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Peter Handke wird 80: Beleber der kleinen Dinge

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Von: Arno Widmann

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Peter Handke wird 80 Jahre alt.
Peter Handke wird 80 Jahre alt. © dpa

Gerade die Heiligen sind nicht rein, sondern mit allen Wassern gewaschen. Dem Schriftsteller Peter Handke zum 80. Geburtstag.

Ein Autor sehr, sehr vieler Wörter. Da sind zunächst einmal die 2018 im Suhrkamp-Verlag erschienenen drei sehr schönen, extrem stabilen Kassetten der Peter-Handke-Bibliothek mit insgesamt 14 Bänden und mehr als 11500 Seiten. Im gerade erst erschienenen Buch „Die Zeit und die Räume – Notizbuch 24. April – 26. August 1978“ (Suhrkamp-Verlag, 311 Seiten, 34 Euro) erklären die Herausgeber, die bisher unveröffentlichten Notizbücher umfassten mehr als 35 000 Seiten.

Ich muss gestehen: Mich haut die schiere Masse dieser Produktion schon um. Nur zum Vergleich: Dieser Artikel hat kaum mehr als zwei Buchseiten. Hätte ich in jeder Woche meiner 1980 einsetzenden journalistischen Lebenszeit einen einzigen solchen Artikel geschrieben – was ich nicht habe -, ich wäre bei 4368 Seiten. Erbärmlich. Daneben zeichnet der Mann noch, fotografiert und übersetzt. Emmanuel Bove zum Beispiel habe ich erst in den 80er Jahren durch Peter Handke entdeckt. Und auch – nur noch ein Beispiel – die Kenntnis der Verse des Slowenen Gustav Januš verdanke ich Peter Handke.

Handke ist auch in einem noch viel strengeren Sinn Autor vieler Wörter. Ich weiß nicht, ob jemand einmal gezählt hat, wie viel Handke zur Welt gebracht hat? Gibt es irgendwo Listen handkescher Neologismen?

Die meisten, die mir ins Auge fallen, sind Hauptwörter, ungetüme Gesellen. Nur damit Sie sehen, was ich meine: Beweinungs-Notwendigkeit, Blütenballenübelkeit, Gras-Busch-Mauerreste-Steppenwinkel, Schlafwandlerexistenz, Wunscherfüllungsbedürfnis. Die Bindestriche betrachte ich als eine ein wenig feige Anpassung an unsere nur mäßig entwickelte Leselust. In Glanzzeiten des Sanskrit ginge das ganz großartig ohne Bindestriche, und man würde dem Autor die Zeit, die man als Leser braucht, um zu begreifen, was er hatte sagen wollen, sehr positiv anrechnen.

Nehmen Sie den „Gras-Busch-Mauerreste-Steppenwinkel“. Er stammt aus der Erzählung „Mein Tag im anderen Land: Eine Dämonengeschichte“ von 2021. „Mein Singen“, schreibt der Erzähler, „aus dem Gras-Busch-Mauerreste-Steppenwinkel“ kam leise, ein pures Singen „ohne auch nur ein Wort“. Ich mag diese Stelle sehr. Ein Gesang, der bedeutungsvoll ist, ohne dass sich sagen ließe, was er bedeutet, die Beschwörung ergreifender Lieder ohne Worte und daneben die verzweifelte Anstrengung, etwas Einziges unserem Verstand vor Augen zu stellen mittels der pedantischen Benennung seiner Teile.

So geht es uns allen, wenn wir sagen wollen, was ist. Unsere Darstellung muss detailliert sein, sonst ist nicht zu verstehen, worum es geht. Ist es aber zu detailliert, geht die Empfindung verloren, die wir brauchen, um zu begreifen. Die Wörter ermöglichen uns, uns einander mitzuteilen, sie neigen aber auch dazu, sich zu verselbständigen und sich zwischen uns zu stellen. Zugleich kann das aber ihr schönster Augenblick sein. Der „Gras-Busch-Mauerreste-Steppenwinkel“ bleibt ein undurchdringliches Ungetüm, wenn wir uns nicht die Zeit nehmen, ihn Stück für Stück aufzunehmen. Wir dürfen ihn nicht nur als Begriff verstehen, sondern auch als Ausdruck eines Gefühls. Wir müssen ihn riechen. Der Begriff gewinnt darum nicht an Schönheit. Aber wir sind dabei, zu verstehen, wie vertrackt unsere Weltwahrnehmung ist.

Kant schrieb: „Gedanken ohne Inhalte sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ So werden Ergebnisse festgehalten. Nicht aber das Leben. Das ist ein Prozess. Jeder, der nachdenkt, kennt die manchmal sich schmerzhaft ausdehnende Phase, in der Gedanken auf der Suche nach Inhalten sind. Die Menschheit hatte Jahrzehntausende lang keinen Begriff für das, was sie sah – zum Beispiel Ebbe und Flut. Oder sie hatte zwar einen Begriff – zum Beispiel Atom –, ohne aber das ihm Entsprechende jemals anschauen zu können.

„Gras-Busch-Mauerreste-Steppenwinkel“ ist ein Abschnitt in einem Prozess, der möglicherweise einmal zu einem Begriff führen wird, der dann scheinbar unmittelbar zu uns sprechen wird. Wie zum Beispiel „Wolkenkuckucksheim“, bei dem kaum noch jemand an Aristophanes und seine Komödie „Die Vögel“ denkt. „Gras-Busch-Mauerreste-Steppenwinkel“ ist auch Stolperstein, der uns sagt: Hier war einmal eine Empfindung. Sie wurde ermordet. Hilflos erinnere ich an sie und hoffe, sie wieder erwecken zu können. Dieses Handke immer wieder beherrschende Begehren, alles in ein Wort zu pressen – ein Akt der Gewalt – wird begleitet von dem, einen einzigen Satz endlos zu dehnen. Er tut das nicht in kunstvoll konstruierten Fugen, sondern mehr im Stil von Steve Reich. Mit dem er in meinen Ohren deutlich mehr zu tun hat als mit den Beatles.

April 1966, Princeton, Gruppe 47. Peter Handke hat seinen ersten großen Auftritt. Er wirft nicht etwa seinem Vorredner, dem heute 87-jährigen Hermann Peter Piwitt, sondern der versammelten deutschsprachigen Literatur vor: „Ich bemerke, dass in der gegenwärtigen deutschen Prosa eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht. Man sucht sein Heil in einer bloßen Beschreibung, was von Natur aus schon das Billigste ist, womit man überhaupt Literatur machen kann. Es wird überhaupt keine Reflexion gemacht. Das Übel dieser Prosa besteht darin, dass man sie ebenso gut aus einem Lexikon abschreiben könnte. Dieses System wird hier angewendet, es wird vorgegeben, so Literatur zu machen. Eine völlig läppische und idiotische Literatur. (Applaus und Gelächter) Und die Kritik ist damit einverstanden, weil ihr überkommenes Instrumentarium gerade für diese Literatur ausreicht, gerade noch hinreicht. Weil diese Kritik ebenso läppisch ist wie diese läppische Literatur.“ Jetzt wird er unterbrochen: „Wir haben nicht so viel Zeit. Wir haben verstanden, was Sie meinen.“

Ich hatte es damals nicht verstanden. Die Beschreibungsimpotenz soll einerseits darin bestehen, dass eine Anschauung ohne Begriff praktiziert wird, Aber ist solchen Texten im Ernst vorzuwerfen, man könne sie aus einem „Wörterbuch“ abschreiben? Wörterbücher sind doch der Hort der Begrifflichkeit. Die Impotenz lag doch mehr darin, sich vor den Gegenständen zu schnell in vorgefertigte Begrifflichkeiten zu flüchten. In meinen Augen kam dieser Angriff selbst ganz ohne Reflexion aus.

Als Friedrich Luft Peter Handke 1969 fragte, ob er geplant habe, das Establishment aufzuschrecken oder ob es spontan zu diesem Ausbruch gekommen sei, antwortete Handke: „Ich hatte das natürlich nicht vor. Aber in dem Augenblick geschah es dann spontan. Ich habe mich später dann gewundert, wie es überhaupt möglich war, weil ich mich selber in einer solchen Situation noch nicht gekannt hatte.“ Es gibt Zeugen, die erzählen, sie hätten Handke beim Proben seines Auftritts beobachtet. Hat er gelogen? Nun, er hat nicht die Wahrheit gesagt. Und lässt sie doch durchblicken. Was Handke meinte, verstand die literarische Öffentlichkeit erst im Juni 1966, als sie sich im Frankfurter Theater am Turm drängte und Handkes „Publikumsbeschimpfung“ bestaunte. Hier wurde nichts beschrieben. Es gab keine Dialoge, keine Handlung, kein Stück. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Sprache drehte durch. Mundartistik. Von nun an war Peter Handke - bald nicht mehr nur in Deutschland – ein Star.

Als er 2019 den Literaturnobelpreis erhielt, sagte mir eine Freundin; „Jetzt ist also nicht einmal die Befürwortung eines Völkermordes ein Hinderungsgrund für den Preis.“ Sie hatte recht. Handke stellte sich an die Seite des Serbenführers Slobodan Miloševic. Später behauptete er, er habe das nicht getan. Sein Werk sei Literatur und müsse als solche gelesen werden. „Journalistische Literatur ist ein Bastard der schlimmsten Art“, wetterte er.

Es lohnt sich ein Blick in sein Werk. Besonders erhellend ist „Mein Tag im anderen Land“. Der Erzähler berichtet von einer Phase in seinem Leben, in der er schimpfend durch das Dorf gezogen sei. „Ortsdurchquerungssuada“ nennt er diesen Auftritt. Er habe damals Beschimpfungen und Schmähreden ausgestoßen. „Unmöglich zu bestimmen, wen oder welche ich so schmähte und beschimpfte.“ Immer wieder auch sich selbst.

Man sieht den Erzähler als vom Tourette-Symptom Geplagten durch das Dorf ziehen und wenige Sätze weiter weiß man, was es mit der „Publikumsbeschimpfung“ auf sich hatte. Da schreibt Handke: „es bräuchte nur Mitspieler, Mitspielbereite, nicht bloß einen oder zwei, und nicht bloß mehrere, nein viele! und der Schrecken, das Beinah-Grauen, das ich verbreitete, löste sich auf in Luft, in Spielluft, und was für ein Tanz wäre das dann!“ So beschrieb 2021 der Nobelpreisträger seinen Weg in die Literatur.

Handke hat sich gerne als der Beschreiber – nein; der Beleber – der kleinen Dinge dargestellt, auch der von der schönen Literatur gemiedenen Nicht-Plätze, Un-Orte. Käfer und Blätter. Zuletzt bei Wallstein erschienen die zwölfseitige „Kleine Fabel der Esche von München“. Das ist der friedliche, der versöhnende Handke, der aufbricht mit Johannes vom Kreuz, um Gott und die Welt zusammenzubringen. Aber gerade die Heiligen sind nicht rein. Sie sind mit allen Wassern gewaschen. Wir werden Handke nicht verstehen, wenn wir nicht begreifen, wie viel Gewalt, wie viel Amokläufe er braucht zur Herstellung solcher Friedfertigkeit. Dass wir das spüren, mag es abstoßen. Aber es macht seine Größe aus.

Die Gewalt und das Liebäugeln mit ihr gehört zu ihm. Wie zu den meisten von uns.

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