Sehenden Auges in die Katastrophe

Elisabeth Kolberts "Depeschen von der Klimafront" berichten von schmelzenden Gletschern und den dramatischen Folgen für die Welt

Von UDO SCHEER

Der "Schnee auf dem Kilimandscharo", bei Ernest Hemingway noch gut für den Titel einer Kurzgeschichte, wird realistischen Prognosen zufolge in 15 bis 20 Jahren Schnee von gestern sein. Klimaforscher maßen im vorigen Jahr einen Schrumpfungsrekord der arktischen Eisdecke. 6,88 Millionen Quadratkilometer umfasste sie 1979 und ist seither 1,1 Millionen Quadratkilometer kleiner geworden. Klimamodelle, darunter aus dem Max-Planck-Institut, erwarten zwischen 2080 und 2100 einen eisfreien Nordpol.

Im südlichen Afrika, in Zentral- und Ostafrika kommt es zu immer neuen Hitzerekorden, anhaltenden Dürreperioden und Hungerkatastrophen. Wasser könnte zum Auslöser für Kriege des 21. Jahrhundert werden. Die weltweiten Alarmsignale sind längst unübersehbar. Wie zur Bestätigung für Elisabeth Kolbert, Reporterin des US-Magazins The New Yorker, wuchsen sich 2005 während der Arbeit an ihrem Reportageband zum globalen Klimawandel 14 tropische Wirbelstürme zu Hurrikanen aus, ein neuer Rekord. Mit "Katrina", in deren Flutwellen New Orleans versank, und mit "Rita" wenige Tage später erreichten erstmals zwei Wirbelstürme in einer Saison die höchste Kategorie fünf mit Spitzengeschwindigkeiten von 280 Stundenkilometern. Und erstmals drehte im Dezember ein Hurrikan nicht Richtung Karibik ab, sondern zog aus dem Atlantik genügend Wärmeenergie, um auf den Kanaren wüten zu können.

Jenseits apokalyptisch-reißerischer Weltuntergangsprophezeiungen berichten Elisabeth Kolberts Reportagen von Schauplätzen, auf denen der Klimawandel bereits jetzt gravierende Veränderungen hervorruft. Sie besuchte Inuit in Alaska, die wegen der schmelzenden Eisdecke und zunehmenden Sturmfluten ins Landesinnere umgesiedelt werden. Sie reiste mit einem Permafrostforscher, der den Rückgang des Dauerfrostbodens dokumentiert und vor der Freisetzung gewaltiger im Boden gespeicherter Mengen Kohlendioxids warnt, die weitere globale Erwärmung bedeuten würde.

Ponton-Siedlungen

Sie sprach mit Gletscherbeobachtern auf Island und Grönland, die in den vergangenen zehn Jahren einen seit Aufzeichnungsbeginn einmaligen Abschmelzprozess beobachten, und sie besuchte erfinderische Niederländer, die künftigen Überschwemmungen in Ponton-Siedlungen trotzen wollen.

In leicht verständlichen Exkursen erklärt das Buch Klimaprozesse in ihrem trügerisch trägen System, in dem Störgrößen eine kaum beherrschbare Eigendynamik entwickeln können. Wie gegenwärtig, da Teile der polaren Eisdecke mit ihrer Licht- und Wärmereflexion von 80 bis 90 Prozent zu Meeren mit bis zu 90 Prozent Wärmeabsorption zusammenschmelzen, was zu weiterer Erwärmung führt.

Nur scheinbar im Widerspruch dazu steht die Meldung britischer Wissenschaftler, nach deren Messungen der Golfstrom in den vergangenen 50 Jahren um 30 Prozent schwächer geworden sei. In wenigen Jahren könnte unsere atlantischen Wärmepumpe versagen: Ausgelöst durch die Gletscherschmelze vor Grönland verringert sich der Salzgehalt des Nordatlantik. Durch die geringere Wasserdichte verlangsamt sich die Absinkgeschwindigkeit der kalten Tiefenströmung. Damit schwindet die Ansaugkraft für die warme Oberflächenströmung aus der Golfregion und führt zu Klimaänderungen in Europa.

Erstmals in der Erdgeschichte tragen menschengemachte Faktoren nachweislich zur Klimaänderung und zu Klimakatastrophen bei. Hauptursache ist der mit der Industrialisierung verbundene Kohlendioxidausstoß. Durch diesen zusätzlichen Treibhauseffekt in der gegenwärtigen Warmzeit erreicht die globale Temperatur inzwischen nahezu ihren Höchststand seit 325 000 Jahren, damals mit einem Kohlendioxidgehalt von 300 ppm (Teilchen pro Millionen) in der Atmosphäre. Der derzeitige Wert beträgt 378 ppm, Tendenz steigend.

Dennoch verweigern Verantwortliche in den USA, der Nummer eins im Ausstoß von Treibhausgasen, die im Kyoto-Prozess festgeschriebenen Gegenmaßnahmen. Eine ihrer Begründungen: Die Mehrkosten (etwa 15 Dollar je US-Amerikaner und Monat) würden zu einem Wettbewerbsnachteil gegenüber China führen. International, so Elisabeth Kolbert, sei da schwer zu argumentieren: "Wir haben unseren Wohlstand, der seit 300 Jahren auf der Nutzung fossiler Brennstoffe beruht, und jetzt, wo eure Länder hohe Wachstumsraten verzeichnen, müsst ihr euch zügeln, weil wir ein Klimaproblem haben." Voraussichtlich 2025, nach Verdopplung seiner Energieproduktion, dürfte China mit den USA im Ausstoß von Treibhausgasen gleichziehen. Die Fachwelt ist alarmiert: "Computermodelle des Erdklimas deuten darauf hin, dass wir auf eine kritische Schwelle zusteuern. Es wird leicht sein, diese Schwelle zu überschreiten, aber praktisch unmöglich, diese Entwicklung umzukehren."

Die entscheidende Frage

Steuert also unsere Zivilisation auf eine Klimafalle zu, ähnlich unserem Nachbarplaneten Venus, auf dem unter der Kohlendioxid-Atmosphäre extreme Hitze brütet? Oder gibt es Hoffnungen auf einen Bewusstseinswandel ähnlich wie beim FCKW-Verbot zum Schutz der Ozonschicht?

Gemeinsam mit Wissenschaftlern und Klimabeobachtern stellt die Autorin die für unser Jahrhundert mitentscheidende Frage: "Werden wir mit einer globalen Strategie antworten? Oder werden wir immer verbohrter und ohne Rücksicht auf Verluste nur noch unseren eigenen Vorteil suchen? Es scheint unvorstellbar, dass eine technologisch fortgeschrittene Zivilisation sehenden Auges ihre Selbstvernichtung betreibt, doch genau das geschieht im Moment."

Elisabeth Kolbert: Vor uns die Sintflut. Depeschen von derKlimafront, Berlin Verlag, Berlin 2006, 221 Seiten 19,90 Euro.

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