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"Schwerer als Federnblasen / ist die fleischliche Liebe"

Neue Zeichnungen und Gedichte von Grass

Es muss eine anthropologische Konstante sein, dass sich in den späten Jahren eines erfolgreichen Manneslebens, das zudem der Kunst gewidmet ist - und in diesem Fall ist es gleich mehreren Künsten gewidmet - die Milde einstellt; Milde allerdings gepaart mit einer größeren Prise Stolz, wenn das Paradox gestattet ist. Nach der schwergewichtigen Novelle Im Krebsgang um den Untergang des Ostseekreuzers "Wilhelm Gustloff" habe Günter Grass erst einmal eine Pause gebraucht, verrät er in dem Eingangsgedicht seines neuen, auf den persönlichen Kreis eingeschränkten Buchs. Der Band ist äußerst sorgfältig gedruckt und gebunden, wie man es von Gerhard Steidl, dem gelernten Drucker, gewohnt ist. "Als ich des Schiffes Untergang / und den nachhallenden Schrei/ zum Buch verkürzt hatte,/ wollte ich etwas Heiteres/ zum Gegenstand meiner Laune machen." Nun, die Laune war offenbar gut, und der gefundene - nicht nur heitere - Gegenstand darf wie folgt resümiert werden: Erinnerte Tänze der Jugend, Liebes-Tänze des Alternden, tänzelnde Kopfstände eines Mannes, der seine Tage gezählt sieht.

Die meist freien, gelegentlich gereimten Verse lesen sich flott weg; der Ton ist süffig, schelmisch, genießerisch und selbstsicher. Im Mittelteil werden, knapp und mürrisch-lüstern, die Kopulationen eines vertrauten Paars beschworen. Das mag auf den ersten Blick ein bisschen beherzt wirken - wenn etwa das "Wunder" geschieht und "er" steht -, doch fühlt man auch Rührung angesichts solchen Muts zur Blamage und zur zotigen Ironie. Derlei zwiespältige Gelegenheitsverse wären vielleicht im Nachlass vornehmer verwahrt, doch ein G. G. scheint nicht der richtige Mann fürs Aufbewahren, fürs Liegenlassen zu sein. Hinaus mit Dir, Vers, lauf, hüpf, tanze einen Foxtrott, einen Tango, einen Walzer oder einen Military Blues. Der Selbstillustrator Grass schöpft aus dem Vollen einer erotischen Gemütlichkeit, die genauso virtuos wie peinlichkeitsgrenznah ist: tricky. Anknüpfend an Picassos erotische Zeichnungen, faszinieren ihn gelenkige Konstellationen; die Rötel- und Kohleblätter sind tadelloses Handwerk. Sobald es ins Schlüpfrig-Warme, ins Innere des Weibs geht, wechselt die Farbe ins Rötliche. Das hat System. Und Kalkül.

Am originellsten sind gewiss die erinnerten, also keineswegs "letzten" Tänze des ersten Teils. Nervös der Strich, dunkle Augenhöhlen, ekstatische Bewegungen - ein paar Blätter ragen ganz und gar heraus aus der kunsthandwerklichen Gefälligkeit, zu der manches von Grass (auch hier) neigt. Vom Männermangel der Nachkriegszeit ist die Rede und davon, dass "Ich" schnell, schnell in die Schlingen aus Tanz und Hingabe hineingeriet. Früh lernte Grass zu tanzen, fieberhaft muss es zugegangen sein damals, zum Beispiel "in der Löwenburg". Ein bisschen Blechtrommelwirbel klingt nach, wenn es heißt: "Wie einst, als ich vierzehn,/ und sie mich, war siebzehn,/ freiweg in den Griff nahm/ (...) die richtigen Männer / warn draußen im Krieg." Hier erinnert sich einer gerne. Macht also nicht?s, wenn er seine Melancholie am Ende mit Großvaterstolz ein bisschen überwürzt. INA HARTWIG

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