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Gulag-Gefangene, die in Sibirien Bäume fällen müssen.

"Schermanns Augen"

Die Schrift spricht alles aus

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"Schermanns Augen": Steffen Menschings großer Roman, dem es gelingt, im Gulag die Zivilisation zu feiern.

Das sollte man wissen, ehe man sich von der Anzahl der Seiten oder dem Handlungsort einschüchtern lässt: Steffen Mensching bündelt im Roman „Schermanns Augen“ eine schillernde Gesellschaft, obwohl die meisten handelnden Personen in Lumpen gekleidet, verdreckt und von Hunger ausgezehrt sind. Sie befinden sich 1940/41 in einem sowjetischen Straflager im Norden Russlands. Artek heißt es, wie die frühere Pionierrepublik. Der Stalinismus wütet, und der Überfall des offiziell verbündeten Hitlerdeutschland auf die Sowjetunion steht kurz bevor. Mensching schickt seine Helden in Gesprächen auf Reisen. Er rettet die Zivilisation durch Erzählen auf etwas mehr als 800 Seiten. Es ist eines der herausragenden literarischen Ereignisse in diesem Bücherherbst. 

Beim Titelgeber handelt es sich um Rafael Schermann, eine historische Figur, der als Graphologe, Schriftverständiger also, in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Koryphäe war, eine Attraktion gar. 1874 in Krakau geboren, zunächst bei einer Versicherung angestellt und wegen seiner Expertisen dort sehr nützlich, deutet er bald in den gehobenen Kreisen Wiens aus Handschriften den Charakter und sogar das Schicksal von Menschen. Auch in Berlin: Zwar läuft es in Deutschland mit der Wirtschaft schlecht, doch das Publikum strömt zu Entertainern wie dem Entfesselungskünstler Houdini oder dem Hellseher Hanussen. „Nirgendwo gab es mehr Theaterbühnen, Tingeltangel, Kabaretts, die täglich neue Sensationen brauchten“, lässt Steffen Mensching es Rafael Schermann beschreiben, „kein Volk war gewillter, sich abzulenken und für dumm verkaufen zu lassen als das deutsche.“ 

Mit Beginn der Naziherrschaft in Deutschland 1933 flieht der Jude Schermann nach Polen. Durch den Krieg vom Prominenten zum Niemand geworden, wird er in Lemberg (Lwow), das sowjetisch wurde, in den Gulag verbracht. Das Adressbuch, das sein Pritschennachbar in der Krankenbaracke aus Schermanns Mantel fischt, setzt Mensching am Anfang des Romans als Verheißung für das Kommende ein. Denn es verzeichnet Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler wie S. M. Eisenstein, Ivan Goll, Magnus Hirschfeld, Oskar Kokoschka, Karl Kraus und Else Lasker. Von ihnen und vielen mehr wird noch zu lesen sein.

Dieser Pritschennachbar wird dazugeholt, wenn Schermann verhört wird. Otto Haferkorn heißt er, eine vom Autor erfundene Person, 1916 in Berlin geboren, als junger Kommunist über Prag unter falschem Namen nach Moskau emigriert. Dort ist er als Schriftsetzer tätig und kommt so in Kontakt zur deutschen Emigrantenszene, bis der Verdacht auf ihn fällt, ein Trotzkist zu sein und damit ein Volksfeind.

Steffen Menschings große Kunst als Autor besteht darin, wie er den realen Schermann und den erfundenen Haferkorn zusammenspannt, wie er dabei Gulag und bürgerliches Leben kontrastiert: Der alte Mann aus der vornehmen Gesellschaft, der angeblich kein Russisch versteht, braucht den jungen Kommunisten als Sprachrohr. Beide sind Außenseiter im Lager – das in dieser Form zwar fiktiv ist, dennoch verliert sich auch die Spur des realen Rafael Schermann in einem sowjetischen Zwangsarbeitslager in Kasachstan. 

Die Arbeit als Übersetzer ist Haferkorns Gesundheit wesentlich zuträglicher als das Bäumefällen mit schlechtem Gerät im Wald bei Eiseskälte. Doch ist sie auch gefährlich, weil er in politisch heikle Gesprächsbahnen kommen kann und nicht alle Feinheiten des Russischen beherrscht. So muss er immer wieder tricksen, was der Autor für komische Momente ausnutzt. 

Auf verschiedenen erzählerischen Wegen führt Mensching zu den Lebensgeschichten seiner Figuren. Otto selbst wird kaum noch verhört, erinnert sich aber an die Befragungen in der Lubjanka in Moskau. Außerdem berichtet er Schermann von seiner Flucht und seiner großen Liebe. Die hat der Autor wiederum aus der Wirklichkeit geholt, Maria Osten, Journalistin und Schriftstellerin, Opfer des Stalinismus. 

Schermann, wegen seiner womöglich übersinnlichen Fähigkeiten jedem Materialisten suspekt, wird drängend vom Lagerkommandanten befragt. An anderen Tagen unterhält er kriminelle Mitgefangene mit Schnurren aus seinem Leben. Denn auch in der Baracke der Schwerverbrecher, wo man sie überraschend hinsteckt, müssen sich der Graphologe und sein Dolmetscher redend retten. „Wie ein abgehalfterter Schauspieler, der rote Wangen bekam, weil man ihn nach längst vergangenen Erfolgen fragte, reihte er eine Anekdote an die nächste.“ 

Mensching erzählt spannend bis in die Abschweifung hinein. Das liegt an der Detailgenauigkeit, mit der er arbeitet, wenn er Schermann auf die Stellung der Buchstaben reagieren, Menschen charakterisieren und karikieren sowie Reisen nacherzählen lässt, nach Paris etwa oder per Schiff nach New York. Das liegt an den harmonischen Wechseln der Perspektive zwischen erster und dritter Person, auch an der Rhythmisierung der Gesprächsführung, etwa wenn der Übersetzer nachfragt (nicht von An- und Abführung unterbrochen) und auch am Einsatz russischer Wörter. Humor hat Schermann gelegentlich auch. Etwa, wenn er über das in den USA in Mode gekommene Kaugummikauen spricht, „eine völlig sinnlose Beschäftigung“. Und als er frische Unterwäsche bekommt, sagt er: „Für ein Land, das sich auf seine Säuberungen so viel einbildet, sind diese Lumpen keine Empfehlung.“

Steffen Mensching ist nicht nur poetischer und politischer Clown (im Duo mit Hans-Eckardt Wenzel war er berühmt), nicht nur Schriftsteller (er debütierte 1979 mit Lyrik, „Erinnerung an eine Milchglasscheibe“, beeindruckte als Geschichtenerzähler mit dem Roman „Jakobs Leiter“ 2003), er ist auch Theaterintendant in Rudolstadt. Daher mag sein Interesse an legendären Theaterfiguren wie Meyerhold und Stanislawski rühren, deren Rivalität Rafael Schermann en passant erklärt. 

Vom Theater könnte aber auch sein grandioses Organisationstalent stammen, die beträchtliche Anzahl von Personen, die in diesem Roman unterwegs sind, angemessen unterzubringen. Das sind die unzähligen Gesprächspartner Rafael Schermanns aus dessen goldener Zeit, die Bekannten Haferkorns vom griesgrämigen Funktionär Walter Ulbricht bis zum österreichischen Dichter Hugo Huppert und zudem verschiedene Gruppen von Lagerinsassen, aus denen einzelne Figuren sich plastisch herausschälen. Eine Frau spielt eine besondere Rolle.

Mit dem Roman „Schermanns Augen“ entwirft Steffen Mensching also ein Gesellschaftsbild, stellt das angeregte intellektuelle und vergnügungssüchtige Klima der zwanziger und frühen dreißiger Jahre in Europa dem Kontrollwahn in der Sowjetunion gegenüber. Das alles bildet den Hintergrund des meist eintönig-quälenden, immer wieder auch dramatischen Lageralltags. 
Schermanns Erzählungen fügen das Unvergleichbare zusammen – so, wie die extremen Widersprüche überhaupt das 20. Jahrhundert prägten. Ein dickes Buch ist es in der Tat, aber groß in seiner erzählerischen Kraft und gesellschaftlichen Dimension. Es ist eine Wucht von einem Roman, der seine Leser anregend beschäftigt. 

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