„Désirée“-Autorin

Das schwarze Tier Krieg

  • Judith von Sternburg
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Annemarie Selinkos Unterhaltungs- und Exilroman „Heute heiratet mein Mann“ in einer einordnenden Edition.

Dieses Buch mit dem ulkig altmodischen U-Romantitel „Heute heiratet mein Mann“ ist nicht nur witzig, bedient auf charmante Weise Frauenphantasien und bezeugt einen Sinn für Situationskomik und Dialoge, wie sie dem Publikum in den besten Screwball-Komödien begegnen kann (s. zum Beispiel die Szene mit dem „unanständigen Kleid“). Es ist auch ein Roman, der durch die Autorin und die Zeitumstände noch interessanter und auch doppelbödig wird.

Annemarie Selinko, 1914 in Wien geboren, 1986 in Kopenhagen gestorben, ist Leserinnen als Autorin des genialen Einstiegserwachsenenromans „Désirée“ bekannt (Seidenhändlertochter verliebt sich in Napoleon und braucht hunderte Seiten, um zu begreifen, dass ein gewisser Jean Baptiste Bernadotte der Mann ihres Leben ist, Sie wissen schon). Die Großmütter und Mütter, die die Mädchen und Frauen der folgenden Generationen mit diesem immergrünen historischen Roman von 1951 versorgten, waren sparsam mit Zusatzinformationen, vermutlich auch ahnungslos. Dass Selinko „Désirée“ ihrer in Auschwitz ermordeten Schwester Liselotte gewidmet hatte, war zum Beispiel in der Bertelsmann-Buchclub-Ausgabe seinerzeit nicht mehr zu finden. Man erfährt das jetzt in Evelyne Polt-Heinzls Nachwort zu einer vernünftigen neuen Ausgabe von „Heute heiratet mein Mann“. Diese ist vernünftig, weil sie Selinkos lustiges Buch einfach zusammen mit ihrem Leben und Umfeld vorstellt, ihm die Umgebung bietet, die ihm gemäß ist. Noch in einer ORF-Verfilmung von 2006, berichtet Polt-Heinzl, wurde darauf verzichtet zugunsten einer Nullachtfünfzehn-TV-Komödie.

Die Geschichte, 1940 veröffentlicht, spielt am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Thesi ist wie Selinko, die mit einem Dänen verheiratet war, eine Emigrantin, die die Not des Exils durch ihre Ehe mit dem Architekten Sven Poulsen nicht direkt mitbekommt. Stattdessen – und das betrifft nur noch Thesi – lässt sie sich zwar scheiden (in den dreißiger Jahren!), profitiert aber von der einigermaßen liberalen Stimmung im Land und arbeitet recht erfolgreich als Modezeichnerin. Selinko schildert, wie Thesi sich durchschlägt, schon allein mit einem Namen (von Maria Theresia abgeleitet), der in Dänemark Aufsehen erregt. „Wie angenehm, wenn man Karen heißen kann. Hier heißen fast alle Frauen Karen. Ein paar noch Ingrid oder Mette.“

Karen heißt auch die neue Verlobte von Sven. Diese Verlobungssache macht Thesi nervöser, als sie zugeben würde, und wenn Selinko hierbei auch klassischen Komödienmustern folgt, so macht sie es doch unsentimental. Auch ist Thesi keine Frau, die ohne Mann nicht zurechtkäme. Die Avancen eines Arbeitgebers weiß sie kühl zu parieren – „Wenn er nicht immer ,kleine Frau‘ sagen würde, wäre er nur halb so widerlich, denkt Thesi ...“ –, wenn ihr aber einer „schrecklich gut gefällt“, macht sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube: „Sie findet diesen wildfremden Mann reizend und schaut ihn auch an.“

Weil Thesi ein origineller, wacher Mensch ist, nimmt man ihr auch ohne weiteres ab, dass sie sich nicht nur für „riesig sympathische“ Leute und gepuderte Nasen interessiert (das aber auch), sondern im Jahr 1939 auch eine Vergangenheit & Meinung mit sich trägt. „Meine Heimat hat man von der Landkarte gestrichen, jetzt ist es egal, wo ich wohne.“ Es ist vor allem die Erinnerung an Krieg und Nachkriegszeit, die sie nicht los wird und die sie mit der erneuten Kriegsnähe erst recht einholt. Selinko lässt sie einen freundlichen amerikanischen Kriegsberichterstatter kennenlernen und einen englischen Aristokraten, der im inzwischen verlorenen Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat: Figuren, in denen sie auf erstaunlichste Weise die Gentlemen der Unterhaltungsliteratur mit Traumatisierten zwischen den Kriegen zu kombinieren weiß. Sie sind die, die Bescheid wissen. „Wie ein riesiges schwarzes Tier kommt dieses Wort auf Thesi zu. Das Tier Weltkrieg überfällt sie, packt ihre Schultern und greift in die Brust. Greift ans Herz. Ich verstehe, schreit es in Thesi, ich begreife.“

Während sich ein erwartbares, aber doch erfreuliches Happyend anbahnt, baut Selinko noch eine üble Begegnung mit den Deutschen im inzwischen besetzten Land ein. Ausgerechnet ihr Zahnarzt, der sie in der ersten Szene gepiesackt hat, ist nun dringend verdächtig, Menschen zur Flucht über die Ostsee geholfen zu haben – einer Flucht, die Selinko und ihr Mann später selbst antreten mussten, ebenfalls in einem kleinen Boot nach Schweden. Die Verhörszene ist sicher der bizarrste Fremdkörper im Buch, während Selinko sonst mit den verschiedenen Ebenen geschickt umzugehen weiß. Aber auch hier: Die Dialoge sitzen.

Die Autorin selbst schrieb bescheiden, sie habe versucht, „wieder ein heiteres Buch zu schreiben. Nur in ein paar flüchtigen Stellen deute ich die Dinge an, um die es uns geht. Diese Stellen sind für die Handlung ganz unwichtig, die hab ich nur zu ganz privater Erleichterung und vor allem zwecks Stellungnahme geschrieben. Denn – die Stellung muss heute ein für allemal klargelegt werden.“ Selinkos Leben nach 1945 war vom Welterfolg „Désirée“ geprägt, später von der Tragödie des Unfalltodes ihres Sohnes. Die Schriftstellerin, die in jungen Jahren auch eine erfolgreiche Feuilletonistin gewesen war, verstummte lange vor ihrem Tod.

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