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Nach einem Bombenanschlag in Bagdad, 2007.
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Nach einem Bombenanschlag in Bagdad, 2007.

Roman über 9/11

Schriftsteller Thomas Lehr: „Ärzte für die Toten finden“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Literatur kann ein komplexeres Bild der Wirklichkeit für die Nachkommenden schaffen. Das ist nicht nichts. Thomas Lehr über die politischen Folgen von 9/11, die Lage in Afghanistan und den prophetischen Zug eines Romans wie „September. Fata Morgana“

Herr Lehr, sind Sie selbst ein Vielleser?

Unbedingt, in jeder Hinsicht, sowohl was künstlerische als auch was wissenschaftliche und historische Literatur betrifft.

Sind Sie ein Wiederleser? Meine Großmutter riet dazu, die „Buddenbrooks“ alle zehn bis fünfzehn Jahre wiederzulesen.

Da hat sie völlig recht, obwohl ich mir bei den „Buddenbrooks“ nicht so sicher bin. Aber den „Zauberberg“ sollte man sicher zwei- bis dreimal im Leben lesen, bei allen großen Büchern ist das so. Ich lese gerade zum dritten Mal „Krieg und Frieden“.

Und ich wollte gerade sagen: Nehmen wir es uns nicht alle vor und schaffen es dann doch nicht?

Ich habe ein Privileg und nutze es schamlos aus. Als Literaturkritiker muss ich die aktuelle Produktion weglesen, aber als Autor kann ich allein nach Qualität lesen, nach dem, was mir selbst und meiner Arbeit am meisten bringt. Also lese ist sehr selektiv, aber dann wiederholt und sehr genau. Nabokov, Tolstoi, Musil, Joyce, da habe ich die großen Werke alle zwei- bis dreimal gelesen.

Wie steht der Schriftsteller Thomas Lehr zu seinen eigenen Büchern? Lesen Sie die auch immer wieder?

Wenn ich muss. Eigentlich lese ich ein Buch von mir zum letzten Mal, wenn es gerade gedruckt ist. Dann genieße ich, dass ich nichts mehr daran ändern muss.

Es wäre eine schaurige Gelegenheit, zu spät erste Fehler zu entdecken.

Ich bin sehr akribisch und gebe das Buch erst beim Verlag ab, wenn ich nichts mehr daran verbessern kann. Dann gehört es den anderen. Ich kenne es zu gut, es langweilt mich. Allerdings habe ich bei den meisten meiner Bücher Anlass, sie nach zehn bis zwanzig Jahren noch einmal zu lesen, wegen einer Neuausgabe, bei der ich entscheiden muss, ob ich etwas revidiere.

Und? Überraschen Sie sich beim Wiederlesen?

Manchmal ja, manchmal angenehm, manchmal weniger. Ich schreibe ja nicht so viel. Ich schreibe umfangreiche Bücher, aber die Zahl ist überschaubar und ich habe sie gut im Gedächtnis. Ich kann selbst bei meinem Erstling reinlesen und auf jeder Seite sagen, was kommt. Ich kann es nicht auswendig, aber ich bin sehr orientiert.

Gerade ist „Die Erhörung“ wieder herausgekommen, „durchgesehen“ steht im Buch. Das heißt?

Das heißt, der Autor hat mehr als Rechtschreibfehler korrigiert. „Die Erhörung“ war ziemlich gut redigiert, dennoch habe ich kleine Korrekturen vorgenommen. Ich habe vielleicht alle zehn Seiten ein, zwei Wörter geändert. Nabokov hat seine Bücher bei solchen Gelegenheiten immer umgeschrieben. Von dieser Obsession bin ich frei.

In der Politik, wie man gerade wieder sieht, kann man nicht einfach alles noch einmal und besser machen. Ist es also angenehmer, Schriftsteller zu sein?

Man kann sich korrigieren, das stimmt. Meine Mutter hat allerdings immer einen Dialog zwischen Ferdinand Sauerbruch und Max Liebermann zitiert. Der Chirurg Sauerbruch zum Maler Liebermann: Er bewundere die hohe Präzision, mit der dieser arbeite. Liebermann darauf: Na ja, wissen Sie, wenn Sie nicht präzise sind, dann kommt es unter die Erde, wenn ich nicht präzise bin, dann hängt es hundert Jahre im Museum. Gerade als Künstler muss man also sehr sorgfältig sein. Das heißt: Man kann sich Fehler leisten, bevor man das Werk rausgibt. Meine Devise ist: Ich gebe es erst her, wenn es gut ist. Darum brauche ich auch so lange.

Können Sie diese Zeiträume gut einschätzen?

Am Anfang gar nicht. „September“ sollte eine Novelle von hundert Seiten werden.

Der Kern ist in der Tat kompakt: Zwei Väter, ein in den USA lebender Deutscher und ein Iraker, deren Töchter beim Anschlag auf das WTC beziehungsweise bei einem Anschlag in Bagdad getötet worden sind.

2001 habe ich die Novelle „Frühling“ geschrieben, in der es um den Suizid des Sohnes eines Täters ging. Eine ähnlich kompakte, harte Geschichte um 9/11 sollte den Titel „Sommer“ tragen, ich hatte meine Quattro Stagioni im Sinn. 9/11 und der Irakkrieg haben mich, wie uns alle, stark berührt, und es schien mir zunächst gar nicht möglich, diese Wunde zu bearbeiten. Aber ich fing an, Material zu sammeln, und 2005 dachte ich: Jetzt versuchst du es. Aber davor habe ich mich wirklich gefürchtet. Ein Thema der Zeitgeschichte, das so heiß, so nah dran war.

Wobei das natürlich relativ ist. Ihre Kollegin Marion Poschmann wies hier neulich darauf hin, dass Literatur sehr langsam ist. Die zeitlichen Dimensionen, in denen Sie denken, sind wirklich groß.

Wir sind langsam und in dieser Langsamkeit, in diesem allmählichen Nachgehen der Dinge können wir andere Perspektiven entwickeln. In der Akutsituation, in der sich der Journalismus befindet, befinden muss, ist das nicht möglich. Literatur schafft sich diese Reflexionsräume. Das ist ihre Stärke.

Martin, der Vater der jungen Frau, die am 11. September in New York stirbt, hadert mit dem Irakkrieg und würde sich von Bush wenigstens ein „schamerfülltes skeptisches Nachdenken“ wünschen. An dem Punkt sind Menschen doch mit Blick auf Afghanistan heute wieder, während die Verantwortlichen weiterhin wenig nachdenklich wirken. Wird man da als Schriftsteller zum Propheten? Haben Sie das unangenehme Gefühl, es schon gewusst zu haben?

Manchmal ist das so. Wenn man so einen Komplex sehr genau durchdenkt, merkt man, wie die Geschichte sich doch wiederholt. Wie Komplexe immer wiederkehren. Und man hat gutes Recht anzunehmen, dass die Zukunft nicht viel anders ist. Auch mit Afghanistan setze ich mich in dem Buch ja auseinander.

Afghanistan erscheint Martin wie „eine immer nur kurzzeitig nachlassende grimmige Herrschaft des Raumes über den Menschen“. Er liest sich ein, und man erfährt beim Lesen selbst immens viele historische Details.

Zur Person:

Thomas Lehr, 1957 in Speyer geboren, hat in Berlin Biochemie studiert und veröffentlicht seit Anfang der 90er Jahre seine Bücher. Zuletzt erschien 2017 der umfangreiche Roman „Schlafende Sonne“, der sich auf den letzten Metern („wird fortgesetzt“) als erster Band einer geplanten Trilogie über deutsche Geschichte entpuppt. Derzeit arbeitet Lehr am zweiten Teil.

„September. Fata Morgana“, 2005 begonnen, 2010 herausgekommen, reflektiert aus der Perspektive eines Germanisten in den USA und eines irakischen Arztes die Anschläge vom 11. September sowie den folgenden Irak-Krieg. „September“ stand – wie zuvor „42“ und danach „Schlafende Sonne“ – auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Wer den 20. Jahrestag von 9/11 endlich zur Lektüre nutzen möchte: Hanser, 478 Seiten, 24,90 Euro.

Im Jahr 1919 sind die Engländer nach Jahrzehnten aus Afghanistan abgezogen, die Geschichte war fast die gleiche wie jetzt, ein völliges Scheitern. Die Russen haben dann bewiesen, dass man mit extremster Gewalt in Afghanistan nichts erreichen kann. Kein Krieg in Afghanistan hat mehr Opfer gefordert als der Krieg gegen die Sowjetunion. 1 bis 1,6 Millionen Menschen sind in diesem Krieg umgekommen, das ist noch einmal eine ganz andere Dimension. Und selbst das hat nichts gefruchtet. Von daher war es sehr arrogant vom Westen anzunehmen, sie könnten mit Gewalt etwas besser machen als das, was der Sowjetunion nicht gelungen ist. Man wird prophetisch, nur weil man in die Geschichte tief genug hineinschaut.

In „September“ sprechen sehr kluge, reflektierte Figuren.

Man muss sich Tricks ausdenken, um ein solches Thema zu bewältigen. Mit mehr Personal wäre es mehrbändig geworden. Darum habe ich mich für eine kammerspielartige Situation entschieden. Die Figuren sollten deshalb aber eine große Schärfe des Blicks haben, eine analytische Fähigkeit. Über die Transmissionsriemen solcher Figuren konnte ich sehr viel auf sehr wenig Raum sagen. Ein Verfahren, das ich fast immer anwende. Boshaft könnte man sagen, ich schriebe nur Künstler- und Intellektuellenromane. Aber es gibt solche Figuren auch in der Realität. Und wenn die erzählen, können sie das mit einer Tiefenstaffelung tun, die ich in einem naiven Bilderbogen nicht präsentieren kann.

Macht das auch die Hemmschwelle niedriger? Sie schreiben über Menschen, die mit Ihrem Leben nichts zu tun haben.

Man versteht eine andere Kultur immer am besten, wenn man dort einen Kollegen findet. Wenn jemand die gleiche Arbeit in einer anderen Kultur macht. Am Anfang kannte ich niemanden, aber mit der Zeit entwickelten sich Gespräche mit einigen irakischen Autoren. Ohne den irakischen Dichter und Romancier Fadhil al- Azzawi, dem ich das Buch auch gewidmet habe, hätte ich es nicht zu Ende gebracht. Das Ausmaß meines Unwissens war erschreckend. Der Dialog ist das Prinzip dieses Romans und ich habe diesen Dialog auch selbst geführt. Er dauert bis heute an.

Ist „September“ ins Arabische übersetzt worden?

Es gibt Teilübersetzungen ins Arabische, ein irakischer Verleger wollte es machen, er scheiterte aus finanziellen Gründen. Es ist aber ins Englische übersetzt worden und dadurch lesbar für viele.

Und wie sind die Reaktionen?

Soviel ich weiß gut. Die Dialoghaltung, die die Seele des Buches ist, kommt gut an.

Ein Dialog, der in der Realität kaum stattfindet, jeder sieht seine eigenen Opfer.

Wobei es in der internationalen Szene der Wissenschaftler und Künstler, auch unter uns Autoren, schon Dialoge gibt. Ein Elitendialog, keiner auf der Straße.

Es gibt zwar praktisch nur Gegenbeispiele, aber trotzdem: Könnte Literatur die Welt besser machen?

Walter Benjamin hätte gesagt: Sie hat eine schwache messianische Kraft. Ein Roman ist kein Leitartikel. Er kommt zu spät, alles ist schon passiert. Die Literatur hat die Aufgabe, „Ärzte für die Toten zu finden“, schreibe ich in „Frühling“. Es hat aber trotzdem einen ethischen und ästhetischen Wert, wenn man ein historisches Ereignis wie in einer Kristallkugel einfängt, nämlich den, dass sich die Nachkommenden ein komplexes Bild machen können. Dabei weiß man, wenn man ein solches Kunstwerk schafft, dass man zu Leseeliten spricht. Das ist der Preis, den ich zahle. Ich sage mir dann: Eliten sind einflussreich. Und wenn ich 10 000 Menschen so beeinflussen kann, dass sie eine komplexere Wahrnehmung der Wirklichkeit haben, dann mag das irgendwelche Folgen haben, die ich ethisch gut finde. So indirekt möchte ich es einmal formulieren.

Kennen Sie Politiker oder Politikerinnen?

Persönlich gar nicht.

Ist es eine Gruppe, die Sie interessiert?

Ex post. Als Literat ist man ja am allgemeinen Zustand der Menschheit interessiert. Und der wird durch die politische Macht extrem stark geprägt. Aber Literatur knöpft sich die Politik Jahrzehnte später vor. Insofern war „September“ eine Ausnahme.

Saddam Hussein und George W. Bush bekommen hier Blockbuchstaben, sie sind die „PRÄSIDENTEN“.

Wobei man im Romankontext durchaus die Unterschiede sieht. Ich zeige sie in ihrer präsidialen Position, die zunächst einmal ähnlich aggressiv wirkt. Beide haben große Opfer zu verantworten. Aber dann ist Saddam ein sadistischer Massenmörder, während Bush nicht so einfach als Bösewicht zu charakterisieren ist. Die Phallokratie, die Machtgesten, die Skrupellosigkeit im Vorgehen, das gehört allerdings zu dieser Kaste dazu. Der Literatur ist die Politik generell unheimlich. Aber sie muss sich mit ihr auch beschäftigen. Tolstoi schreibt über Napoleon, Shakespeare über die englischen Könige. Oder denken Sie an Döblin, der für mich ein großes Vorbild ist in diesem direkten Zugriff auf die Handelnden, auf die Täter, im „Wallenstein“, in der „1918“-Tetralogie.

Wie wird es weitergehen in Afghanistan?

Die Taliban werden lernen müssen, dass das Afghanistan von 2021 nicht dem von 2001 entspricht. Die westliche Einwirkung hat doch vieles verändert. 70 Prozent der Bevölkerung haben mittlerweile Mobiltelefone. In Kabul hat sich eine moderne Gesellschaft entwickelt. Man kann die Frauen einschüchtern und ermorden, aber es ist noch nicht klar, ob das in diesem Maße durchzuhalten ist. Dazu kommt, dass die ökonomische Basis äußerst schwach ist, wenn die internationalen Geldgeber weg sind. Im Moment sehe ich keinen Staat, der Lust hat, in die Taliban zu investieren.

Was also tun?

Wichtiger als zu klagen und zu jammern wäre es für die internationale Gemeinschaft, darüber nachzudenken, was man mit diesen „Failed States“ machen kann. Wenn man in diese Länder nicht hineingehen und mit Gewalt, List und Milliarden etwas zum Guten wenden kann, dann muss doch eine andere Idee her. Da braucht es einen internationalen Think Tank. Ich habe das Rezept nicht.

Hätten Sie einen Ansatz?

Aufbauhilfen, die klüger sind als das, was bisher geschah. Der Aufbau in Afghanistan war paradox, janusköpfig: Einerseits der Versuch der Befriedung, andererseits die Jagd auf die Taliban. Dazu installiert man Marionettenregime, eine Marionettenarmee. Eine Lehre, ähnlich wie im Nahostkonflikt, muss wohl sein: Ohne die direkte Motivation der Menschen, die da leben, geht es nicht. Ich gebe aber zu: Wüsste ich, wie es geht, wäre ich Politiker. Als Schriftsteller kann ich wenigstens die wissenschaftliche Literatur in Ruhe sichten. Einem Politiker fehlt dazu die Zeit. Denen kann ich nur empfehlen, auf die zu hören, die diese Konflikte studieren. Auf die höre auch ich als Autor und lese ihre Bücher durch.

Interview: Judith von Sternburg

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