Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Sandig "Buch gegen das Verschwinden"

Die Sehnsucht der Maori

Ulrike Almut Sandig versammelt in ihrem „Buch gegen das Verschwinden“ Kurzgeschichten über unbegreifliche Verluste.

Von Sabine Vogel

Der Mann erzählt die alte Geschichte eines Tornados immer wieder neu. Als ein Vorhang aus beweglicher Dunkelheit hat sich der Sturm über den Mann und seinen Jungen gestürzt, den er um alles in der Welt vor Unglück beschützen will. Die Frau hört sich die minimalen Varianten seiner Erzählung mit ihren sukzessiven Verschiebungen der Erinnerung immer wieder in stiller Geduld an. „Solange wir eine Version haben, die uns das Leben und alle, die darin verschwinden, erträglich macht.“ Die Hitze am Strand nahe Rostock hängt wie ein vergessenes Moskitonetz in der Luft. Der Freund des Paares bringt dem Kind das Angeln bei und erzählt von der Sehnsucht der Maori.

In der Frau schlägt ein zweites Herz in einem blaubeergroßen Embryo. Der Mann weiß davon nichts, von nichts versteht er etwas in seiner dauerbekifften Ichbezogenheit. Nach einem kleinlichen Streit des Paares geht der Junge verloren. „An dieser Stelle kam der Sommerabend mit einer einzigen Handbewegung am Rad der Zeit zum Stillstand.“ Er wird unversehrt wieder auftauchen, aber was heißt unversehrt? „Der Sommer war aus.“

Die 1979 in Riesa bei Leipzig geborene Schriftstellerin Ulrike Almut Sandig versammelt in ihrem neuen „Buch gegen das Verschwinden“ sechs Kurzgeschichten. Wie vom Wind, dem Wind, dem himmlischen Kind drachenflüchtig und zugleich zu angehaltenen Ewigkeiten in lakonisch knappe Sätze geblasen, leuchtet die Melancholie unbegreiflicher Verluste auf.

Ihr war immer kalt

Nach einem langen, glücklichen Leben ist Erika nicht mehr da. Seit der gemeinsamen Flucht im Schneewinter war der rotwangigen Frau immer kalt. 50 Jahre hat ihr Mann ihr zum Einschlafen von den Gesteinsschichten der Erde, den flüssigen Felsen bis zum vulkanheißen Kern weit unter ihrem Häuschen erzählt. In einem Buchladen liest er sich nun bis zu den Braunkohlehalden in die Gegenwart zurück. Er kauft zwei Baumkuchen, der Supermarkt ist gut ausgeleuchtet, lädt Freunde zu Erikas Geburtstag ein. Der gedeckte Tisch schwankt ein wenig, aber nicht sehr.

Von so einem Fest, das nicht beginnen wird, handelt auch die Geburtstagsgeschichte. Ein von Frau und Kind Verlassener mit einem taumelnden, kranken Körper liest die Mails seines Bruders. Der irrt als Sportjournalist in der Welt herum und verspricht, ihm seine persönliche Geschichte zu schreiben. Endlich trifft sie ein. Doch die Einlösung ist wie ausgelöscht: „Auf dem Bildschirm lag die Sonne.“

Ulrike Almut Sandig: Buch gegen das Verschwinden. Schöffling & Co, Frankfurt 2015. 200 Seiten, 18,95 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare