alles sich zum besten fügt, dann entwickelt so ein Buchmessen-Programm einen Sehnsuchts-Sog nach der anderen, unbekannten Kultur. Der Kinderbuchautor Bart Moeyaert, der der Intendant des Ehrengastlandes auf der Buchmesse ist, zitiert da den französischen Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen weiten Meer.“

Comic und Graphic Novel

Und mit genau dieser Taktik gehen Flandern und die Niederlande vor, die nach 1993 schon zum zweiten Mal Ehrengast sind. Das Deutsche Architekturmuseum etwa zeigt unter dem Titel „Maatwerk“ („Maßarbeit“) Beispiele jüngerer flämischer und niederländischer Architektur. Und macht so neugierig auf den Besuch der Kulturregion.

Ein besonderer Schwerpunkt ist in diesem Jahr dem Comic und der Graphic Novel gewidmet, die in diesem Sprachraum eine weit größere Tradition besitzen als in Deutschland. Im Haus am Dom ist unter dem Titel „SPRACHaufZEICHNUNG“ eine Ausstellung zum Thema zu sehen, im Instituto Cervantes (Staufenbergstraße 1) erweitert sich der Blick auf „Graphic Novels aus Europa“.
Von dort ist es inhaltlich nicht weit zum belgischen Künstler David Claerbout, der im Städel-Museum eine überraschende Trickfilm-Adaption vom „Dschungelbuch“ zeigt – nämlich einen Tierfilm, in dem Bär, Panther und Schlange all das Menschliche verloren haben, das ihnen der Mensch so gerne andichtete.

Bis zum Tod begleitet

Nicht versäumen sollte man einen Besuch von „Emmy’s World“ im Fotografie Forum (Braubachstraße 30-32). Die niederländische Photographin Hanne van der Woude hat das Künstlerehepaar Emmy Eerdmans und Ben Joosten in seinen letzten Jahren mit der Kamera begleitet – bis zum Tod eines Partners.

Das Deutsche Filmmuseum entführt in eine gänzliche fremde Welt: in die der Verfilmungen bekannter niederländischer Romane und Erzählungen. Wer sich mit der Philosophie des Ehrengastes auseinandersetzen möchte, kann am 4. Oktober im Künstlerhaus Mousonturm „philosophisch dinieren“. Einmal mit der Philosophin Marli Huijer und zum zweiten mit Chris de Stoop, einem bekannten investigativen Journalisten aus Belgien. Die Abende kosten freilich jeweils 42 Euro Eintritt, was denen einen oder anderen abschrecken könnte.

Natürlich ist das Künstlerhaus Mousonturm (Waldschmidtstraße 4) gemäß seiner Tradition auch der Ort, an dem über Wochen modernes Tanztheater aus der Ehrengast-Region gezeigt wird.

Wer der Hektik des Stadt-Alltages und des Messe-Trubels entkommen möchte, kann sich den Entschleunigern der Slow-Reading-Bewegung anschließen. Für sie wird im zweiten Stockwerk des Kunstvereins am Römerberg eine „Residency“ eingerichtet: Hier kann langsam und konzentriert gelesen werden – ganz ohne Störung.

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