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Doppelseite aus „Gold“: „Auf den ersten Blick ein chaotisches Menschengewimmel, in Wahrheit ein hochkomplexes System“, schreibt Salgado. 

Fotografie

Sebastião Salgado: „Gold“ – Wie Gesellschaft entsteht

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1979 wurde im brasilianischen Serra Pelada Gold gefunden. 1986 fotografierte Sebastião Salgado die Goldgräber. Ein Blick auf die Arbeitsbedingungen und die Herausbildung einer eigenen Gesellschaft.

Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado hatte sechs Jahre lang warten müssen, bis die brasilianische Regierung ihm die Genehmigung erteilte, die Goldgräber in Serra Pelada („Der kahle Berg“) zu fotografieren. Andere Fotografen, ja ganze Filmteams hatten die Öffentlichkeit bereits informiert über den Ort, an dem 1979 Gold gefunden worden war. Salgado durfte erst 1986 hin.

Der 1944 im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais („allgemeine Minen“) geborene Sebastião Salgado zählt zu den großen Fotografen unserer Zeit (siehe FR v. 19. Juni). Berühmt ist er für seine Langzeitprojekte. „Genesis“ zum Beispiel dokumentiert noch unberührte Landschaften. „Exodus“ ist ein Klassiker zum Thema Migration und Vertreibung (Taschen Verlag). Salgados Autobiografie „Mein Land, unsere Erde“ ist soeben im Verlag Nagel & Kimche erschienen. Sebastião Salgado wird am 20. Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennehmen. Wim Wenders wird ihn preisen.

Ist das eine der Auseinandersetzungen um die Grenzen der Parzellen?

Salgado schreibt in dem kurzen, in diesem Jahr entstandenen Vorwort zu seinem Buch „Gold“: „Vor mir sah ich ein riesiges Loch mit einem Durchmesser von vielleicht 200 Metern und fast genauso tief. In ihm ein Gewimmel von mehreren Zehntausend Männern, kaum bekleidet. Ungefähr die Hälfte von ihnen schleppte schwere Säcke über breite Holzleitern nach oben, während die anderen über schlammige Abhänge zurück in den Schlund der Grube rutschten.“ Die Fotos, die Salgado damals machte, prägen unser Bild der Goldgräber von Serra Pelada. Das liegt am Genie des brasilianischen Fotografen.

Es liegt aber auch am Schwarz-weiß. Es hilft, den Aufnahmen, die allen Vorstellungen von moderner Arbeitswelt widersprechen, jene Aura von archaischer Gewalt zu verschaffen, die uns hier erst die Augen öffnet für die Wirklichkeit. Wir blicken auf Salgados Fotos und denken: Das ist Geschichte. Desto vehementer brennt sich bald danach die Erkenntnis in unser Gehirn ein: Das ist Gegenwart.

Salgado schreibt: „Bald stellte ich fest, dass das, was auf den ersten Blick wie ein chaotisches Menschengewimmel aussah, in Wahrheit ein hochkomplexes System war, in dem jeder der mehr als 50 000 dort arbeitenden Männer die Rolle kannte, die er dort zu spielen hatte. Ganz allgemein gesagt, waren bei jedem Arbeitsablauf drei ‚Klassen‘ involviert: der Eigentümer des Claims, meist ein Pionier, der das Schürfrecht von der örtlichen Kooperative erhalten hatte, der sogenannte capitalista, der in das Unternehmen investierte, und für das Graben und Tragen etwa dreißig Tagelöhner. Diese Gruppen waren kein Spiegel der Ungleichheiten der brasilianischen Sozialstruktur: Hier arbeiteten Schwarze wie Weiße und Männer jeder anderen Hautfarbe Schulter an Schulter. Gold war die einzige Farbe, die sie im Sinn hatten. Und so wie der capitalista einfach ein Bauer sein konnte, der sein Vieh verkauft hatte, um das Geld in einen Claim zu investieren, konnte der Tagelöhner ebenso ein Universitätsabsolvent, ein Lastwagenfahrer, ein Bäcker aus der Stadt oder ein Landarbeiter sein, der sich in der Hoffnung, schnell reich zu werden, nach Serra Pelada aufgemacht hatte.“

Ein Bild sagt, das zeigt Sebastião Salgado, nicht mehr als tausend Wörter. Die gerade zitierten Sätze helfen einem enorm bei der „Lektüre“ des Bildes. Sie erst machen einem die Macht des Goldes klar. Bevor es die Unterschiede macht, macht es erst einmal alle gleich. Das Bild täuscht die Einheitlichkeit nicht vor. Es zeigt die real bestehende Einheitlichkeit. Es zeigt nicht die unterschiedlichen Wege, die die Einzelnen dazu führten, Teil dieser Masse zu werden. Fotos sind Momentaufnahmen. Sie zeigen keine Geschichte. Das machen Geschichten.

Das Foto zeigt uns auch nicht die Claims. Sie sind gerade mal 2x3 Meter breit. Bis zu zehn Mann buddeln auf dieser Fläche. Um die Claims kommt es immer wieder zu Streitereien, die auch bewaffnet ausgetragen werden. Aber das ist weitgehend Vergangenheit. 1988 wurden in Serra Pelada noch 745 Kilogramm Gold gefunden. Zwei Jahre später waren es bereits nur noch 250 Kilogramm.

Sebastião Salgado: Gold. Taschen Verlag, Köln 2019. 208 Seiten, 50 Euro.

Schon gar nichts sagen die Bilder über die immer wieder wechselnden Besitzverhältnisse, über die Gelüste, die die Goldfunde nicht nur bei den in der Grube Tätigen weckten, sondern natürlich auch bei den großen Multis der Bergbauindustrie. Die 1984 gegründete Kooperative der Parzellenbesitzer von Serra Pelada erlaubte der kanadischen Firma Colussus 2007 den Bau eines vierhundert Meter tiefen Tunnels. 2012 wurden dann beide Partner wegen Korruption angeklagt. Colossus erklärte sich für bankrott. Das ist Stoff für jede Menge Bücher und Filme.

Eine Weltöffentlichkeit für Serra Pelada haben erst die Fotos von Sebastião Salgado erreicht. Die Säcke schleppenden menschlichen Ameisen ergreifen uns. Die sich sicher fühlenden Betrachter mögen Mitleid mit den Abgebildeten haben. Andere werden sich fragen, wie schlecht es ihnen gehen müsste, um so zu leben. Die Mutigen machen sich vielleicht auf und versuchen, als Tagelöhner anzuheuern. Nur um einmal dabei zu sein.

Ein anderes Foto weckt unseren Zorn. Ein bewaffneter Mann richtet sein Gewehr auf einen fast nackten Arbeiter. Der ergreift den Gewehrlauf und drückt den Mann auf den Boden. Mit einer Hand nur. Also nicht wirklich effizient. Ist das eine der Auseinandersetzungen um die Grenzen der Parzellen?

Die Fotos informieren. Sie entstanden hier. Sie zeigen keine Schauspieler, sondern die dort arbeitenden Menschen. Ob Salgado nicht doch einmal einzelne Gruppen gebeten hat, sich so oder so aufzustellen, weiß ich nicht. Sebastião Salgados Aufnahmen verbinden einen Realismus, der einen beim Betrachten der Bilder mitschwitzen lässt, mit einer Kraft, die unsere Fantasie in Gang setzt. Seine Aufnahmen sind Entmythologisierung und Mythos in einem. Sie zeigen die Welt so, wie sie ist. Aber sie zeigen sie so, als würden sie sagen: So ist der Mensch. Man sieht also nicht nur, was er mit dem Mitmenschen macht, sondern auch, was er der Natur antut.

Der Band „Gold“ zeigt auch einzelne Tagelöhner. Die „Ameisen“, so werden sie in Serra Pelada genannt, sind Individuen. So setzen sich dann aus vielen Momentaufnahmen doch fast so etwas wie Geschichten zusammen. Es gibt Szenen, da steht ein Bewaffneter hinter eine Gruppe von Arbeitern. Er repräsentiert die Ordnung. Die Ordnung, die die Ausgräber sich gegeben haben, um den Krieg aller gegen alle unmöglich zu machen? Mitten in den 80er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts erleben wir, wie eine Gesellschaft entsteht. Zusammengehalten und auseinandergerissen durch das Streben nach Gold.

Sebastião Salgados Vorwort endet mit den Sätzen: „Serra Pelada ist heute wieder eine arme Region. Geblieben ist eine Landschaft voller Narben und ein riesiger, 200 Meter tiefer See. Ein Jahrzehnt lang sah es dort wie das erträumte El Dorado aus, aber heute ist Brasiliens wildester Goldrausch nur noch Stoff für Legenden. Am Leben erhalten werden diese durch ein paar glückliche und viele schmerzliche Erinnerungen – und durch Fotografen.“

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