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„Meine Hauptfähigkeit liegt in der geschärften Wahrnehmung“, sagt Daniela Krien. Maurice Haas/Diogenes
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„Meine Hauptfähigkeit liegt in der geschärften Wahrnehmung“, sagt Daniela Krien.

Roman „Der Brand“

Schriftstellerin Daniela Krien: „Bei zu vielen Themen ist es ein Eiertanz geworden, darüber zu sprechen“

  • VonCornelia Geißler
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Die Schriftstellerin Daniela Krien über ihren Wunsch nach Kontroverse, Menschen, die zunehmend mit der Gesellschaft fremdeln, und ihren Roman „Der Brand“.

Spätestens seit Daniela Kriens 2019 erschienenem Roman „Die Liebe im Ernstfall“ um fünf Frauen ist einem großen Publikum bekannt, wie überzeugend sie gesellschaftliche Realität mit den Wegen und Handlungen ihrer Figuren verknüpft. Ihr neuer Roman ist geradlinig erzählt, drei Wochen nur umfasst die Handlungszeit von „Der Brand“. Doch auch er hat eine Dimension in aktuelle Fragen der Gegenwart, die diese Ehegeschichte aufregend macht. Wir haben Daniela Krien in Leipzig besucht.

Frau Krien, in Ihrem neuen Buch stecken einige Reizthemen. Als ich zu lesen anfing, erwartete ich die Geschichte einer Ehe, in der aus Liebe Gewohnheit geworden war. Wollten Sie, dass die Leser unbedarft an die Lektüre gehen?

Der Klappentext und die Ankündigungen des Verlags sind ohne mich entstanden und klingen vielleicht ein wenig harmloser, als das Buch tatsächlich ist. Doch so können die Leser sich ihr eigenes Bild machen. Ich finde es selbst schwierig, das Buch in einer griffigen Formulierung zusammenzufassen.

In der kurzen Handlungszeit tauchen zum Beispiel auf: Corona, Geschlechterzuordnung und Kindererziehung. Hatten Sie einen Plan, wie Sie das unterbringen?

Das kommt beim Erzählen. Ich wollte es so in die Geschichte dieser Ehe hineinweben, wie es auch normalerweise in einer Beziehung ist – bei Ihnen oder bei mir. Wenn man das Leben miteinander teilt, spricht man über die Dinge, die gerade virulent sind. Jedes Paar steht ja in einem Zusammenhang zu der Gesellschaft und der Zeit, in der es lebt. Dass die Geschichte zu Corona-Zeiten spielt, liegt daran, dass es die Pandemie schon gab, als ich geschrieben habe.

Das Verständnis zwischen Rahel und Paul ist nach einem Vorfall an seinem Arbeitsplatz an der Universität angeknackst. Er hat sich falsch verhalten oder fühlt sich missverstanden, sie hat nicht klar für ihn Partei ergriffen. Haben Sie so etwas beobachtet, wie die Liebe im Ernstfall durch äußere Einflüsse auf die Probe gestellt wird?

Ja, durchaus. Nicht jedes Paar schwingt weltanschaulich gleich. Es kann passieren, dass ein Partner im Laufe der Zeit politisch zu anderen Ansichten kommt. In meinem Buch ist es so, dass Rahel noch stärker mit der Gesellschaft verbunden ist, während Peter sich immer mehr zurückzieht. In ihrem Pragmatismus nimmt sie ihn in einem entscheidenden Moment nicht so ernst, wie er es erwartet. Was an Spaltungsprozessen in der Gesellschaft passiert, gelangt auf diese Weise auch in die Ehe.

Peter sieht sich angegriffen von einer Person, die sich als nichtbinär bezeichnet. Rahel legt ihm nahe, sich in diese hineinzuversetzen. Wäre das die Lösung vieler unserer Probleme, wenn wir mehr reflektieren würden?

So einfach ist das nicht. Manchmal wissen wir instinktiv sehr genau, was richtig und falsch ist, doch dann wird dieses Wissen durch Reflexion in Frage gestellt; es wird brüchig, und wir verlieren bestimmte Sicherheiten und Gewissheiten, die jedes Leben auch braucht. Das kann man an den beiden Figuren ganz gut sehen: Rahel reflektiert ständig ...

... schon von Berufs wegen ...

... ja, sie ist Psychologin. Aber das dauernde In-Bezug-Setzen führt auch zu mehr Zweifeln. Peter ist weniger schwankend, aber seine Ansichten und Überzeugungen kollidieren seit einiger Zeit mit dem, was er vorfindet. Das führt bei ihm zum Rückzug. Er ist ein dezenter Mensch, der sich das Recht vorbehält, bestimmte Dinge nicht zu wissen. Zum Beispiel die Geschlechtsidentität seiner Studenten. Als es thematisiert wird und die Aktivisten laut werden, ist das für ihn eine Übergriffigkeit. Diese Tendenz, der ganzen Welt die eigenen Befindlichkeiten mitzuteilen, befremdet ihn. Aber nochmal zurück zur Reflexion: Als Kind hatte ich einen tief verankerten Glauben an Gott. Er wurde zweifelhaft in dem Moment, in dem ich angefangen habe, zu rationalisieren und nach Beweisen oder Gegenbeweisen zu suchen. Dadurch verlor ich für eine Weile meinen Zugang zu Gott. Ich gewann ihn erst wieder, als ich mich auf eine frühere Gewissheit zurückbesann, die sich der Ratio entzieht. Manches versteht man am besten, wenn man nicht darüber reflektiert.

Also auch, wenn man bei einer Beziehung nicht grübelt: Warum sind wir hierhin gekommen? Sondern lieber einen Neuanfang versucht?

Nein. Wenn man Probleme in der eigenen Beziehung nicht versteht, wird man sie auch nicht lösen.

Als ich las, wie Peter mit der nichtbinären Studentenperson aneinandergerät, musste ich an Ihre Dankesrede beim Sächsischen Literaturpreis vor ein paar Wochen denken. Da sagten Sie, dass Autoren heute gut überlegen müssen, welche Worte Sie Ihren Figuren in den Mund legen. Haben Sie damit schon negative Erfahrungen gemacht?

Ich persönlich nicht. Aber es gibt Beispiele.

Monika Maron mit dem Roman „Artur Lanz“?

Das wäre eines. Normalerweise denke ich beim Schreiben nicht an Leser oder Kritiker. Neuerdings merke ich, dass ich innehalte und überlege, wie etwas interpretiert werden könnte.

Also wie in Ihrem Buch das Gender-Thema oder die Wahrnehmung des Ostens?

Zum Beispiel. Und es gibt weitere: Rassismus, der Klimawandel, Coronapolitik – bei zu vielen Themen ist es ein Eiertanz geworden, darüber zu sprechen. Es muss aber kontrovers gesprochen werden. Und es muss möglich sein, dass es in einer Diskussion auch mal eine Grenzüberschreitung gibt, dass man mal übertreibt oder pauschalisiert oder steile Thesen aufstellt und zwar mit dem Ziel, am Ende etwas herauszufinden. Wenn ich die ganze Zeit darauf bedacht bin, bloß nichts Falsches zu sagen, bloß niemanden zu verletzen, niemandem aus einer Minderheitengruppe zu nahe zu treten, dann sage ich am Ende gar nichts mehr.

Dabei ist doch das Recht auf freie Meinungsäußerung die wesentliche Errungenschaft gegenüber der Gesellschaft, in der Sie und ich geboren wurden. Da stimmt also was nicht.

So ist es. Ich glaube, wir sollten da sehr hellhörig sein.

Zur Person:

Daniela Krien, geboren 1975 in Neu Kaliß im Bezirk Schwerin (heute Mecklenburg-Vorpommern) lebt seit Ende der neunziger Jahre in Leipzig, wo sie Kulturwissenschaften und Kommunikations- und Medienwissenschaft studierte. Für ihr literarisches Werk erhielt sie unter anderem 2020 den wegen der Corona-Pandemie erst jetzt überreichten Sächsischen Literaturpreis. Ihr Debütroman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ erschien 2011, 2014 folgte der Band „Muldental. Zehn Geschichten“ und 2019 der Roman „Die Liebe im Ernstfall“, letzterer wie ihr neues Buch im Diogenes Verlag herausgekommen.

Daniela Krien: Der Brand.
Roman.
Diogenes,
Zürich 2021.
272 S., 22 Euro.

Sehr auffällig verläuft derzeit auch die Debatte um die sogenannte geschlechtergerechte Sprache. Wie geht es Ihnen dabei?

Das beschäftigt mich auch. Ich halte das generische Maskulinum für eine sehr angenehme Form, weil sie eben nicht sexualisiert. Das grammatische Geschlecht ist eben unterschiedlich zum Sexus. Es bezeichnet alle Menschen – ob männlich, weiblich oder divers. Beim literarischen Schreiben denke ich über diese Problematik aber nicht nach. Wenn ich öffentlich reden soll, überlege ich dagegen schon, wie ich die Leute anspreche und wähle dann in der Regel die Doppelform. Was ich ablehne, sind die Partizipien – die Studierenden, Radfahrenden, Schauspielenden. Sie werden meistens falsch verwendet und klingen außerdem hölzern und bürokratisch.

Ein Moment in Peters Entfremdung drückt sich darin aus, dass er keine Zeitungen mehr kaufen möchte. Nun reden wir für eine Zeitung miteinander. Haben Sie selbst auch Vertrauen in die Medien verloren?

Also: Ich bin nicht Peter. Ich lese regelmäßig Zeitungen und informiere mich ziemlich breit von links bis rechts. Dennoch sehe auch ich Veränderungen. Es gibt Medien, die beschlossen haben, bei bestimmten Themen nicht mehr objektiv zu sein. Ein Beispiel: Die Redaktionsspitze vom „Stern“ hat Anfang des Jahres mitgeteilt, beim Thema Klimakrise nicht länger neutral zu sein, sondern den Klimaschutz fortan mit publizistischen Mitteln zu unterstützen. Klingt erst einmal gut, ist aber kein Journalismus mehr, sondern Aktivismus, und das finde ich bedenklich. Ich möchte nicht die persönliche Haltung dieser Journalisten wissen, sondern ich möchte so gut und sachlich informiert werden, dass ich selbst in die Lage versetzt werde, mir eine fundierte Meinung zu bilden. Noch bietet die deutsche Medienlandschaft diese Form der echten Information, aber selbstverständlich ist das nicht mehr.

Beim Klimathema, auch wenn das nicht mein Arbeitsbereich ist, zeige ich auch gern Haltung und schreibe von der Klimakatastrophe. Sie würden das Wort Wandel seriöser finden?

Ja. Das Wort Wandel ist weniger alarmistisch und lässt deswegen ein kühleres Nachdenken über mögliche Auswege zu. Das Wort Katastrophe erzeugt Panik. Panische Menschen agieren kopflos und finden keine guten Lösungen. Aber ich möchte das gar nicht vertiefen. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die sich in politische Debatten einmischen. Das finde ich schwierig.

Warum?

Weil man damit die eigenen Mittel beschädigt, die künstlerischen Mittel. Sobald ich beginne, mich politisch zu äußern, wird meine Kunst in diesem Licht wahrgenommen und bewertet. Aber ich bin Autorin, keine Politikerin. Ich gebe keine Antworten mit meinen Texten, ich stelle Fragen. Ich weise auf etwas hin. Meine Hauptfähigkeit liegt in der geschärften Wahrnehmung.

Einmal sagt in „Der Brand“ Peter zu seiner Tochter: Wir sind eben Ossis. Wie wichtig ist es Ihnen, Ost-Biografien zu erzählen?

In dem Gespräch, das Sie erwähnen, geht es darum, dass Peter auf einen Vorwurf seiner Tochter reagiert. Sie beschwert sich, im Gegensatz zu ihren Freunden aus dem Westen nichts Nennenswertes zu erben. Ein ähnliches Gespräch habe ich einmal am Badesee mitangehört. Das ist typisch für den Osten. Lange konnte man es nicht, hat es nicht gelernt, fand es nicht einmal wichtig, sich um Geld und Besitz zu kümmern. Ich erzähle davon, weil auch mich die Ost-Biographien, das Ost-Denken geprägt haben.

In Ihrem Erzählungsband „Muldental“ gibt es mehrere Figuren, die als Ostler Demütigungen erfahren. Möchten Sie Menschen eine Stimme geben, die man kaum hört?

Die sogenannten Verlierer, die nicht so ohne weiteres den Anschluss gefunden haben, sind ja keine heldischen Figuren. Einige dieser Geschichten, die mir zugetragen wurden, haben mich einfach sehr berührt. Ich denke, gerade bei Lesern, die im Westen aufgewachsen sind, führt das Erzählen dieser Geschichten vielleicht zu etwas mehr Verständnis.

Wenn Sie so ein fremdes Gespräch aufschnappen – ist das typisch für Ihr Arbeiten, um Alltag zu erfassen?

Ja. Ich sauge wirklich alles, was ich sehe und höre, wie ein Schwamm auf. Ich rede gern mit Menschen und befrage Leute zu allem Möglichen. Aber nur selten schreibe ich etwas direkt auf. Ich bin keine sehr planvolle Schriftstellerin. Ich habe keine zwei Notizhefte vollgeschrieben, bevor ich ein Buch beginne. Das Thema wabert vielmehr in unbestimmter Weise in meinem Kopf.

Was war das ursprüngliche Thema beim neuen Buch? Ein Paar, das in die Krise gerät, weil die Kinder aus dem Haus sind?

Nein, ich wollte darstellen, warum sich freiheitlich und liberal gesinnte Menschen in unserer Gesellschaft zunehmend fremd fühlen. Das Paar hatte ich erst noch gar nicht. Erst wenn ich anfange zu schreiben, entstehen die Figuren. Bestenfalls sehe ich Bilder wie in einem Film. Figuren kristallisieren sich heraus, und dann komme ich mit ihnen ins Gespräch. Die Aspekte meines Themas ordne ich erst beim Schreiben selbst. Wenn ich dann fertig bin, fühle ich mich erstmal leer: Alles, was ich zuvor aufgesaugt hatte, ist dann ausgepresst.

Sie erzählen hier chronologisch, schreiben Sie auch chronologisch?

Ich schreibe einmal durch, dann gehe ich zurück und überarbeite. Im Fall von „Der Brand“ war es ein schönes, leichtes Schreiben, es fügte sich alles gut. In der Überarbeitung streiche ich vor allem, denn ich möchte relativ wenig vorgeben, damit die Leser ihren eigenen Phantasie- und Deutungsraum behalten. Und vor allem will ich niemandem meine Meinung aufdrängen.

Und wann schreiben Sie?

Wenn die Kinder in der Schule sind.

Das ist nur ein begrenztes Zeitfenster.

Da kann ich mich gut disziplinieren, anders geht es ja auch nicht. Ich ordne meinen Arbeitsplatz, setze mich hin, schaue, was ich gestern geschrieben habe, schwinge mich nochmal ein und dann geht es los.

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