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Die Schriftstellerin und die Gaffer

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Von: Arno Widmann

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Virginia Woolf, 1929.
Virginia Woolf, 1929. © Imago

Im neuen Essay-Band "Das Totenbett des Kapitäns": Virginia Woolfs Plädoyer für die Abschaffung der Rezension ist verrückt, aber bedacht.

Seit 1989 erscheinen, herausgegeben von Klaus Reichert, im S. Fischer Verlag deutsche Ausgaben der Werke von Virginia Woolf. Ein Vierteljahrhundert der Versuch einer Vereinigung einer der bedeutendsten englischen Autorinnen mit einer deutschen Leserschaft. Unterstützt wird er von der Berliner Künstlerin Sarah Schumann, die die Umschläge der Bände entwirft. Zuletzt ist eine Sammlung von Essays mit dem Titel „Das Totenbett des Kapitäns“ erschienen.

Darin: ein völlig verrückter Aufsatz aus dem Jahre 1939. „Rezensieren“ heißt er. Virginia Woolf unterscheidet klar zwischen der Kritik und der Rezension: „Der Kritiker befasste sich mit der Vergangenheit und mit Prinzipien; der Rezensent übernahm die Einschätzung der neuen Bücher“. Die Kritik nimmt sich Zeit und Raum. Sie setzt sich detailliert mit dem Buch, seinen Vorgängern und mit der Rolle seiner Thematik, sowie mit den Techniken und der Kunstfertigkeit des Autors auseinander. Die Rezension dagegen hat nur ein Ziel: Sie will mitteilen, ob es sich lohne, das Buch zu lesen oder nicht.

Rezensenten, schreibt Virginia Woolf, wird es bald nicht mehr geben. Sie werden abgelöst werden von Vorkostern, die ihre immer kürzer werdenden Buchhinweise mit Sternchen versehen werden, wenn sie das Buch weiterempfehlen und mit einem Dolch, wenn sie von der Lektüre abraten wollen.

Was soll daran verrückt sein? Das ist doch überaus hellsichtig.

Virginia Woolf macht einen praktischen Vorschlag. Sie plädiert dafür, die Rezensionen ganz abzuschaffen. Der Rezensent soll, statt seine Meinung über das Buch zu veröffentlichen, sie dem Autor in einer privaten Sitzung mitteilen. Vorausgesetzt, der Autor legt Wert darauf, sie kennenzulernen.

Virginia Woolf hat sehr wohl verstanden, dass das Rezensionswesen das Ergebnis eines Strukturwandels der Öffentlichkeit ist. Rezensenten gibt es, seit es Zeitungen gibt. Aber das ist für sie kein Grund, die Existenz des Rezensenten zu akzeptieren. „Hamlet“, schreibt sie, wurde nicht rezensiert. Kunst ist etwas, das nicht rezensiert werden soll. Warum? Der Rezensent weckt im Autor Gefühle von Schmerz und Zorn. Die beeinträchtigen seine Schaffenskraft. Das kann in Niemandes Interesse liegen. Der „höher entwickelte Organismus des Autors“ bedarf des Schutzes, so Virginia Woolf.

Alfred Tennyson änderte nicht nur seine Gedichte auf Anraten von Rezensenten; er erwog auch auszuwandern und erholte sich von einem besonders heftigen Schlag zehn lange Jahre nicht. Der Autor soll darum, so meint Virginia Woolf, vor – öffentlichen – Angriffen bewahrt werden. Das Publikum nehme dabei keinen Schaden. Ein System von Sternen und Dolchen würde die voyeuristischen Gelüste des Publikums ebenso gut befriedigen. Hinzu kommt: Die Rezensionen mit ihren einander widersprechenden Urteilen heben einander auf. Da der Rezensent keine ewigen Maßstäbe der Dichtung mehr anlege an die literarische Produktion, sondern nur nach seinen eigenen Animositäten urteile, sei seine Ansicht nur eine Ansicht, also irrelevant.

Man kommt hier an den Kern der Auseinandersetzung. Der Autor sieht sich im Rezensenten einem Anderen gegenüber, der ohne die Anstrengung der Autorschaft sein Ich ebenso aufbläht wie der Autor es tut. Der Autor geht seinen Weg. Er schreibt, wie keiner vor ihm schrieb, schreibt Romane, wie es sie noch nicht gab. Aber er schreibt sie. Er erschreibt sich sein Ich. Durch alle Zweifel hindurch. Über Jahre arbeitet er an einem Buch. Dann kommt der Rezensent, liest es und gibt seinen Senf dazu. Er setzt sich oben drauf und bildet sich ein, darum dem Autor über zu sein. Nur weil er eine Meinung hat. Aber hat er darum ein Ich?

Das alles schreibt Virginia Woolf nicht. Das schreibe ich, der ich meinen Senf dazu gebe. Ganz gleich, was man von der Rolle halten mag, die Günter Grass und Martin Walser in der Weltliteratur des 21. Jahrhunderts spielen werden, Reich-Ranicki war ihnen keineswegs über, auch Joachim Kaiser nicht. Geschweige denn irgendein anderer Rezensent. Sie sitzen nur an einer Stelle im System, die ihnen Macht gibt über die, die die wirkliche Arbeit leisten. Sie – und also auch ich – leben von der Arbeit der anderen. Sie leben oft – das nährt ihre Vorstellung von ihrer Überlegenheit – deutlich besser als die Autoren. Sie entscheiden, welche Bücher besprochen werden, welcher Autor einen Beitrag – in „ihrer“ Zeitung – veröffentlichen darf. Sie werden oder wurden doch zum Beispiel auf Buchmessen umschwänzelt von Menschen, die ihnen in jeder Zeile überlegen sind.

Man wird das bedauern, man wird es kritisieren, man wird es womöglich bekämpfen. Aber man wird sich auch die Frage stellen: Warum soll ausgerechnet in der literarischen Welt das Leistungsprinzip gelten? Es spielt in der Familie keine Rolle, nicht in der Politik, nicht in der Wirtschaft.

Ist denn schon verrückt, wer es einklagt? Na ja, ein wenig realitätsfremd kommt es mir schon vor. Interessant ist auch, dass Virginia Woolf, die so klar die gesellschaftlichen Ursachen für die Entstehung des Rezensionswesens sieht, doch glaubt, es einfach abschaffen zu können. Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie die Gesellschaft mit dieser Lücke umgehen würde. Das von ihr empfohlene Zwiegespräch zwischen Autor und Rezensent hätte eine Chance, wenn es als Gladiatorenkampf live übertragen würde. Die Vorstellung, die Öffentlichkeit würde es sich einfach gefallen lassen, ausgeschlossen zu werden, hat etwas Rührendes. Und nun gar der Gedanke, die Rezensenten, die in den Genuss öffentlicher Reputation gekommen sind, würden kampflos davonlassen!

Aber meint sie das denn ernst? Ist es nicht eine satirische Überspitzung?

Nein. Es ist die Fantasie einer Paranoikerin. Man sieht das gleich in den ersten Sätzen: „In London gibt es bestimmte Schaufenster, die immer eine Menschenmenge anziehen. Die Anziehungskraft besteht nicht im fertigen Produkt, sondern in abgetragenen Kleidungsstücken, denen Flicken eingesetzt werden. Die Menge sieht den Frauen bei der Arbeit zu. Da sitzen sie im Schaufenster und machen unsichtbare Stiche in mottenzerfressene Hosen. Und dieser alltägliche Anblick eignet sich vielleicht als Illustration für den folgenden Aufsatz: So sitzen unsere Poeten, Dramatiker und Romanautoren im Schaufenster und tun unter den neugierigen Augen der Rezensenten ihre Arbeit. Aber die Rezensenten sind nicht wie die Menge auf der Straße damit zufrieden, schweigend zuzuschauen; laut kommentieren sie die Größe der Löcher, die Geschicklichkeit der Arbeitenden und beraten das Publikum, welche von den Waren im Schaufenster den Kauf am meisten verlohnen.“

Gerade die Eindrücklichkeit der Beschreibung, gerade die literarische Qualität der Autorin, macht einem klar, dass sie völligen Blödsinn erzählt. Sie sagt selbst, dass bei der Menge vor dem Schaufenster die Anziehungskraft nicht im fertigen Produkt bestehe, sondern darin, anderen bei der Arbeit zuzuschauen. Aber kein Rezensent schaut dem Autor bei der Arbeit zu. Rezensiert wird immer das fertige Produkt.

Das von Virginia Woolf mit so großem Aplomb herangezogene Beispiel hat gerade nichts mit dem Rezensieren zu tun. Es ist keine Analyse des Verhältnisses von Autor und Rezensent. Es ist der Ausdruck eines Gefühls von Virginia Woolf. Es ist Meinung, keine Einsicht in ein gesellschaftliches Verhältnis. Das Gefühl, das sich hier artikuliert, ist das Gefühl, verfolgt zu werden. Nicht Buch für Buch – das wäre realistisch –, sondern Tag für Tag, Stunde für Stunde, jeden Moment, in dem man arbeitet. Das ist ein Wahn. Das ist Angst, verzweifelte Angst, die sich freigemacht hat von den wirklichen Bedrohungen der äußeren Welt. Sie wütet im eigenen Ich. Sie zerstört es. Nicht der Rezensent.

Und der Realismus, mit dem sie das Sternchen- und Dolchbewertungssystem der heutigen Zeitschriften voraussah? Vielleicht muss man verrückt sein, um die Welt klar zu sehen.

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