Schule des neuen Sehens

Doch in den Gedichten aus dem Nachlass präsentiert sich noch eine andere Luisa Famos

Von CORNELIA JENTZSCH

Die Dichterin Luisa Famos dürfte nur wenigen bekannt sein. Das mag einerseits daran liegen, dass sie zu ihren Lebzeiten nur zwei schmale Gedichtbände mit knapp fünfzig Gedichten veröffentlicht hat;Mumaints/ Momente hieß der erste, Inscunters/ Begegnungen der zweite - beide Bände erschienen in deutscher Übersetzung unter dem Titel Poesias 1995 im Arche Verlag. Ein anderer Grund ist sicherlich der, dass Luisa Famos in jener Sprache schrieb, die nur einer kleinen Bevölkerungsgruppe im Alpengebiet verständlich ist, dem Rätoromanischen. Doch anders als im deutschen Sprachraum ist Luisa Famos in der rätoromanischen Schweiz, in der sie lebte, nicht nur bekannt, sondern dort ist sie "die Luisa Famos. Wie man im Deutschen von der Droste, der Lasker-Schüler, der Bachmann spricht." Wenn man ihre Bücher liest, ahnt man bald, warum sie so ungeteilte Zuneigung gewann.

Ihre Gedichte sind eine seltene Mischung aus alltagssprachlicher Klarheit, religiöser Weite sowie äußerster Verdichtung und Effizienz im Wort. Man kann sie mit Kristallen vergleichen, rein und durchsichtig, mit geraden klaren Kanten und von lichter Schönheit. Es lässt sich vermuten, dass Luisa Famos ihre Verse nur nach großer handwerklicher Fürsorge in die Öffentlichkeit entlassen hat. Im Nachwort der deutschsprachigen Ausgabe von Iso Camartin heißt es, was in Luisa Famos' Gedichten "so überraschend deutlich wird, ist ein Grundgefühl. Es hat mit der Zeit, der kreisförmig wiederkehrenden, zu tun. Ihr Widerspruch liegt darin, daß sie für das Erleben ganz unverfügbar bleibt. Zwar kommt im Kreisfluß der Jahreszeiten alles wieder. Dennoch ist kein Augenblick zu halten, kein Gefühl zu retten, kein Erlebnis zu verlängern".

Unverklärende Religiosität

In diesem Sinn begreift man auch das Besondere dessen, was sich Religiosität nennt und leicht mit zwanghafter Abhängigkeit gleichgesetzt wird. Nicht ein Gott ist es, der für Luisa Famos dieses Wort besetzt hält, sondern die in allen Dingen wohnende Urkraft des Lebens - "Augenblicke, eidechsengleich, flüchtig, tief voll, vom Geschmack unseres Lebens".

Zugleich steht Luisa Famos natürlich in der Tradition rätoromanischer Dichtung, die noch bis in die Gegenwart deutlich von religiösem Brauch geprägt ist. Die Dichterin stammt aus Ramosch, das zu den Dörfern des Engadin zählt, in denen man auch noch im zwanzigsten Jahrhundert karg und einsam lebte. In den fünfziger Jahren erst löste sich das Ladin, die dortige Form des Rätoromanischen, von seiner veralteten Rechtschreibung und wurde zeitgemäßer. Religiosität ist hier ein anderes Wort für tägliches Überleben und der Name steht für den Pfahl, den man in den Boden stemmt, um nicht von der Zeit weggespült zu werden. Religiosität hat nichts mit Verklärung zu tun.

In der rätoromanischen Sprache gibt es deshalb Worte, die sich nicht mit den entsprechenden deutschen decken. Das "Heimweh", "increschantüm", hat seine sprachliche Verwurzelung im lateinischen Wort für "sich steigern", hineinsteigern, also etwas schmerzlich Zwanghaftes. "Am Heimweh spüren die Lebenden, daß die Toten in die Welt zurückdrängen. Beide leiden an dieser Haftung, und Heimweh ist nie mehr etwas, was sich sentimentalisch verklären läßt", schreibt Iso Camartin.

Luisa Famos hat ihren eigenen souveränen Umgang mit all diesen Tatsachen gewählt. Wenn die Gegenwart so unzuverlässig ist, dass sie im wiederkehrenden Kreislauf allen Seins doch immer nur wieder in die Vergangenheit absinkt, hilft nur, dass der Mensch sich ebenfalls dreht und neu sehen lernt und sich dadurch behauptet. In ihren Gedichten beweist Luisa Famos Zeile für Zeile, dass sie die natürliche Gabe besaß, mit allen Sinnen neu zu sehen. Auf eine ruhige, genaue, konzentrierte Art. "Raben, aufleuchtend im Schnee" oder "wie Glockenklang verwirbelt im Wind ein Kinderlachen" heißen ihre Übersetzungen in Sprache.

Mit ihren Mann und ihren Kindern lebte sie einige Jahre in Lateinamerika, wo ihr Mann als Bauingenieur in Honduras und Venezuela tätig war. Wenige asketische Worte reichen in ihren Gedichten aus, um das Fremde sichtbar zu machen. "Sonne brennt und brennt auf die dampfende Erde ... der Indio sieht Orchideen sich öffnen in ihrer Zartheit."

Verfälschtes Bild

Mit nur vierundvierzig Jahren starb 1974 die Dichterin an Krebs. Ihr früher Tod rief im Bündnerland Erschütterung hervor und trug zusätzlich zum Mythos Luisa Famos bei, die auch als Ansagerin der ersten rätoromanischen Fernsehsendung tätig war. Jetzt ist im Zürcher Limmat Verlag ein weiterer Band mit Gedichten erschienen, die die Herausgeberin Mevina Puorger aus dem Nachlass, etwa hundert losen Blättern, veröffentlicht hat. Versehen ist der Band mit einem akribischen Anmerkungsapparat, der sich allerdings nur auf das rätoromanische Original bezieht und somit für deutschsprachige Leser weitgehend verschlüsselt bleibt. Im Vorwort, für das ebenfalls Iso Camartin bemüht wurde, steht zu diesen Entwürfen, Erst- und Zweitfassungen: "Ich bin sicher: Luisa hätte die Gedichte wohl nicht so publiziert, wie sie jetzt dastehen".

Und das scheint auch der Haken an diesem Band zu sein. Denn das, was gerade die Faszination der Gedichte von Luisa Famos ausmacht, ihre sprachlich souveräne Verknappung, kommt in vielen Gedichten dieses Nachlassbandes (noch) nicht zum Tragen. Leser, die diesen Band als erstes in die Hände bekommen, erhalten so ein verfälschtes Bild der Dichterin. Man kommt nicht ganz umhin, den wissenschaftlichen Ehrgeiz der Herausgeberin, die den Nachlass im Rahmen einer Dissertation an der Universität Zürich aufarbeitete, als den eigentlichen Grund für diesen postumen Gedichtband zu vermuten.

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