Lebenszeichen

Sechs von sechs Millionen

Daniel Mendelsohn hat Holocaust-Opfern aus Galizien nachgespürt, die mit ihm verwandt waren. Ein wahrlich atemberaubender Versuch, das Schicksal von sechs fast verlorenen Menschen hereinzuholen in die eigene Geschichte.

Von Angela Gutzeit

Die Tragödie des Menschen, der auf Tragödien nicht vorbereitet ist – das ist die Tragödie des Jedermann“, sagt Nathan Zuckerman in Philip Roths Roman „Amerikanisches Idyll“. Als Daniel Mendelsohn loszog, auf der Suche nach Zeitzeugen, um sechs Menschen seiner weit verzweig-ten Familie nachzuspüren, sechs Menschen, die im Holocaust umkamen und kaum noch erkennbare Lebensspuren hinterließen, da sah sich dieser Autor, aufgewachsen in einer Überfülle von Geschichten, plötzlich mit Sprachlosigkeit konfrontiert. Eine Erfahrung, die Daniel Mendelsohn nicht ruhen ließ und seinem Buch „Die Verlorenen“ eingeschrieben ist. Und so geht es in diesem gewaltigen Werk vor allen Dingen um die Frage, wie man die Tragödie des Jedermann erzählt und damit um die Beschwörungskraft des Erzählens selbst.

Den Großonkel des Autors, Shmiel Jäger, hatte es nicht wie die anderen Familienmitglieder in die USA oder nach Palästina gezogen, er war im galizischen Bolechów geblieben. Seit rund 350 Jahren waren die Jägers dort ansässig und überwiegend im Fleischhandel tätig. In den 1930er Jahren lebten in Bolechów 12000 Polen, Ukrainer und Juden einträchtig Seite an Seite. Wie sollte man sich da vorbereiten auf die Katastrophe, die 1941 mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Ostpolen hereinbrach? Und wie sollte man wissen, wer von den Polen und Ukrainern noch Freund und wer plötzlich Feind war? Am Ende waren von den rund 4000 Bolechówer Juden noch 45 übrig, von Shmiel Jäger und seiner Frau Esther und ihren vier Töchtern Frydka, Ruchele, Bronia und Lorka fehlte jede Spur.

Der amerikanische Altphilologe Daniel Mendelsohn, Jahrgang 1960, schreibt hier über das Leben und die Tragödie des Untergangs von Menschen, die er nicht kannte und von denen er lange Zeit nichts wusste. Er mutet uns Lesern über 633 Seiten zu, an seiner besessenen Recherche teilzunehmen, an diesem wahnwitzigen Unternehmen, die Welt abzusuchen nach vereinzelt noch lebenden steinalten Bolechówern.

Wir sind Zeugen seiner Verzweiflung, wenn eine Spur im Sande verläuft, und seiner Begeisterung, wenn zufällig mal ein Detail zum anderen passt. Mendelsohn, an der griechischen Tragödie geschult, gleicht selbst einem tragischen Helden in einem schier aussichtslosen Kampf – in diesem Fall gegen das Vergessen von sechs jüdischen Menschen: „Sechs von sechs Millionen“.

Die Größe dieses Buches liegt nicht im Erfolg seiner Recherche. Zwar schafft es der Autor, viele biografische Erzählfäden miteinander zu verknüpfen. So hat er am Schluss insbesondere über das Leben und Sterben von Shmiel Jägers Tochter Frydka etliche gesicherte Fakten in der Hand. Auch haben Mendelsohns Erkenntnisse über Verrat wie auch Hilfeleistungen seitens der nichtjüdischen Mitbewohner und auch über das Wirken der jüdischen Polizei in diesem galizischen Städtchen die Qualität einer erschütternden und spannenden Kriminalgeschichte. Aber letztendlich bleiben diese sechs Bolechówer Juden doch Schemen.

Daran ändern auch die Passagen nichts, in denen der sonst so faktenversessene Autor in einem eher befremdlichen Akt der überschießenden Empathie das Sterben seiner fernen Verwandten imaginiert. Und nicht verschwiegen werden sollte auch, dass die Fülle der Spuren, die der US-amerikanische Autor rund um die Welt verfolgte und hier ausbreitet, den Leser fast erschlägt.

Faszinierend aber ist die Sprachkraft dieses Buches und seine Konstruktion. In einer Verschränkung von Reflexion und Adaption greift Mendelsohn die Erzählweise seines Großvaters auf, deren ausschweifender und kreisender, immer wieder neu ansetzender Duktus ihn anfänglich, wie er schreibt, der griechischen Mythologie viel näher brachte als den hebräischen Bibeltexten.

In diese beiden großen Menschheitserzählungen taucht Mendelsohn immer wieder ein: in die Bild- und Erzählmächtigkeit der griechischen Epen und in die Unergründlichkeit und Gleichnishaftigkeit der Fünf Bücher Mose, die er in einer Art Bibelexegese kritisch ausleuchtet. Ein wahrlich atemberaubender Versuch, das Schicksal von sechs fast verlorenen Menschen hereinzuholen in die eigene Familiengeschichte und in die großen Erzählungen von Schöpfung, Irrfahrt, Verrat, Zerstörung und Verheißung.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion