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Auf schwankendem Boden

Es ist nie fair: Richard Yates' Kurzgeschichten-Band "Verliebte Lügner"

Von ULRICH RÜDENAUER

Richard Yates war kein Autor, der es sich leicht machte. "Falls meine Arbeit ein Thema hat", sagte er, "dann ist es vermutlich ein sehr einfaches: dass die meisten Menschen unheilsam alleine sind, und dass darin ihre Tragik begründet liegt." Tatsächlich ist sein Werk bevölkert von einsamen, verlorenen, unsicheren Menschen, und man darf von diesem Autor nicht erwarten, dass er ihnen einen Rettungsring zuwirft. Wenn bei Yates zwei Menschen unglücklich sind, dann gibt es keinen erlösenden Spruch, dann reden sie nicht drum herum: "Zwischen uns ist schon lange nichts mehr in Ordnung, auch jetzt nicht, und es wird nicht besser werden", sagen sie. Oder: "Weißt du, was komisch ist? Wir haben die ganze Zeit voneinander Abschied genommen, schon beim ersten Mal, als ich mit dir ausgegangen bin."

Yates' Geschichten sind immer Abschiedsgeschichten; die Sätze sind so berührend simpel, dass sie Bitterkeit nicht durch Poesie abmildern. Man kann sich an ihnen nicht festhalten - bei Yates muss man immer gewärtig sein, tief zu stürzen. Sein Ton hat die Schmucklosigkeit zum Grad der Empfindsamkeit erhoben.

Mit seinem grandiosen Roman "Zeiten des Aufruhrs" wurde Yates 1961 schnell bekannt, um ebenso rasch wieder vergessen zu werden. Die acht folgenden Bücher sind zwar von der Kritik lobend wahrgenommen worden; die Leser haben sie ignoriert. Der 1992 an den Folgen seines Alkohol- und Nikotinkonsums gestorbene Yates ist bis heute ein "writers' writer" - viele amerikanische Schriftsteller nennen ihn als Vorbild, Raymond Carver hat von ihm gelernt oder Richard Ford; Stewart O'Nan hat ihn mit Tschechow und Fitzgerald verglichen. Die Fürsprecher haben immerhin dafür gesorgt, dass einige Bücher neu aufgelegt wurden - und seit drei Jahren auch in kongenialen Übersetzungen von Hans Wolf und Anette Grube.

Einsamkeit und Lebensangst

Nun ist der zweite Band mit Short Stories da: "Verliebte Lügner" (1981) enthält sieben Geschichten, die bekannte Motive im Werk von Yates aufgreifen, neu durchspielen - Einsamkeit, Selbsttäuschung, Bindungslosigkeit, unglückliche Liebe, Lebensangst. Dass fast alle Geschichten in den 30er, 40er und 50er Jahren angesiedelt sind, ist bezeichnend: Die Zeit mit all ihren Ungewissheiten liefert den schwankenden Boden, auf dem seine Figuren taumeln und fallen und wieder aufstehen.

Da ist eine wenig talentierte Bildhauerin, die Mutter des Ich-Erzählers, die sich im Greenwich Village mit anderen dort Gestrandeten eine Art Bohème-Leben erschafft. Sie kämpft ebenso erfolglos gegen den Alkohol wie gegen ihre Borniertheit und ist zugleich rührend darum bemüht, ihren Traum und ihre Kinder zu schützen. Ihr Triumph, eine Büste von Präsident Roosevelt anfertigen zu dürfen, wird zugleich zur größten Niederlage: Das Ding ist zu klein, missraten, und keiner nimmt Notiz davon. Der Erzähler beschreibt in einer Mischung aus Anteilnahme und Distanz, wie das Scheitern so etwas wie Würde entstehen lassen kann; wie man nicht verzweifelt, obwohl man weiß: "Es war nicht fair."

In vielen dieser Geschichten geht es nicht fair zu. Ein Mann, verlassen von Frau und Tochter, stürzt sich in eine Affäre mit einer Prostituierten - beide schwindeln sich etwas vor, werden zu "verliebten Lügnern" und kehren dorthin zurück, wo sie herkamen. Es ist oft so, dass bei Yates niemand recht vorankommt und schon froh sein kann, wenn er nicht verloren geht.

"Verliebte Lügner" enthält Geschichten, die im Kanon der amerikanischen Short Story einen Platz haben müssten - gleichwohl reicht das Buch nicht immer an den ersten Erzählband "Elf Arten der Einsamkeit" heran und schon gar nicht an "Zeiten des Aufruhrs". Viel zu oft scheinen hier Yates' Lebensthemen nur ein weiteres Mal variiert zu sein - als ob der Autor sich bereits selbst historisch geworden wäre.

Richard Yates:

Verliebte Lügner. Short Storys.

Aus dem Englischen von Anette Grube. DVA.

316 Seiten.

19,95 Euro.

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