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Kamila Shamsie.

Kamila Shamsie

Die Schwestern, der Bruder, der Minister

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Kamila Shamsie erzählt in ihrem Roman "Hausbrand" nuancenreich von Liebe und Politik in Zeiten des IS-Terrors – und zugleich eine moderne Antigone-Variation.

Liebe, Politik, die Terrormiliz IS – darum geht es in Kamila Shamsies Roman „Hausbrand“. Die Existenz von Gewalt wird nicht ausgespart und auch nicht heruntergespielt. Doch die pakistanisch-britische Autorin zeichnet von Ursachen und Wirkungen ein nuancenreiches Bild, differenzierter, als wir es gewohnt sind.

Der Vater der beiden Protagonistinnen war Dschihadist, und ihr Bruder hat sich dem IS angeschlossen. Es verwundert also nicht, dass das Buch mit einer Befragung – man könnte auch sagen: einem Verhör – beginnt. Isma, eine Britin pakistanischer Herkunft, will in den USA an einem Promotionsstudiengang in Soziologie teilnehmen. Auf dem Londoner Flughafen Heathrow wird sie zwei Stunden lang durch die Mangel gedreht. Schließlich darf sie in die USA fliegen und dort auch einreisen. Sie lebt sich in der neuen Umgebung ein.

In einem Café lernt sie einen Mann kennen: Eamonn, auch er Sohn pakistanischer Einwanderer. Sein Vater hat es zum britischen Innenminister gebracht. Tatsächlich hat Großbritannien heute einen Innenminister mit pakistanischen Wurzeln, Sajid Javid – „Hausbrand“ entstand aber schon vor seiner Ernennung.

Der Roman-Innenminister Karamat, westlich orientiert und ein Hardliner in Fragen der britischen Sicherheit, stößt bei vielen Muslimen nicht gerade auf Zuneigung. Sein Sohn Eamonn ist stolz auf ihn, verliebt sich aber, zurück in London, ausgerechnet in Ismas schöne jüngere Schwester Aneeka. Und das heftig. Aneeka ist anders als die zurückhaltende Isma: wilder, freier, auch in sexueller Hinsicht, radikaler in ihrem Denken und Handeln. Dabei eine gläubige Muslimin. Den IS lehnt sie ab, doch mehr als alles auf der Welt liebt sie ihren Zwillingsbruder Parvaiz, der nach Syrien gegangen ist, um dort für die Medieneinheit des IS zu arbeiten. Der Dschihadisten-Vater auf der einen Seite, der Innenminister-Vater auf der anderen Seite – das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Liebesaffäre von Eamonn und Aneeka. Zumal Parvaiz straflos zurückkehren will nach Großbritannien. Und der Minister die Macht hat, ihm das zu ermöglichen oder zu versagen. Aus dieser Konstellation entwickelt sich die Dramatik des Romangeschehens. Keiner der Charaktere wird dabei als das personifizierte Gute oder Böse dargestellt.

Shamsie erzählt mit viel Einfühlungsvermögen für ihre Figuren. Sie kennt die Lebenssituationen und Milieus pakistanischer muslimischer Einwanderer, weiß um ihre Diskussionen, Positionen, Konflikte. Und sie erzählt so langsam und anschaulich, dass die Handlung des Romans gut nachvollziehbar ist – obwohl sie bei jedem seiner fünf Teile eine andere Person mit ihrer jeweiligen Perspektive in den Fokus rückt: Isma, Eamonn, Parvaiz, Aneeka und Karamat, den Minister.

An einigen wenigen Stellen mag das gedrosselte Erzähltempo langatmig wirken, bei den dramatischen Szenen aber verstärkt es sogar die Spannung. Etwa als Aneeka Eamonn – während sie gerade auf dem Flachdach seiner Wohnung sitzen – offenbart, dass ihr Bruder in Syrien ist. Für Eamonn ist das ein Schock. „Er stand auf, ging zu Dachkante. So weit weg von ihr wie möglich. Er hatte ein solches Gefühl in seinem ganzen Leben noch nicht erlebt – Wut? Angst? Was ist es? Es soll aufhören. Er trat zu, der Kumquatbaum kippte um. Nahm die Hände zur Hilfe, brachte den Kaktus zu Fall.“ Er erklärt Aneeka, sie solle abhauen, geht dann mit Handfeger und Schaufel zu den Nachbarn, auf deren Terrasse die Zierpflanze gestürzt ist, schaut mit ihnen Fernsehen – bis er vier Seiten später in die Wohnung zurückkommt, die seine Geliebte noch nicht verlassen hat. Ein explosiver Moment, schonungslos in die Länge gezogen.

Vieles bleibt bis zum Schluss offen. Die perfekt komponierte letzte Szene ist der Höhepunkt des Spannungsaufbaus. Antigone für die Gegenwart zu bearbeiten, so skizziert die Autorin selbst ihre Idee für das Buch. Blut, Tod und Verderben stellt sie also in den Kontext der antiken Tragödie, die sich aus den Konflikten der handelnden Personen entwickelt. Auch das verändert den gewohnten Blick.

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