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Seekrankheit der Sprache

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Von: Christina Lenz

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Schriftstellerin Ann Cotten.
Schriftstellerin Ann Cotten. © Imago

Nach Hegelland: Ann Cotten geht in ihrem enormen Versepos „Verbannt!“ auf große Fahrt.

Man könnte den Versepos „Verbannt!“ von Ann Cotten als eine Provokation empfinden. Denn dieser Text der vielleicht experimentellsten Lyrikerin im deutschsprachigen Raum strotzt auf den ersten Blick nur so vor Zumutungen. Er reißt scheinbar wahllos sprachliche Sinn-Abgründe auf und stürzt sich mit rücksichtsloser Lust in sie hinein. Er attackiert die einfachste Erwartung an Literatur, ansatzweise zumindest zu verstehen, was man liest, und wäre damit auf den ersten Blick nicht mehr als ein irres, komisches und doch bitter ernst gemeintes Sprachspiel. Und doch wäre nichts falscher als das. Ann Cotten ist mit ihrem Versepos ein bewundernswert kühner und tief gedachter Text-Coup gelungen.

In 403 Spenser-Strophen, einem nach dem englischen Dichter Edmund Spenser benannten Reimschema aus dem 16. Jahrhundert, räumt die Lyrikerin auf mit einer Dichtung, die uns die Welt vorführt, wie wir sie eigentlich schon immer verstanden haben. Dichtung kann, das bewies Cotten bereits in ihren drei vorangegangenen Büchern, auch eine kondensierte Form emphatischen Denkens sein. Und zwar in einer unerhörten Sprache. „Verbannt!“ weist bei allem Anachronismus der Formen (Spenser-Strophe, Epos) in die Zukunft dessen, was noch möglich ist und sein könnte mit diesem manchmal schon so abgetragen erscheinenden Denkgewand Sprache. Nach der Lektüre ist man sich zumindest sicher, dass die Möglichkeiten der Literatur längst nicht ausgeschöpft sind.

„Vermitteln zwischen Sein und Denken“

In der Einleitung des in 19 Kapitel aufgeteilten Langgedichts beschreibt Cotten ihr dichterisches Ansinnen erst einmal bescheiden als das „Vermitteln zwischen Sein und Denken“. Sie lässt den Großteil der schwer nachzuerzählenden Handlung konsequenterweise auf einer Insel namens Hegelland spielen. Spuren dieser Philosophie finden sich im Text tatsächlich, nicht zuletzt in einer absoluten Unruhe des Subjekts, dem Beben eines nie zu einer endgültigen Form gerinnenden Denkens und Sprechens und dem Mut zur äußersten Zerrissenheit des Sinns, auch wenn Hegel all dies bekanntermaßen am Ende auf dem Olymp des absoluten Wissens still stellt.

Cotten hingegen spielt bis zuletzt ein wildes, waghalsiges Spiel mit Ideen und Texten, die ein Assoziationsfeuerwerk entlang einer jahrhundertelangen Denkgeschichte von Ovid bis Benjamin zünden und bei genauer Spurensuche wohl recht viele Regalbretter füllen würden. Die Dichterin scheint alles mit allem und das auf kürzesten Wegen zu verweben. So entsteht ein irritierendes, irrlichterndes, fantastisches Schlittern, Taumeln, Gleiten und Stolpern über die unwahrscheinlichsten Holzwege poetischer Ideen.

Anfangs bewegt sich das lyrische Ich, eine Fernsehmoderatorin, noch in einer langweilig geordneten Denkwelt. Sie „stakste durch die Diskurse, die liefen auf Schienen / in den Kantinen zwischen zwanzig starren Mienen“, heißt es zum braven Habitus, der in den TV-Studios herrscht, wobei nahe liegt, dass sie im Epos für jene berühmten Bretter stehen, die die Welt bedeuten. Menschen namens Dirk, Philipp und Lena bevölkern sie, und es herrscht eine Art Erwachsenen-Krankheit der Engstirnigkeit, die bewirkt, dass Sprechen und Denken immer wieder bekannte Muster reproduzieren und aussortieren, was nicht hinein passt: „Und so verklebt Erwachsensein die ganze Welt“.

Das lyrische Ich fühlt sich unbändig zum Kindlichen hingezogen, weil es selbst „keine Kästchen verwende“, „um die Wahrheit zu züchtigen“. Doch diese Sehnsucht, im Versepos realisiert als verbotene Liebe zur minderjährigen Lena, führt für die Moderatorin dann zum titelgebenden Urteil: Verbannt!, auf eine einsame Insel. Klar ist, dass es sich in den folgenden Kapiteln nicht um das Reportieren einer tatsächlichen oder fantasierten Reise auf eine Insel handelt, sondern um eine Art Reisetagebuch über Expeditionen in unbekannte Denk- und Sprachregionen, in denen das Dichten, Schreiben und Erzählen mitsamt seinen bekannten Konventionen mit auf dem Spiel stehen. Spricht die verbannte Moderatorin anfangs noch zu sich selbst mit Hilfe von Meyers Konversationslexikon von 1910, das sie als eines der wenigen Dinge mitnahm, so verändert die Begegnung mit Wonnekind, dem Bürgermeister der dann doch nicht so einsamen Insel namens Hegelland, alles.

Schnell gewinnt man den Eindruck, dass die Insel in Wahrheit nur ein anderer Name für eine ewige Seekrankheit der Sprache und des Denkens ist. Und da Veränderung das einzig Konstante in diesem Ideenkosmos ist, lösen sich auch die Identitätsgrenzen der Fernsehmoderatorin bei ihrer recht körperlichen Begegnung mit Wonnekind auf. Sie wird zum Fabelwesen Hermes Wolpertinger: „Ein Geweih wächst mir jetzt, ein Riesenpimmel / statt eines Beins, das andere wird Stummel / und Fischschwanz.“

Mit Wonnekind leben noch 25 andere Männer und Götter auf der Insel als Quäker und huldigen einer Schraubenreligion. Das Wort Quäker, das sich von „Zittern“ ableitet, ist treffend für die unaufhörlichen Bewegungen der Körper und Geister in dieser anarchischen Paragesellschaft.

Eine Art „Dauererregung“

Der Text selbst erscheint wie eine Art „Dauererregung“, es herrscht „Random-Schaltung“. Schließlich stößt noch ein gelangweilter Internet-Flüchtling namens Pan Orama hinzu. Und was sich in diesen Begegnungen sprachlich ereignet, so viel soll gesagt sein, geht über das Bewusstsein und dessen angestammte Herrschaftsgebiete weit hinaus.

Man kann sich deswegen in diesem Hegelland auch nachhaltig verirren. Jeder Sinn, auch jener der 20 Illustrationen, ebenfalls aus Cottens Feder, jeder kleine Handlungsstrang, jede Figur, an die man sich lesend klammert, bleibt zwielichtig, offen, wandert und verschwindet. Das führt zu einem endlosen, fast psychoseverdächtigen Gleiten der Signifikate. Am Ende ist es trotzdem zutiefst traurig, wenn das surreale Gebaren der Inselbewohner fast unbemerkt wieder ins Alt-Bekannte kippt.

Und dann kommen noch die Frauen auf die Insel, bei Cotten geknechtete Wesen, geformt mithilfe von Prothesen nach den Vorstellungen des Internets. Lange von den Männern herbeigesehnt, setzt mit ihrer Ankunft bald der stetige Verfall der Wunderwelt ein. Auch die drei freien Pressen auf der Insel, welche die Moderatorin anfangs als utopische Sprechorgane erkundete, fußen, wie sich herausstellt, doch nur auf Naivität, Zynismus und boulevardesker Spaßigkeit.

Schließlich bricht die alte Engstirnigkeit wieder ein: „In Reichweite vor allem engt sich unser Himmel, / als sähe man nicht richtig, seit / Fiktion und Kunden überholten Wonnekinds Erfinden, / ununterscheidbar, nur unerbittlicher als real: / wörtlich, wie auch die Welt immer bloß war, was sie halt war.“ Die poetische Revolution ist gescheitert! Es lebe die poetische Revolution der Ann Cotten!

Die Autorin liest am 19. April, 20 Uhr, im Hessischen Literaturforum im Mousonturm Frankfurt. www.hlfm.de

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