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„Mich hinter einem Pseudonym zu verstecken, wäre mir ein bisschen feige vorgekommen“, sagt Christian Baron.

„Ein Mann seiner Klasse“

Schriftsteller Christian Baron: „Am Ende des Monats hatten wir manchmal nichts zu essen“

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Autor Christian Baron über ein Leben in Deutschland und sein autobiografisches Buch „Ein Mann seiner Klasse“.

Christian Baron wurde 1985 in Kaiserslautern geboren. Er studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik in Trier. Nach Stationen bei der „Rheinpfalz“ und vier Jahren beim „Neuen Deutschland „arbeitet er seit 2018 als Redakteur bei der Wochenzeitung „Der Freitag“ in Berlin.

In „Ein Mann seiner Klasse“ erzählt Baron, neun Jahre alt, als seine Mutter starb, vom Aufwachsen in Armut und Gewalt mitten in Deutschland. „Mochte mein Vater auch manchmal unser letztes Geld in irgendeiner Spelunke versoffen, mochte er auch mehrmals meine Mutter blutig geprügelt haben: Ich wollte immer, dass er bleibt. Aber anders“, heißt es im Buch.

Herr Baron, es klingt ja etwas unwahrscheinlich: Sie schrieben im „Freitag“ zum Frauentag über Ihren Vater, der trank, der Ihre Mutter schlug, und nun, Ende Januar im Folgejahr, liegt Ihr Buch vor, das sozusagen die ganze Geschichte erzählt.

Aber so war es. Als der Text erschien, hat sich gleich die Agentin Franziska Günther gemeldet, die eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatte, was für ein Buch das sein sollte. Und mir hatten die sehr heftigen Reaktionen auf den Artikel auch gezeigt: Dieses Ich, von dem zu schreiben ich mich erst durchringen musste, kann offenbar andere interessieren.

Haben Sie überlegt, ein Pseudonym zu verwenden?

Nein. Die Figuren, die neben mir auftauchen, tragen nicht ihre richtigen Namen, das war mir und ihnen auch wichtig. Ich habe mit diesem Buch zwar keine politische Botschaft, das hat Literatur noch nie gutgetan, aber natürlich soll es auch etwas über unsere Gesellschaft erzählen. Mich hinter einem Pseudonym zu verstecken, wäre mir ein bisschen feige vorgekommen.

Sie waren der Erste in Ihrer Familie, der über den Hauptschulabschluss hinausgekommen ist. Und Sie haben sogar schon ein erstes Buch geschrieben: „Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten“.

Das ist ein politisches Sachbuch, das sich mit Problemen der Linken auseinandersetzt. Da habe ich zwar meine Sprechposition herausgestellt, aber mich nicht allzu sehr mit meiner Person beschäftigt. Als Journalist habe ich eigentlich gelernt, zu den Gegenständen, die mich besonders interessieren, eine professionelle Distanz zu halten. Das sind genau diese Themen: soziale Ungleichheit und Armut. Ein weiterer Punkt ist, dass während meines Studiums andere zu mir sagten, sie seien auch Arbeiterkinder, ich hielt mich also für einen von vielen.

Wenn meine Kollegin Sabine Rennefanz sagt, warum sie lange gebraucht habe, bis sie sich entschied, „ich“ zu sagen in Artikeln, erklärt sie es auch mit der Herkunft als ostdeutsches Arbeiterkind. Sie war längst eine anerkannte Journalistin und glaubte doch, ihre Stimme zähle nicht.

Ich merke es in größeren Gruppen, bei der Redaktionskonferenz, wenn alle für ihre Themen und Positionen kämpfen. Dann beobachte ich mich von außen, wie ich mich zurückhalte: Ich sehe, wie mich die anderen anschauen, weil die mich vielleicht für einen Hochstapler halten, der gar nicht dazu gehört, nicht so gut ausgebildet wie die anderen, nicht so klug … Das ist ein ständiges Kuddelmuddel im Kopf.

Sie sitzen da und beobachten sich. Das ist letztlich die Position, die Sie zum Erzählen eingenommen haben: Sie schauen von sich aus und auf sich herab. Und Sie reisen zurück an die Orte Ihre Kindheit. Wie haben Sie Ihr literarisches Ich gefunden?

Als ich überlegte, wie das aufgebaut und was drin sein muss, da standen zuerst die Kapitelüberschriften, die Emotionen zugeordnet sind.

Scham, Stolz, Angst, Liebe …

Da war mir klar, das kann nicht noch eine soziologische Ebene haben, die das reflektiert. Didier Eribon schafft es zwar sehr gut, in „Rückkehr nach Reims“ zu erklären, was es mit Pierre Bourdieus Thesen zu tun hat, wenn die alte Arbeiterklasse zunehmend die Rechten wählt. Doch wenn ich von den Emotionen her denke, dann muss ich erzählen. Ich darf dann nicht zwischendurch in meine journalistische Rolle zurückfallen.

Ich dachte beim Lesen nicht an Didier Eribon. Ich dachte an zwei andere französische Autoren: Edouard Louis und Annie Ernaux.

Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse. Claassen Verlag, Berlin 2020 288 Seiten, 20 Seiten.

Annie Ernaux ist für alle Menschen wichtig, die autofiktional schreiben. Auch wenn sie ein ganz anderes Verfahren anwendet. Sie sagt explizit, sie dürfe nicht berührend schreiben über ein Leben, das der Notwendigkeit unterworfen war. Das ist natürlich ein literarischer Trick, weil einen dieses Nüchterne erst recht berührt. Mir war es wichtig, eine Schreibweise zu finden, die auch denen zugänglich ist, um die es in diesem Buch geht. Und bei Edouard Louis ist so eine Entwicklung erkennbar. Vor fünf Jahren habe ich „Das Ende von Eddy“ gelesen. Er beginnt mit dem Satz: „An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung.“ Ich wollte das Buch schon zuklappen, weil ich es unlauter fand. Dann habe ich gesehen, wie jung er war. Wenn ich mit Anfang, Mitte 20 über meine Kindheit geschrieben hätte, wäre ich auch viel apodiktischer gewesen in meinem Urteil. Sein neues Buch „Wer hat meinen Vater umgebracht“ hat mich mit ihm versöhnt, weil selten jemand so schön über seinen Vater geschrieben hat.

Über einen trinkenden, gewalttätigen Vater schreibt seit Jahren auch der Brite John Burnside. Sein neuestes Buch „Von Liebe und Magie – I Put a Spell on You“ ist von einigen Songs getragen. Musik gibt es in Ihrem Buch auch, sie reicht von Queens „Bohemian Rhapsody“ über Dr. Albans „Sing Hallelujah“ bis zu „Heidschi Bumbeidschi“. Wie kam sie hinein?

Die war schon in meinem Kapitelplan enthalten. Ich habe gewusst, dass dieser Text eine Melodie braucht. Beim Schreiben habe ich diese Musik laufen lassen. Weil das ein Fenster in meine Kindheit ist. Ich habe dann vor meinem geistigen Auge sofort Szenen abrufbar.

Auf dem Buch steht nicht „Roman“, ein Sachbuch ist es auch nicht. Wurde das im Verlag diskutiert?

Ich bin sehr froh darüber, dass es keine solche Einordnung gibt. Wenn man unbedingt eine Bezeichnung haben will, kann man es autobiografische Erzählung nennen, was aber viel zu ungelenk klingt.

Es hat keine Botschaft, könnte aber zu einer politischen Debatte beitragen. Die Autorin Daniela Dröscher veranstaltet eine Gesprächsreihe mit Schriftstellern „Let’s talk about class – Wege aus dem Klassenkrampf“.

Da darf ich im Juni auch auftreten.

Offenbar ist es also ein wichtiges Thema dieser Zeit.

Im deutschsprachigen Raum gibt es schon einige gute Sachbücher dazu. Was aber fehlt, sind literarische Verarbeitungen, Erzählungen. Das ist eine riesige Lücke. Es wäre schön, wenn mehr Verlage sich auf die Suche nach Autorinnen und Autoren begeben, die Geschichten von ganz unten schreiben. In der Politik und in den sozialen Medien scharen sich jetzt alle um die sogenannten einfachen Leute und tun ihre Meinungen kund: Die einen sagen, die liberalen Eliten haben sie verraten und die Leute wählen AfD, weil sie damit etwas zeigen wollen. Die anderen wollen mit denen nichts zu tun haben und sagen, alle AfD-Wähler sind Rassisten. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Und für Ambivalenzen ist nun mal die Literatur zuständig.

Was halten Sie von dem Begriff „abgehängt“?

Weil ich selber Soziologie studiert habe, weiß ich, dass das eine analytische Kategorie ist. Ich weiß, dass diejenigen, die den Begriff verwenden, es meistens nicht negativ meinen. Trotzdem kann ich nicht verhehlen, dass es ein beleidigendes Moment hat. Noch schlimmer ist „die sozial Schwachen“ – der größte Quatsch eigentlich. Es sind selten die sozial, sondern in der Regel die finanziell Schwachen. Wenn man es richtig benennt, wird nicht gleich alles besser. Aber man könnte damit beginnen, dass man nicht wie im Zoo eine Menschengruppe begutachtet und sich über sie auslässt, ohne mit denen jemals gesprochen zu haben. Empathiefähigkeit lernen heißt: Menschen verstehen wollen.

Ich finde es sehr zwiespältig, dass ausgerechnet die Wahlerfolge der AfD zur Beschäftigung mit den Menschen führt, denen es schlecht geht. Das sind ja nicht alles deren Wähler. Und es gibt wohlsituierte Leute, die diese Partei unterstützen.

Zumindest wäre das jetzt auch mal ein Anlass, den Nichtwählern mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Da denke ich vor allem an die Parteien links der Mitte, also SPD, Grüne und Linkspartei. Wenn bei einer Landtagswahl nur 50 Prozent zur Wahl gehen, bedeutet das noch lange nicht, dass die anderen 50 Prozent apathisch wären und an nichts mehr Interesse hätten. Wenn wir nun die Demokratie und das Klima retten wollen, dann brauchen wir diese anderen Menschen auch.

Stolz ist bei Ihnen nicht nur eine Kapitelüberschrift. Es ist der Stolz des Vaters, der die Familie durchbringt, schon der Buchtitel kündet davon. Mag auch der Stolz, dass diese Gesellschaft einem nichts gebracht hat, Leute davon abhalten, sich als Wähler an ihr zu beteiligen?

Mein Vater hatte diesen Proletarierstolz, aber er war Nichtwähler. Er musste erleben, dass er mit seiner Hände Arbeit die Familie nicht allein ernähren kann. Das war sicher ein Grund für seinen Alkoholismus: Dieser Frust, nach der Hauptschule zwar keine Ausbildung gemacht, aber einen wichtigen Beruf gefunden zu haben als Möbelträger, dann aber so wenig zu verdienen, dass bei uns manchmal der Strom abgestellt wurde und wir am Ende des Monats nichts zu essen hatten. Bis heute gibt es Menschen, die arbeiten und deshalb zu stolz sind, um dazu noch um Unterstützung zu bitten. Neun Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland leben unterhalb der Armutsgrenze. Insofern könnte mein Vater auch eine Figur für die Jetztzeit sein.

So lange liegt Ihre Geschichte ja auch nicht zurück! Sie sind 1985 geboren und haben in einem der reichsten Länder der Welt bittere Armut erlebt. Zum Beispiel die Entscheidung zwischen Hunger und Schimmel. Und ich glaube, trotz der Obdachlosen in den U-Bahnen sind vielen Leuten diese krassen Unterschiede in unserer Gesellschaft nicht bewusst.

Ich denke, das ist heute doch etwas anders. Wenn Hartz IV eine positive Wirkung hatte, dann ist es die, dass Armut sichtbarer geworden ist. Die Idee Fördern und Fordern besagt ja, dass In-Armut-Leben und Nicht-Arbeiten ein gesellschaftsschädigendes Verhalten sei. Deshalb musst du dich so ausziehen, deine Kontoauszüge vorlegen und jeden Job annehmen, sonst bekommst du deine Stütze nicht. Diese Gängelung, die über das Jobcenter-System eingeführt wurde, gab es in den neunziger Jahren so noch nicht. Wir konnten uns da noch verstecken. Wir waren die Working poor, wie man heute sagt, und haben uns abgeschottet.

Ihr Vater lehnte es ab, um Sozialhilfe zu bitten, um sich nicht in die Riege der „Kaffer und Kanacken“ einzureihen, die dem Staat auf der Tasche liegen, schreiben Sie. Wie stolz kann man sein, wenn man ganz unten ist?

Wie es in allen gesellschaftlichen Milieus ist: Man findet immer jemanden, dem es noch schlechter geht. Meine Eltern haben zum Beispiel darauf geachtet, dass wir nicht in einen sogenannten sozialen Brennpunkt ziehen müssen. Die sind so aufgewachsen und wollten auf jeden Fall für immer da weg.

Dann lieber mal ohne Strom ...?

... aber nicht mit einer schlimmen Adresse.

Wenn Sie Working poor sagen, denke ich an Ken Loach, der gerade wieder einen Film mit solch einem Thema gedreht hat. „Sorry, We Missed You“ erzählt von einem Paketboten in prekärer Beschäftigung. Das Problem besteht europaweit. Kann man einen europäischen Ansatz finden?

Eine europäische Sozialpolitik meinen Sie? Da bin ich sehr skeptisch. In den Industriestaaten wird die soziale Ungleichheit größer, doch auf Deklassierungserfahrungen reagieren Menschen leider selten progressiv. Am Ende kommt dann so etwas wie der Brexit heraus, der den objektiven Interessen vieler dieser Menschen widerspricht. Wenn überhaupt, dann müsste eine europäische Initiative, eine neue soziale Idee von einem starken Land ausgehen, wie es Deutschland noch immer ist. Oder vielleicht von Frankreich – mal sehen, ob Macron mit seiner Rentenreform durchkommt.

Könnte es etwas bringen, wenn wir Journalisten stärker auf diese Ungleichheit schauten?

Es sind komplizierte politische Prozesse, die in Gang kommen müssten, um die Gesellschaft zu verändern. Wenn es die Literatur und der Journalismus schafften, mehr Empathie zu wecken, wäre das ein Anfang. Ich hoffe schon, dass mein Buch ein Baustein dafür ist. Es wird ja über Armut und Ungleichheit berichtet, nicht nur bei uns, dem linken „Freitag“, auch in der FAZ. Die Themen sind da, aber aus welcher Perspektive? Sie haben Ken Loach erwähnt – warum gibt man nicht mal einem DHL-Paketboten eine Kolumne? Da erhielte man direkte Einblicke. Ich glaube in dieser Hinsicht viel mehr an die Literatur, ans Geschichtenerzählen, als an die Politik.

Sie sind nicht nur der Erste, der studiert hat in Ihrer Familie, Sie sind sogar Buchautor. Ihre Eltern sind schon gestorben, doch wie geht es Ihrem Bruder und anderen Verwandten damit?

Ich bin so froh, dass die meisten Leute, deren Leben ich hier mit verarbeitet habe, von Anfang an dabei waren. Wir haben uns mehrfach getroffen und miteinander gesprochen. Und bevor das Manuskript ans Lektorat ging, hat jeder von mir die erste Fassung bekommen – darüber haben wir noch mal diskutiert. Wichtig ist meiner Familie, dass ich derjenige bin, der in der Öffentlichkeit steht und sie das nicht müssen.

Werden Sie in Kaiserslautern lesen, wo das alles spielt?

Ja, zwei Tage nach der Buchpremiere in der Berliner Volksbühne. Da kommen meine Tante und mein Bruder, sogar meine Grundschullehrerin.

Sie schreiben, in Ihrer Familie hätte man bis heute kein entspanntes Verhältnis zum Alkohol. Da Sie sich so genau betrachtet haben: Gibt es Momente, da Sie fürchten, in Muster Ihres Vaters zu fallen? Oder depressiv zu werden wie die Mutter?

Darüber mache ich mir durchaus Gedanken. Zwischen Alkoholismus und Depression kann der Übergang fließend sein. Ich habe während des Studiums öfter für Monate keinen Tropfen Alkohol angerührt, weil ich Angst hatte, nachdem ich beim Feiern betrunken war. Das wurde immer mit Unverständnis kommentiert. Nicht zu trinken ist unüblich in Deutschland. Mach dich mal locker, heißt es da schnell. Manchmal sage ich einfach, ich sei trockener Alkoholiker, dann ist Ruhe.

Interview: Cornelia Geißler

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