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Schriftsteller John Boyne: „Mich interessieren die, die etwas wissen und nichts unternehmen“

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Von: Cornelia Geißler

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John Boyne. Foto: Rich Gilligan
John Boyne. Foto: Rich Gilligan © Rich Gilligan

Der irische Autor John Boyne über Romane, die vom Holocaust erzählen, das Schreiben, wenn er selbst die Geschichte noch nicht kennt, und sein neues (Fortsetzungs-)Buch „Als die Welt zerbrach“

Mr. Boyne, wann wussten Sie, dass Sie das erfolgreiche Kinderbuch „Der Junge im gestreiften Pyjama“ fortsetzen möchten?

Ich wusste es schon, als ich die ersten Entwürfe jenes Buches fertig hatte. Also etwa 2004. Als ich Gretel im traumatisierten Zustand verließ, wusste ich, dass ich zu ihr zurückkommen muss. Aber lange dachte ich, dass ich sehr alt sein müsste, um es zu schreiben.

Warum?

Es hätte ein guter Schlusspunkt meines Schriftstellerlebens sein können. Dann kam die Covid-19-Pandemie, ich hatte gerade wieder ein Buch fertig und fing damit an. Und Sie müssen wissen: Ich war längst vorbereitet, denn ich habe in all den Jahren Notizen für dieses Buch gemacht.

Wie steht die Pandemie damit im Zusammenhang: Haben Sie die als einen Endpunkt erlebt?

Der Lockdown war ein Einschnitt. Viele Menschen sind gestorben, viele leiden noch immer an den Folgen der Infektion. Ich hatte nach Jahren des Reisens mit meinen Büchern zu Lesungen und Festivals unerwartet viel Zeit. So setzte ich mich in meinen Garten und hatte auf einmal Gretels Stimme. Ich wusste, wie ich sie selbst erzählen lassen kann.

Hatten Sie je Skrupel, sich mit diesem Thema, dem Holocaust, literarisch zu beschäftigen?

Nein, mir war immer bewusst, dass ich sensibel sein muss. Sie fragen von heute aus, ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Als ich „Der Junge im gestreiften Pyjama“ veröffentlichte, war das Buch über Jahre sehr bekannt, auch sehr beliebt. Heute würde man es anders aufnehmen. Mir war klar, dass nun rückblickend die Frage kommt, ob ich überhaupt das Recht habe, solch eine Geschichte zu erzählen. Davon wollte ich mich nicht abschrecken lassen. Denn ich wollte verstehen, wie es ist, jemand wie Gretel zu sein, aufgewachsen in einer Nazi-Familie, mit einem Lagerkommandanten als Vater. Wie lebt man damit? Das wollte ich selber gerne lesen. Wenn ich beginne zu schreiben, kenne ich den Plot nicht.

Das heißt, Sie wussten nicht, wie Gretel mit der Frage von Schuld und Verantwortung schließlich umgeht?

Ich habe die Idee, die Stimme, dann entwickelt es sich beim Schreiben. So bleibt es auch für mich spannend.

Neben all dem Erfolg gab es damals auch die Kritik, Sie würden den Holocaust trivialisieren. Hat Sie das verletzt?

Was sollte das heißen – trivialisieren? Mir hat niemand ein Beispiel geben können, was damit gemeint ist. Darf in einem Kinderbuch der Holocaust grundsätzlich nicht vorkommen? Die Holocaust-Museen und Organisationen der Nazi-Opfer lehren uns aber, dass wir die Erinnerung wach halten müssen. Das Buch ist eine Hinführung junger Leser zu dem Thema. Es ist nur ein Roman. Aber so viele Kinder auf der Welt haben dadurch erst erfahren, dass es dieses verbrecherische System gab, und es hat sie berührt.

Sie haben noch ein weiteres Buch für Kinder geschrieben, das in der Nazizeit spielt, „Der Junge auf dem Berg“. Woher rührt Ihr Interesse an dieser Zeit?

Ich denke, dafür sollten sich alle interessieren. Damals passierten die größten Verbrechen in der Geschichte, und es ist gar nicht so lange her. Das war zur Lebenszeit meiner Eltern und wird für die nächsten Generationen noch wichtig sein. Mich hat das immer beschäftigt, wie es passieren konnte vor den Augen der ganzen Welt. Ich hatte nach „Der Junge im gestreiften Pyjama“ die Möglichkeit, mit vielen Überlebenden der Konzentrationslager zu sprechen, vor allem in den USA. Diese Menschen erzählten ihre Geschichte, das war sehr bewegend, aber ich verstand, dass wir weitermachen müssen, wenn sie nicht mehr da sind. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist ja nicht, Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Beim „Jungen auf dem Berg“ ging es mir darum, wie einfach Verführung funktioniert, Gehirnwäsche.

Zur Person:

John Boyne, 1971 in Dublin geboren, lebt bis heute in der irischen Hauptstadt. Sein internationaler Durchbruch als Schriftsteller gelang ihm 2006 mit seinem Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“, der, in 51 Sprachen übertragen, weltweit zum Bestseller wurde. 2008 kam die Verfilmung durch Mark Herman heraus.

„Als die Welt zerbrach“, ein Roman für Erwachsene, setzt seinen (für ein junges Publikum geschriebenen) Erfolgsroman fort. Als Erzählerin tritt Gretel Fernsby auf, die in London lebt und stolz darauf ist, dass man ihren Akzent nicht mehr hört. Ihre deutsche Vergangenheit hat sie dennoch nie verlassen, darum geht es im Roman. Gretel ist 15 Jahre alt am Ende von „Der Junge im gestreiften Pyjama“ – die ältere Schwester des Jungen Bruno, der arglos ins KZ geht.

John Boyne: Als die Welt zerbrach. Roman. A. d. Engl. v. Michael Schickenberg / Nicolai von Schweder-Schreiner. Piper. 414 S., 24 Euro.

Die Erzählerin in „Als die Welt zerbrach“ ist 92. Warum entschieden Sie sich dafür, Gretel in unsere Gegenwart zu schicken? Das Buch hätte ja auch um die Jahrtausendwende spielen können.

Mir war es wichtig, dass sie so alt ist, dass sie über ihr Leben nachdenkt. Wenn man 92 ist, bleibt einem nicht mehr sehr lange. Als die Familie in die Wohnung unter ihr einzieht, sollte sie erkennen, dass es vermutlich ihre letzte Chance ist, etwas Gutes zu tun, indem sie den einen Jungen rettet.

„Als die Welt zerbrach“ ist für Erwachsene geschrieben. Ist Ihnen klar, dass es nun von denselben Menschen gelesen werden könnte, die als Kinder „Der Junge im gestreiften Pyjama“ gelesen haben?

Natürlich, und die Vorstellung gefällt mir: Wer 2006 zehn Jahre alt war, ist heute 26. Es ist, glaube ich, ziemlich ungewöhnlich, dass ein Kinderbuch eine Fortsetzung für Erwachsene findet. Außerdem kann es für sich stehen. Und wie meine anderen Romane können Teenager von 15, 16 Jahren das auch schon lesen.

Mit der Erzählerin ist die Frage der Schuld ihres Vater verknüpft. Mit den neuen Nachbarn kommt das Thema häusliche Gewalt ins Buch. Ist Verantwortung für Sie die zentrale Kategorie?

Das entscheidende Wort hier ist Mittäterschaft. Als Schriftsteller interessieren mich gar nicht so sehr die Leute, die selbst Verbrechen begehen, sondern eher jene, die davon wissen und nichts dagegen unternehmen. Ich bin in Irland aufgewachsen, in einer Zeit, da es in der katholischen Kirche so viel Missbrauch an Kindern gab, durch Priester, durch Lehrer. Das war bekannt, aber niemand hat das gestoppt. Und bei Gretel in meinem Roman ist es so, dass sie natürlich nicht dafür verantwortlich ist, was während des Krieges geschehen ist, aber sie hätte danach bei der Aufklärung helfen können. Sie hatte Informationen, die für die Opferfamilien wichtig gewesen wären. Sie ist durch ihr Schweigen zur Mittäterin geworden.

Damit verbunden ist die Frage nach Wahrheit und Lüge, die Sie auf verschiedenen Ebenen durchspielen. Wie sehen Sie dabei die Rolle der Literatur: Kann sie helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen?

Das wäre zu einfach. Und das hat auch nicht mit Gretel zu tun, die zwar liest, für die aber Literatur nicht so wichtig ist. Sie kommt in jungen Jahren an den Punkt, da sie vor der Frage steht, ob sie mit der Lüge leben kann, als sie sich in den jüdischen Mann verliebt. Das Leben ist kompliziert, und die Literatur sollte die Widersprüche reflektieren. Mir würde gefallen, wenn der Leser selbst durch einen Prozess geht bis zum Ende des Buches, wenn er spürt, wie ambivalent die Lage von Gretel ist. Wir können alle in Situationen kommen, in denen wir schuldig sind – zum Beispiel als Mittäter.

Gretel sieht im Laufe ihres Lebens in jedem kleinen Jungen den verloren Bruder Bruno. Aber erst als sie den Nachbarsjungen Henry trifft, fällt ihr Schmuel ein, der jüdische Junge im KZ, mit dem ihr Bruder sich angefreundet hatte. Der Holocaust ist unvergleichlich, heißt es zu Recht. Ist die Verwundbarkeit und Hilflosigkeit eines Kindes etwas, womit Sie dennoch den Vergleich wagen?

Nein, es soll nicht als Vergleich verstanden werden. In Gretels Perspektive aber schiebt sich da etwas übereinander. Dieser Henry ist körperlich klein, er ist sehr ruhig, er ist ein Leser, er ist so verletzlich, wie man irgend sein kann. Und er erleidet körperlichen Missbrauch, was ihn sichtlich traumatisiert. Dieses Zusammentreffen in ihrem Kopf ist der Moment, da Gretel über Verantwortung nachdenkt.

Er ist ein Leser, sagen Sie. Was haben Sie gelesen als Kind?

Ich mochte Abenteuerliteratur wie „Die Schatzinsel“ oder „Black Beauty“, und ich las gerne Dickens. Also eher Klassiker als die zeitgenössischen Kinderbücher. Bei mir zu Hause war es schön, aber ich war schüchtern und kam nicht so leicht in Kontakt zu anderen Kindern. Mein Glück fand ich in der Bibliothek. Und bis heute sind Bücher das, was mich tröstet – mittlerweile das Lesen und Schreiben.

Interview: Cornelia Geißler

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