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Milan Kundera 1981 im französischen Exil.
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Milan Kundera 1981 im französischen Exil.

Milan Kundera zum 80.

Das schwere, leichte Exil

Oberflächlich gesehen zog Kundera, als er 1975 nach Frankreich ausreiste, das große Los. Er wurde Professor, seine Bücher waren erfolgreich - doch bezahlte er das mit einer Gefühlsspaltung. Von György Dalos

Von GYÖRGY DALOS

Im Frühjahr 1989 strahlte der ungarische Rundfunk ein Interview mit dem Leiter der damals noch existierenden Hauptverwaltung für Verlagswesen - eigentlich einer funktionslos gewordenen Zensurstelle - aus. Es handelte sich um die Frage, welche Bücher in den drei Jahrzehnten der Ära Kádár verboten worden sind und ob man sie nun wenigstens nachträglich für die Leserschaft zugänglich machen könnte. Es gab relativ wenig von dieser Art Literatur , was keineswegs für den Liberalismus der Kulturpolitik sprach, sondern für die erfolgreiche vorbeugende Kontrolle.

Auf der Liste der indizierten Texte befanden sich unter anderem zwei Gedichtbände des Dissidenten István Eörsi (1957 und 1972), der Essay des Nationaldichters Gyula Illyés "Geist und Gewalt" (1978) und Milan Kunderas Erzählung "Der Scherz" (1969). Allerdings wurden diese Bücher nicht, wie damals angenommen, eingestampft, sondern lediglich aus dem Verkehr gezogen und in einem kühlen Lagerraum für bessere Zeiten aufbewahrt.

So war der Budapester Verlag Európa in der Lage, Kunderas Opus mit dem ursprünglichen Ausgabejahr sofort herauszubringen. Bis dahin existierten lediglich zwei Arbeiten des tschechischen Autors in ungarischer Sprache: Sein berühmter Essay über die Tragödie Mitteleuropas und der Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (im Original 1984). Beide Titel sind in der illegalen zweiten Öffentlichkeit gedruckt worden und gelten heute als kostbare Raritäten.

Was den "Scherz" anbelangt, so hing seine Wirkung nicht so sehr mit dem Inhalt des Werkes als vielmehr mit dem Autor selbst zusammen. Das damalige Noch-KP-Mitglied Kundera hielt im Juni 1967 eine der fulminantesten Reden auf dem 4. Schriftstellerkongress und spielte eine herausragende Rolle in der intellektuellen Szene während des Prager Frühlings 1968. Als dann im August des Jahres die Dubceksche Reformbewegung mit den Panzern des Warschauer Paktes niedergewalzt wurde, verschwanden die Werke der Reformanhänger aus den ungarischen Buchhandlungen.

Mitterrands Einladung

Wegen der Erinnerung an die Zeit nach dem Oktober 1956 ahnte man wohl, wie schwer es diese Menschen haben würden. In der Tat dezimierte die "Normalisierung" (= neostalinistische Restauration) der siebziger Jahre die Reihen der CSSR-Literatur: Einige wie Vaclav Havel oder Jiri Grusa kamen ins Gefängnis, andere wie Milan Kundera, Josef Skvorecky und Pavel Kohout gingen nach und nach ins Exil, während wieder andere wie Bohumil Hrabal, Ivan Klima und Ludvik Vaculik zu Hause blieben und unter den Schikanen der Zensur und des Geheimdienstes litten.

Oberflächlich gesehen zog Kundera, als er im Helsinkijahr 1975 auf François Mitterrands Intervention hin die Ausreisegenehmigung nach Frankreich erhielt, das bessere Los. Bald erhielt er eine Professur in Paris, seine Bücher waren erfolgreich, "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" wurde sogar zum Bestseller und katapultierte den Autor in die Nähe der Nobelpreisverdächtigen. Jedenfalls gehörte er zu den bekanntesten Intellektuellen der Nation, seine politischen Äußerungen waren meinungsbildend. Insbesondere löste sein Aufsatz "Die Tragödie Mitteleuropas" (1984) jene Debatte aus, die bereits die Auseinandersetzung der neunziger Jahre um die EU-Integration vorwegnahm. Heute erscheinen Kunderas Bücher in Dutzenden von Ländern, in Russland und Polen haben seine Fans Homepages eingerichtet.

Flaubert, ins Logische gewendet

Und doch, trotz der triumphalen Landung im Westen wies die Bilanz des Exils auch eine negative Seite auf: Ein tief in der tschechischen und sogar mährischen Tradition verwurzelter Schriftsteller hatte sein ursprüngliches Medium verloren: jene Leserschaft, die bereit war, eine literarische Wochenschrift mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren zu kaufen. Möglicherweise löste dieser dramatische Entzug die Trotzreaktion aus, die dazu führte, dass er die Publikation seiner Werke in der Heimat lange verweigerte - so kam es, dass der Klassiker über Tomas und Tereza erst 2006 auf Tschechisch erschien.

Für die Tiefe der Gefühlsspaltung spricht die Tatsache, dass er bei den Reisen in seine alte Heimat nach der Wende strengstes Inkognito wahrte. Zu diesem Komplex gehört auch die wohl lange gereifte Entscheidung für das Französische als Schreibsprache.

Ehrlich gesagt weckte bei mir dieser Nabokovsche Sprung eher gemischte Gefühle. Zweifelsohne verkörpern "Die Langsamkeit", "Die Identität" oder "Die Unwissenheit" Prosa von hohem Rang, allerdings überwiegt in diesen Texten das Essayistische und Philosophische. Weisheiten ersetzen die emotionalen Darstellungen der Frühwerke, so, als hätte Flaubert versucht, logische Lehren aus der "Madame Bovary" zu ziehen.

Aus dem ?uvre des heute Achtzigjährigen scheint mir nichts so bleibend zu sein wie die beklemmenden, dunklen, witzigen und todtraurigen Erzählungen aus dem "Buch der lächerlichen Liebe", die Romane "Das Leben ist anderswo", "Abschiedswalzer", "Das Buch vom Lachen und Vergessen" und schließlich die "Unerträgliche Leichtigkeit des Seins" - allesamt mit Herzblut geschriebene Zeugnisse darüber, wie eine Diktatur menschliche Beziehungen, die Menschenwürde und die ursprüngliche Kultur durch Gewalt, Lüge und Verrat zunichte macht.

Vieles trägt autobiographische Züge, enthält eine literarische Abrechnung mit eigenen Jugendsünden. Selbst wenn so mancher späte Beweis diese Jugendsünden belegen sollte, gilt auch hier Goethes Maxime: "Was ich irrte, was ich strebte,/ Was ich litt und was ich lebte,/ Sind hier Blumen nur im Strauß/ Und das Alter wie die Jugend,/ Und der Fehler wie die Tugend/ Nimmt sich gut in Liedern aus."

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