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Ein Boot ist angekommen, Helfer auf Lampedusa reichen die Hand.

Flüchtlinge

„Schiffbruch vor Lampedusa“: Die Seele, ein Friedhof

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Der Italiener Davide Enia hat für sein Buch „Schiffbruch vor Lampedusa“ mit Seenotrettern gesprochen und dabei eine Brücke zum eigenen Vater gebaut.

Es gibt noch immer Internetseiten, auf denen Urlauber ihre Erfahrungen über Badestellen und Unterkünfte auf Lampedusa teilen und die raue Schönheit der Insel preisen. Davide Enia schreibt auf Seite 12 seines Buches: „Der Begriff ,Lampedusa‘ ist ein Containerwort geworden, das alles Mögliche enthält: Migration, Grenzzäune, Schiffbrüche, Solidarität, Tourismus, Feriensaison, Randlage, Wunder, Heldentum, Verzweiflung, Qual, Tod, Wiedergeburt, Befreiung – alle diese Bedeutungen in einem einzigen Wort, ein Sammelsurium, das weder richtig interpretiert werden kann, noch eine erkennbare Form hat.“

„Appunti per un naufragio“, heißt das Buch auf Italienisch, Notizen zu einem Schiffbruch. Der deutsche Verlag hat den aufgeladenen Namen der Insel mit in den Titel genommen. Niemand kann sich überrumpelt fühlen, wenn in „Schiffbruch vor Lampedusa“ von Flüchtlingen die Rede ist.

Es ist ein Buch, das den Leser auf ungewöhnliche Weise packt. Das sollte als Empfehlung und Warnung zugleich verstanden werden. Denn die Lektüre geht unter die Haut, aber sie bereichert auch, führt die Gedanken in die Tiefe, wo sie sonst an der Oberfläche bleiben.

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Wir wissen: Der Verstand ist zwar gefragt beim Aufnehmen der Nachrichten, aber schnell überfordert, wenn es um die Zahl der Menschen geht, die sich vom afrikanischen Kontinent aus auf den Weg nach Europa machen, wenn es um die Gefahren dieser Überquerung geht, allein um die Bedingungen, die aus Bürgern Flüchtlinge machen: Krieg, Religion, Hunger, Sexualität, ethnische Zugehörigkeit. Aber hier handelt sich nicht um ein Sachbuch, diese Überlegungen und Zahlen bilden zwar das unsichtbare Gerüst der Erzählung, doch der Autor hat sich auf den Weg gemacht, zu verstehen, wie Lampedusa als Nadelöhr nach Europa konkret aussieht. Er begibt sich mitten unter die Bewohner, die auf Schiffen arbeiten oder im Aufnahmelager, die ihre Ferienhäuser verlassen, wenn es gilt, Essen, Trinken und Kleidung an die Neuankömmlinge auszugeben.

Davide Enia: Schiffbruch vor Lampedusa. A. d. Ital. v. Susanne Van Volxem, Olaf Matthias Roth. Nachwort von Albert Ostermaier. Wallstein, Göttingen 2019. 238 S., 20 Euro.

Auch die beiden Dokumentarfilme „Lampedusa im Winter“ und „Fuocoammare/Seefeuer“ brachten schon mit ihren Nahaufnahmen das schwer Fassbare in den Blick. Davide Enia kann nichts zeigen, er erzählt. Der Filter der Sprache ist sehr viel enger als der einer Kamera, doch vermag die Sprache auch, Szenen detaillierter oder weiträumiger darzustellen. Vor allem kann sie von der Außen- in die Innenperspektive wechseln. Enia verknüpft seine Wanderungen über die Insel mit seiner persönlichen Geschichte.

Der Dramatiker, Schauspieler und Romancier wurde 1974 auf der italienischen Mittelmeerinsel Sizilien geboren. Das wesentlich kleinere, südlicher gelegene Lampedusa war ihm früh ein Begriff, weil seine Mutter eine Weile dort gearbeitet hatte, und weil er als Jugendlicher mit Freunden dort Urlaub machte. Er kommt nun während seiner Besuche an den Punkt, da er seinen Vater braucht, um zu verarbeiten, was er auf der Insel sieht – seinen Vater, mit dem er nie viel gesprochen hatte. Damit nutzt der Autor einen Schlüssel auch zu den Empfindungen des Lesers: In Generationsbeziehungen kann sich jeder selbst verorten.

„Ich dachte darüber nach“, schreibt Enia nach dem Treffen mit einem Rettungstaucher, „dass ich bei jeder Begegnung hier auf der Insel, jedes verdammte Mal, das Gefühl hatte, mit einem Menschen zu sprechen, dessen Seele ein einziger Friedhof war.“ Der Rettungstaucher, groß und kräftig, tritt selbstbewusst auf. Er möchte nicht als ein Linker verstanden werden, leitet ihn doch allein der Humanismus. Bei ruhiger See, wenn die Schiffbrüchigen im Angesicht der Rettungsboote geduldig warten, laufe alles glatt, erzählt er. „Manchmal sind sie aber so panisch und hibbelig, dass der Rettungskreuzer kurz vorm Kentern ist.“

Die schlimmsten Momente auf Lampedusa

Und wenn das Flüchtlingsboot bereits beim Sinken sei, müsse extrem schnell gehandelt werden: „Wenn du drei Leute vor dir hast, die untergehen, und fünf Meter weiter ertrinkt eine Mutter mit ihrem Kind – was machst du dann? Wohin schwimmst du? Wen rettest du zuerst? Die drei direkt vor dir oder die Mutter mit dem Neugeborenen ein paar Meter weiter?“ Der Autor sieht diesen Mann weinen.

Ein anderer, Kapitän der Küstenwache, Herr über ein Patrouillenboot, erzählt, dass er mit seiner Crew die Zeit außerhalb der Einsätze für Fitnesstraining nutze. Sport ist für ihn mehr als ein Ausgleich. Die Schiffbrüchigen seien oft nicht nur entkräftet, sondern hätten durch das lange Sitzen auf überfüllten Booten steife Glieder, könnten sich kaum regen, wenn man ihnen die Hand reiche. „Einmal haben wir bei einem Einsatz 1300 Menschen gerettet, nur mit der Kraft unserer Arme, einen nach dem anderen, jeden einzeln. Es hat Stunden gedauert.“ Aber er erzählt auch, wie es aussieht, wenn so ein Boot kentert, erst noch die gestikulierenden Hände aufragen und im nächsten Moment nichts mehr. „Unsere Gefühle gehen mit denen unter, die wir nicht retten können.“

Der Autor bricht seine Erzählung über den Kapitän ab und bindet die Wiedergabe dieses Gesprächs in ein Telefonat mit seinem Vater ein. Er berichtet ihm in Etappen, was der Seenotretter gesagt hat, bestimmt also die Ordnung. Zum dramaturgischen Höhepunkt wird hier die Episode, als an einem Tag von 159 Schiffbrüchigen 158 lebend geborgen wurden – und ein Crewmitglied sich nicht damit abfinden konnte, dass ein Junge es nicht geschafft haben sollte. Zwanzig Minuten Herzdruckmassage machte er, der Junge kam ins Leben zurück. Das ist die Brücke zum Vater, dem emeritierten Kardiologen – für Davide Enia ein persönliches Verbindungsstück, um die Ausnahmesituation zu fassen, in der die Retter sich befinden.

Die größte Katastrophe vor Lampedusa am 3. Oktober 2013

Der Hafenmeister, befragt nach seinem schlimmsten Moment auf Lampedusa, spricht in dem Moment nicht von der Ankunft der entkräfteten Menschen in den Glitzerfolien, nicht von den Leichensäcken, sondern vom Tod eines Kollegen an einer schweren Krankheit. Dem Autor wird klar – und er lässt die Leser an seinen Gedanken teilhaben, dass die geteilten Erfahrungen der Menschen im Hafen von Lampedusa mit den Schreckenserlebnissen von Soldaten im Krieg vergleichbar sind. „Nicht nur die Liebe erzeugt Bindungen. Sondern auch die Gewalt.“

Das Leben geht weiter, pflegt man zu sagen. Wer einen Verlust erlitten hat, weiß, dass das Leben, auch wenn es weitergeht, nicht mehr so ist wie vorher. Lampedusa hat seine Unschuld als Ferieninsel verloren.

Als ein enger Freund des Autors starb, erzählt Enia spät im Buch, war er lange wie betäubt. Die Nachrichten von der größten Katastrophe vor Lampedusa am 3. Oktober 2013, als 368 Leichen aus dem Meer geborgen wurden, lösten schließlich seine Blockade. In der Zeit von Enias Besuchen auf Lampedusa kämpft sein Onkel, der Vater seines Bruders, mit Krebs. In Angst gelähmt, sind beide über Monate nicht in der Lage zu ihm zu fahren. Davide Enia riskiert es, diese Erlebnisse in seinem Buch miteinander zu verknüpfen, könnte man ihm doch vorwerfen, durch sein persönliches Leid die Qualen und den Tod anderer Menschen zu nivellieren. Doch so funktioniert ja die menschliche Psyche, wenn sie das Unfassbare zu filtern versucht.

Mit „Schiffbruch vor Lampedusa“ habe er selbst nur ein Steinchen ins gegenwärtige Mosaik gesetzt, legt der Autor nahe, als er die Fäden zusammenführt. Denn noch fehlten die Geschichten derjenigen, die auf der Flucht sind. „Unsere Worte erfassen ihre Wirklichkeit nur unzureichend“ – die Worte über Grenzen, Zäune, Mauern; die Dokumentarfilme mit den Körpern der Lebenden und der Toten, ihre Geschichten von Hoffnungen und Betrug, von Menschenhändlern und Schleppern, von Vergewaltigungen und Schlägen.

Davide Enias Bedenken sind berechtigt. So aufrüttelnd er von den Helfern schreibt, so nahe er ihnen kommt, bleibt er bei seinem Blick zu den Flüchtlingen doch an seiner Wahrnehmungsgrenze von außen stehen.

Ein Perspektivwechsel gelingt hierzulande mit dem Projekt „Weiter Schreiben“, in dem derzeit 22 geflüchtete oder noch in Krisengebieten lebende Autoren mit deutschsprachigen Schriftstellern zusammenarbeiten. Soeben hat der Deutsche Literaturfonds beschlossen, die Initiative für drei Jahre zu unterstützen.

Der 20. Juni ist Weltflüchtlingstag. So wie jeder Tag des Jahres.

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