Vor ein paar Tagen in Bukarest: Freiwillige verteilen Kerzen zum orthodoxen Osterfest.  
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Vor ein paar Tagen in Bukarest: Freiwillige verteilen Kerzen zum orthodoxen Osterfest.  

Radu Vancu

Schriftsteller über Coronavirus: Isolation kann „unseren Schutzraum zur Hölle verwandeln“

  • Claus Leggewie
    vonClaus Leggewie
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Schriftsteller Radu Vancu spricht über die Lage in seinem Heimatland Rumänien, paradoxe Mitmenschlichkeit in der Corona-Krise und Poesie.

  • Schriftsteller Radu Vancu spricht über die Corona-Krise in seiner Heimat Rumänien
  • Die Menschen müssten lernen, mit dem „Überschuss an Zeit“ in der Isolation umzugehen
  • Das Handeln der Regierung in Rumänien hält er für vernünftig, das mancher Krankenhäuser eher weniger

Radu Vancu, 1978 in Sibiu/Hermannstadt geboren, ist Schriftsteller, Übersetzer und Bürgerrechtsaktivist. Er arbeitet als Literaturwissenschaftler an der Lucian-Blaga-Universität in Sibiu und publiziert in verschiedenen literarischen Zeitschriften und auf Webseiten.

Herr Vancu, über die Lage in Rumänien in Zeiten von Corona wissen die meisten Deutschen wenig, sie sehen nur die langen Schlangen von Erntehelfern, die zu „unseren“ Spargel- und Erdbeerfeldern aufbrechen wollen. 1800 Menschen standen über Stunden dichtgedrängt am Flughafen von Cluj, die rumänischen Medien reagierten empört. Wie bewerten Sie den Umgang mit der Pandemie in Ihrem Land?

Entgegen meinen eher pessimistischen Erwartungen verhält sich die rumänische Regierung ganz vernünftig in der Krise; sie hat rechtzeitig Schutzmaßnahmen ergriffen, Schulen und öffentliche Einrichtungen geschlossen und den Notstand ausgerufen. Deshalb wohl sind die Infektionszahlen und die Todesrate relativ niedrig – hoffentlich bleibt das so. Aber es gibt eben solche Situationen wie am Flughafen von Cluj oder im Krankenhaus von Suceava, das zum rumänischen Bergamo wurde aufgrund der Managementfehler der unglaublich dummen und gefährlichen lokalen Behörden dort, die sämtliche Anstrengungen all derjenigen zunichtemachen können, die diszipliniert zu Hause geblieben sind, Distanz geübt haben und Jobs und Geschäfte aufs Spiel setzen, um die Zahl der Toten niedrig zu halten.

Corona in Rumänien: „Dumme und gefährliche lokale Behörden“

Wie verbringen Sie Ihre Tage in der Isolation als Schriftsteller, für den das Schreiben von Texten und Zeilen in Einsamkeit ja nicht ganz ungewohnt ist?

Vor ein paar Tagen haben wir erstmals alle das Haus verlassen. Wir haben uns ins Auto gesetzt und sind nach Cisnadioara gefahren ins Haus des kanadischen Architekten Maurer. Da waren wir auch allein, aber es war wenigstens ein Haus mit einem Garten. Mein zehnjähriger Enkel Sebastian hat die Katzen gefüttert, wir haben Fußball gespielt, ich war Torwart beim endlosen Elfmeterschießen. Dann haben wir Kartoffeln im Ofen gebacken und uns aus Dantes „Inferno“ vorgelesen, in der Übersetzung von Ronald Durling. Das ist so schwierig, Schönheit ist so schwer.

Was lesen Sie sonst in diesen Tagen?

In diesen Tagen ist die Zeit sehr dicht geworden, fast unerträglich dicht. Das spüren wir alle, und wie immer ist das beste Mittel die Poesie. Ich lese weniger Gedichte als unfassbar poetische Romane, in denen eine große Portion Zeit steckt: Michail Schischkins „Licht und Schatten“ oder Bulat Okudjavas „Reise des Dilettanten“ oder William Gaddis’ „Die Fälschung der Welt“ oder auch mal wieder Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Das sind Bücher mit einer solchen Masse von Zeit und Schönheit, deren Gravität praktisch unendlich ist, unsere einsamen Tagen kreisen sozusagen um ihr Zentrum, ihren Kern aus schwerem Metall und leuchtendem Gas, das uns in unsichtbaren Spiralen zu einem Ausgang führt.

Rumänischer Schriftsteller Radu Vancu liest in der Corona-Krise Dante

Dante ist Ihr Guide in der Pandemie?

Radu Vancu.

Er stellte eine dieser essenziellen Fragen: ma tu perche ritorni a tanta noia? Die ich so übersetze: Warum kehrst du zu so viel Leid zurück? Das fragt Vergil Dante, als sie sich erstmals begegnen, und das ist keine Frage, sondern eine Feststellung: Wir können nicht leben ohne immer wieder zum Leiden zurückzukehren. Einem Leiden, das uns oft nicht leben lässt. Wir können nicht leben ohne das, was uns zu leben hindert. Das ist eine der Umschreibungen der menschlichen Existenz – und einer der Gründe für die Existenz von Literatur.

Leiden ist der Antrieb der Dichtung?

Ja, aber wir kehren immer wieder dahin zurück, weil es den Kern der Schönheit ausmacht. Demiurgos weint in seinem leeren Universum, weil er spürt, dass das Fehlen von Leiden auch die Abwesenheit der Schönheit bedeutet. Das meinte Ezra Pound …

… den Sie ins Rumänische übersetzt haben …

… als er von der Schwere der Schönheit sprach, eine Idee, die er von der Antwort Aubrey Beardsleys auf William Butler Yeats gab, als der Dichter fragte, warum er so viel Schrecken zeichnete: „So very difficult, Yeats, beauty is so difficult.“ Pound hat sich daran erinnert, als er in Pisa festsaß, und das wurde das Leitmotiv der Pisaner Cantos, der bewegendsten von allen. Um Schönheit zu sehen, musst du in den Kern deines Leidens vordringen. Ein Gleichgewicht ist weder möglich noch erstrebenswert. Schönheit ist, genau wie das Leiden, ein Exzess, und deshalb muss die Kunst ein ebensolcher Exzess sein.

Schriftsteller aus Rumänien über Corona: Privates Leben wirkt plötzlich „überflüssig“

Pounds Cantos waren wichtig für Ihre eigenen Arbeiten.

Zu den Werken


Acht Bände mit Gedichten hat Radu Vancu seit 2002 veröffentlicht sowie Essays und Übersetzungen von John Berryman, W. B. Yeats und Ezra Pound. Zuletzt erschienen das Tagebuch „Zodia Cancerlului“ und der Roman „Transparenta“. Im November 2020 wird Vancu an der Universität Gießen die zweite Mazowiecki-Vorlesung halten und aus seinen Werken lesen. 

Er schrieb irgendwo, Schönheit sei die Flamme, die zuerst in der griechischen Mythologie entzündet wurde, dann den Römern und später an die Troubadoure und an Dante übergeben wurde und weiter an die Romantiker. Die Flamme müssen wir auf unseren eigenen Seiten wieder zu entzünden versuchen. Es ist so schwer, flüchtige Zeit in Schönheit zu verwandeln, und das ist der Grund, warum die letzten beiden Monate so schwierig waren.

Auch weil man von den anderen Menschen entfernt ist?

So gefährlich die Krankheit sein mag, vor der wir uns verbergen, am gefährlichsten ist doch, dass wir im engsten Kreis plötzlich das Gefühl bekommen, unser privates Leben sei überflüssig. Wir finden so gut wie alles überflüssig, wenn wir nicht wie früher herausgehen in den öffentlichen Raum – und, umgekehrt, nur was wir dort taten, uns bedeutsam vorkommt. Das schmerzhafte, frustrierende Paradox ist, dass wir uns ausgerechnet in der Mikroharmonie des Privaten, wo unser Leben am wertvollsten sein sollte, plötzlich irrelevant fühlen.

Sie waren einer der Initiatoren der erfolgreichen Bürgerproteste in Rumänien und ein Protagonist der anderthalb Jahre dauernden Kampagne „Wir sehen euch“ (Va Vedem) gegen die Korruption. Behindert sie die Bekämpfung der Pandemie?

Korruption ist tatsächlich verantwortlich für vielen falschen Reaktionen auf das Virus. Völlig unfähige Krankenhauschefs waren durch Bestechung zu ihren Posten gekommen und haben mit ihrer Inkompetenz schon vorher unendlichen Schaden angerichtet. Doch der Druck der Bevölkerung ist groß, und im Ausnahmezustand sind sie aus ihren Positionen entfernt worden, die Hospitäler werden jetzt von Militärärzten geleitet. Das muss sich wieder ändern, wenn der Notstand vorbei ist, aber erst einmal war wichtig, dass sie entlassen worden sind.

Schrifsteller über Corona-Krise: „Völlig unfähige Krankenhauschefs“ in Rumänien

Proteste, wie Sie sie 2018/19 organisierten, dürften auch in Rumänien erst einmal untersagt sein.

Nach so vielen Jahren Herausgehen auf Straßen und Plätze in Rumänien läuft die Bewegung jetzt entgegengesetzt: Rückzug ins Wohnzimmer, zur Metamorphose von Gemeinschaft in Intimität. Und so schwierig es war, unsere Protestgemeinde zu erfinden und zu managen, als so schwierig erweist sich jetzt die Erfindung und Organisation von Privatheit. Wir sitzen in unseren Häusern, inmitten von Büchern, Musik und Filme aus aller Welt zur Hand …

… und beklagen die Hölle?

Ich sagte ja, wir können ohne Leiden nicht leben.

Erntehelfer aus Rumänien sind in der EU hochwillkommen, aber Europa schafft es nicht, 1500 unbegleitete Kinder von den griechischen Inseln aufzunehmen.

Corona verschiebt den ganzen Diskurs über Flüchtlinge und Einwanderer. Nachdem es bisher schwerfiel, die Ankunft von radikal Fremden zu akzeptieren, die in den Augen vieler Übles und Unbekanntes einschleppten, müssen wir nun die Heimkehr von Landsleuten organisieren, die ironischerweise Krankheit als Übel mitschleppen könnten.

Was haben wir aus den letzten Monaten gelernt?

Das Virus zwingt uns, Isolation als zentralen Aktionsmodus zu begreifen, die Isolierung des Selbst als Weg, sich um andere zu kümmern. Während sich dadurch unser Raum eingrenzt, dehnt sich die Zeit enorm aus, und genau diese Veränderung kann unseren Schutzraum zur Hölle verwandeln. Also müssen wir mit dem Überschuss an Zeit umzugehen lernen. Denn in Wahrheit ist unser Leben nur bedeutsam in der Nähe der Menschen, die wir lieben, nur isoliert in ihrer Nähe sind wir wichtig. Während wir uns um andere sorgen, kümmern wir uns um uns selbst. Und dabei kümmern wir uns auch um die anderen. Die Antwort auf unsere paradoxe Lage ist folglich selbst paradox: Die anderen sind auch wir selbst.

Interview: Claus Leggewie

Alles zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Welt lesen Sie in unserem News-Ticker.

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