Schule des Vorurteils

Forschung zum Antisemitismus

Von THOMAS KREUDER

Wenn jüdische Friedhöfe geschändet, Anschläge auf Juden oder jüdische Einrichtungen begangen oder antisemitische Einstellungen geäußert werden, klingt in den Kommentaren zu den Vorfällen oft Unverständnis darüber an, dass Derartiges mehr als sechzig Jahre nach dem Ende des NS-Regimes noch möglich sei. Dabei wird sich die bundesdeutsche Gesellschaft auf vermehrte antisemitische Aktionen einzustellen haben, kommt all das judenfeindliche Potenzial zum Tragen, das die Autoren eines breit angelegten Forschungsbands zum neuen Antisemitismus in ihren Erhebungen, insbesondere in Jugend- und Migrantenmilieus, ermittelt haben.

Der neue Antisemitismus speist sich aus mehreren Quellen. Spezifisch deutsch ist eine zunehmende Abwehrhaltung gegenüber so genannten Schuldbezichtigungen. Das Unbehagen, als Deutsche pauschal mit dem NS-Regime und dem Holocaust konfrontiert zu werden, wendet sich sowohl gegen die Thematisierung dieser Gegenstände im Schulunterricht als auch gegen Juden selbst, weil ohne jene die Verbrechen und die Erinnerung daran nicht existierten.

Andere Aspekte sind mit der Entwicklung zur Einwanderungsgesellschaft verknüpft. Die Autoren verwenden deshalb den Begriff "globalisierter Antisemitismus", weil die Immigranten eigene Hintergründe antisemitischer Haltungen und Deutungsmuster in bereits existierende antisemitische Kontexte importieren. Eine zentrale Rolle nimmt dabei der Nahost-Konflikt ein. Durchgängig wird Israel eine Täterrolle zugeschoben. Auf dieser Basis wurde - flankiert von der grundsätzlichen Sympathie für den vermeintlich Schwächeren sowie seit langem etablierten antizionistischen Ressentiments - Antisemitismus von Rassismus separiert. Diese Trennung erlaubt es Migranten, insbesondere mit arabischem Hintergrund, einerseits Zurücksetzungen durch die Mehrheitsgesellschaft als rassistisch zu brandmarken und andererseits selbst antisemitische Positionen zu propagieren.

Dabei wird die Bekämpfung des Antisemitismus als Teil der bundesdeutschen Staatsräson selbst antisemitisch umgedeutet. Danach sind sowohl die Deutschen als auch die sich als Opfer israelischer Politik begreifenden Migranten bloße Objekte einer weltumspannenden jüdischen Macht; die einen werden gezwungen, gegen ihre Interessen und Überzeugungen zu handeln, die anderen direkt attackiert. Folglich bestehen große Schnittmengen zwischen deutschen rechtsradikalen und migrantisch antisemitischen Positionen. Beide passen nach den Erkenntnissen der Autoren auch deshalb so gut zueinander, weil die verwendeten Stereotypen des Antisemitismus seit langem fest etabliert sind: Juden sind reich, untereinander vernetzt und üben eine rigide, andere Glaubensinhalte letztlich gering achtende Religion aus.

In diesem Zusammenhang ebenso interessant wie erschreckend ist, dass die bisher verwendeten Muster der schulischen Auseinandersetzung mit dem NS-Regime und dem Holocaust nach den Einschätzungen der Autoren als kontraproduktiv einzuschätzen sind. So bleibt häufig als Langzeiteffekt der "klassischen Holocaust-Pädagogik" das "Stürmer-Bild" des Juden in Erinnerung, der eben vom Rest der Gesellschaft abgegrenzt ist, keine anderen Interessen hat, als seinen Reichtum zu mehren und Bauern und Handwerker in Zinsknechtschaft zu halten. Die in guten Unterrichten auch vermittelte Komplexität des Lebens von Juden durch die Jahrhunderte bleibt oft unverstanden, gerät jedenfalls im Lauf der Zeit in Vergessenheit.

Umso bemerkens- und unterstützenswerter sind deshalb Initiativen von Migranten selbst, die, wie zum Beispiel die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus um Aycan Demirel, gegen Vorurteile angehen und mit Hilfe neu entwickelter pädagogischer Programme mit jungen Einwanderern deren Einstellungen problematisieren. Solche Aktivitäten sind ein Hoffnungsschimmer. Das empfehlenswerte Buch hätte sicherlich eine noch größere Wirkung, wenn alle Beiträge nicht nur für ein Fachpublikum, sondern für eine breitere Öffentlichkeit geschrieben wären.

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