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Sehnsucht und Einverleibung

Sich selbst an die Stelle eines Anderen setzen: Hans Ulrich Gumbrecht über die geheimen Triebkräfte der Philologen

Von Michael Adrian

Erschöpft scheinen jene Bereiche der Literaturwissenschaft dazuliegen, die sich nicht rechtzeitig in die Kulturwissenschaft abgeseilt haben, um sich dort an der Jugendlichkeit neuer Fragestellungen und Phänomene zu laben. Einzig die dekonstruktivistisch orientierten Vertreter der Zunft jagen immer noch ein paar Volt(en) mehr durch die Prachtlabyrinthe ihrer Texte, doch wirken sie in der Gefangenschaft ihrer Überspannungslogik ungefähr so verführerisch wie aufgeputschte Lustgreise. In einer solchen Situation ist man dankbar für jeden Versuch einer programmatischen Bestandsaufnahme.

Hans Ulrich Gumbrecht hat mit seinem Band über Die Macht der Philologie eine solche Selbstbesinnung vorgelegt. Wie wenige scheint der an der Stanford University lehrende Literaturwissenschaftler und -historiker befähigt, innezuhalten und darüber nachzudenken, was denn die Philologen eigentlich tun. Als Mediävist, Romanist, Vergleichender Literaturwissenschaftler und philosophisch interessierter Kulturgeschichtsschreiber überschaut der Autor nämlich das geisteswissenschaftliche Feld in einer staunenswerten Breite. Zudem waren Gumbrechts Arbeiten der jüngeren Zeit durch überaus interessante historische Reflexionen auf die eigene Disziplin geprägt. In Vom Leben und Sterben der großen Romanisten spürte er unter anderem den nationalgeschichtlichen Bedingungen nach, unter denen das deutschromantische Sonderfach der Romanistik entstand. Mit seinem von der Kritik gefeierten Werk 1926. Ein Jahr am Rande der Zeit wiederum legte er ein hoch reflektiertes Beispiel für das vor, was seine Generation - die Generation der sich durch Systemtheorie, Poststrukturalismus und Diskursanalyse vom geschichtsphilosophisch-utopischen Denken befreit Fühlenden - in die Waagschale zu werfen hat.

Und nun also eine knapp gehaltene Schrift, deren Kapitel wie in einer Stufenfolge über die vermeintlich so staubtrockene Arbeit des Philologen nachdenken. Vom Sammeln von Fragmenten über das Edieren von Texten und Schreiben von Kommentaren schreitet der Textwissenschaftler, um schließlich mit dem Historisieren seiner Gegenstände zum Lehren von Komplexität zu gelangen. Dass er es dabei mit einer Macht der Philologie zu tun bekäme, ist die Neuigkeit, mit der Gumbrecht überrascht. Worin besteht diese Macht? Der Autor sieht sie in einem Begehren des Philologen, sich den von ihm bearbeiteten Text anzueignen, sich ihm gleichsam anzuverwandeln, ihn sich einzuverleiben. Durch alle editorischen Tätigkeiten hindurch verfolgt die Argumentation diese Sehnsucht nach Präsenz. Der Herausgeber, der einen mangelhaft überlieferten Text vervollständigt und sich dabei in die Rolle von dessen Autor hineinfantasiert, der Sammler, der der alten Schriftstücke physisch habhaft werden will, der Kommentator, der die weißen Ränder der Manuskripte mit seinem eigenen Text zuwuchern lässt: Sie alle folgen einem nachgerade körperlichen Verlangen, sich an die Stelle von jemand und etwas anderem zu setzen. Dieses Verlangen verhandelt Gumbrecht unter dem Stichwort "Macht"; denn an dem Ort, den einer erfolgreich besetzt hat, kann kein andrer sein.

Mit Hilfe von Sartres Imaginationstheorie und zahlreichen theoretischen Bruchstücken der einschlägigen philosophischen Stichwortgeber von Mead bis Lacan schließt Gumbrecht dann die bei der philologischen Tätigkeit unabdingbare Vorstellungskraft - mit der Überlieferungslücken gestopft und Sinnlücken überbrückt werden müssen - an ein solches Begehren nach Präsenz an: Die physische Gegenwart eines Objektes aktiviert in ihrer archaischsten Form unsere Imagination, Körperliches entzündet Geistiges, und etwas von diesem Urgeschehen glimmt noch in dem leiblichen Begehren des Philologen nach, ein zeitlich oder kulturell fernes Geistesprodukt zu dem seinen zu machen. Dieser Prozess ist hoch vermittelt; das Resultat der philologischen Imagination sind Worte, sind Begriffe und keine unmittelbar körperlichen Regungen. Macht scheint der Philologe insofern nicht nur zu haben und zu suchen, er unterliegt ihr auch. Denn natürlich entzieht sich ihm der überlieferte Autor oder Text genau in dem Maße, in dem er sich selbst an dessen Stelle setzt. Die Philologie erscheint zwischen Gumbrechts Zeilen als eine eigentlich perverse Tätigkeit, indem sie stets aufs neue ein Verlangen entfacht, das sie im Maße ihres Erfolgs unerfüllt lässt.

Nun könnte man diesen spekulativen Reflexionen zu den geheimen Triebkräften der Zunft je nach Gusto mit Vergnügen oder Kopfschütteln folgen, könnte befriedigt oder einmal mehr unbefriedigt dem Versuch beiwohnen, die (Zeit-)Genossen "Körper" und "Präsenz" im Herzen des humanistischen Geistes anzusiedeln. Und nicht zuletzt könnte man die Schrift als theoretischen Kommentar zum aktuellen Streit um den Hölderlin-Herausgeber D.E. Sattler lesen. Doch geht es dem Verfasser ja zugleich um eine erhellende Neubeschreibung eines Kerngeschäfts der historisch-geisteswissenschaftlichen Disziplinen, und hier sind erhebliche Bedenken anzumelden.

Seine pragmatischen Überlegungen zum philologischen Tun nämlich sind weniger vom Versuch geprägt, den Körper in die Geistesdisziplinen einzuschreiben, als von überaus traditionalistischen Gesten, wie sie offenbar im Bannkreis der Konstanzer Rezeptionsästhetik, als deren Hoffnungsträger Gumbrecht einmal galt, immer noch prächtig gedeihen. Etwa will Gumbrecht die Einsicht in die Absicht des historischen Autors als Zielpunkt philologischen Tuns wieder aufwerten - schließlich sei "der Autor" in der kulturellen Praxis fest verankert; er verleiht einem ?uvre Kohärenz, und der gemeine Leser malt sich angeblich auch aus, wie sich Goethe die Adressatinnen seiner Liebesgedichte vorstellte.

Diesem Vorschlag zu folgen hieße, den Text in der philologischen Praxis nicht mehr kritisch gegen solche geschlossenen Zirkel aus erahntem Autorenwillen, einem entsprechend zurecht getrimmten Werk und dessen insgeheimer Verstärkungsfunktion für das so gemachte Bild des Autors einzusetzen. Gegen die übersprunghafte Identifikation des Herausgebers mit dem Autor bleibt dann nur der Verweis auf den heuristischen, auf den Modellcharakter dessen, was er dem Gegenstand seiner Liebesmühe in die Schuhe schiebt. Fraglich, ob die Anmahnung von "Geschmack und Takt" hinreicht, um all jene Begierden nach Identifikation und Präsenz in Schach zu halten, die gerade als die Triebkräfte der Zunft ausgemacht wurden.

So wendet sich Gumbrecht gegen die Übertreibungen einer Philologie, die möglichst alles "im Text selbst" finden möchte - und schüttet das Kind mit dem Bade aus. Denn für den Text, ihren eigentlichen Gegenstand, findet sich in dieser imaginär-interaktionistischen Philologie allem Anschein nach kein systematischer Ort mehr.

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