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Wo die Seele sitzt

David Albaharis melancholische Erzählungen "Fünf Wörter"

Von MARTIN LUCHSINGER

Der serbische Autor David Albahari, oft als Nachfolger von Alexander Tisma tituliert, ist ein großer Sprachkünstler und ein abgrundtiefer Melancholiker von unverwechselbarer Eigenständigkeit. 1948 bei Belgrad geboren, lebt er seit 1994 im kanadischen Exil. Dass er mit 46 Jahren sein Herkunftsland im Bürgerkrieg verließ, bedarf keiner weiteren Begründung, hatte aber bedeutsame konkrete Hintergründe. Albahari war seit 1991 Vorsitzender des Verbandes der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens und in dieser Funktion maßgeblich an der Evakuierung der Juden aus Sarajewo beteiligt. Nur durch die Emigration ließ sich die durch die Umstände erzwungene Politisierung rückgängig machen - um den Preis einer anhaltenden Entwurzelung.

Albahari, der in Belgrad Anglistik studierte, Nabokov, Updike und Shepard übersetzt hat und seit 1973 selbst Kurzgeschichten und Romane publiziert, fand erst im Exil zurück zum Schreiben. Dieses Schreiben aber kreist unablässig um die verlorene Herkunft. Offenkundig ist dies im Roman Mutterland aus dem Jahre 1996 (dt. 2002) , der wie alle folgenden Texte von Mirjana und Klaus Wittmann ins Deutsche übertragen wurde und Albahari hierzulande bekannt gemacht hat. Der Ich-Erzähler, ein Alter-Ego des Autors, setzt sich im kanadischen Exil mit autobiographischen Tonbandaufzeichnungen seiner mittlerweile verstorbenen Mutter auseinander. Die Wiederbegegnung mit der Muttersprache und der leidvollen Familiengeschichte kommt erst an einem außereuropäischen Ort in Gang und droht stets zu scheitern, was Albahari ebenso schlicht wie raffiniert mit mehrfachen Spiegelungen in Szene setzt.

In Götz und Meyer, Albaharis fulminantem Beitrag zur Holocaust-Literatur aus dem Jahre 1998 (dt. 2003), ist der Bezug zur eigenen Geschichte indirekter, aber nicht weniger eindringlich: Ein Belgrader Lehrer stößt auf der Suche nach seinen ermordeten jüdischen Angehörigen auf Dokumente über zwei deutsche Lastwagenfahrer, ein banales Täterduo, zu dem er trotz des zeitlichen Abstandes mit zunehmender Beschäftigung in einen Strudel der Distanzlosigkeit gerät.

Wer die beiden Romane mit ihrer kunstvoll-monologischen, einen unwiderstehlichen Sog entwickelnden Eigenart kennt, wird auch am neuen Band mit (leider undatierten) Erzählungen seine Freude haben. Die Sammlung von 22 Kurz- und Kürzestgeschichten liest sich wie ein Panorama von Albaharis Schreibvariationen und Themenkreisen. Schauplatz der Handlung ist entweder Serbien oder Kanada, dafür ist die Bandbreite der Personen umso größer: Schriftsteller treten auf, aber auch ein Briefträger, der seine Frau umbringen will, ein Papst, der seine Zeit mit Fernsehen verbringt, oder eine junge Frau, die soeben von ihrem Geliebten verlassen wurde.

Breit gestreut ist auch die Thematik der Geschichten, episodenhafte mit eher plakativen Titeln ("Hitler in Chicago") wechseln ab mit traumhaft surrealen, eine ausgestaltete erotische Phantasie steht neben Geschichten voller Selbstironie und Witz. Nicht nur, wenn vom Sterben eines Tuchhändlers erzählt wird oder von einem Gespräch über den Sitz der Seele, das tödlich endet, ist ein melancholischer Grundton jedoch unüberhörbar.

Fast alle Geschichten handeln von Einsamkeit, Unglück, Schweigen und der Unbehaustheit des Menschen und sind zugleich, mal lakonisch und mal beredet, und ein Einspruch dagegen. Wenn, wie in der Titelgeschichte, "Fünf Wörter" zur Not genügen, um alle Fragen dieser Welt zu beantworten, so wird zugleich einer anderen Welt das Wort geredet, in der andere Fragen möglich würden. Der Weg dahin führt weg vom Gerede und durch das Schweigen hindurch. Bei aller Abgründigkeit in Thematik und Verlauf sind Albaharis Geschichten immer auch ein Protest gegen sich selbst: "... als könne die Stille da helfen, wo es keine Worte mehr gibt."

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