Debütroman

Schreiben, um zu vergessen

Argentinien, 1975: Laura Alcobas beeindruckendes autobiografisches Debüt „Das Kaninchenhaus“ erzählt von einem Kind in einer Diktatur - und ist dabei schonungslos ehrlich.

Von Sabine Peters

Kinder sind, wenn sie nicht gerade ein Wutanfall schüttelt, meist bemüht, alles richtig zu machen. Trotzdem passieren ihnen viele Missgeschicke. Wenn aber die siebenjährige Laura etwas falsch macht, ist hinterher nicht eine zerschlagene Tasse zu beklagen. Ihre Fehler sind lebensgefährlich. Davon erzählt der autobiografisch motivierte erste Roman Laura Alcobas, die 1968 im argentinischen La Plata geboren wurde und heute in Barcelona lebt. Ein eindrucksvolles Stück Literatur, das bis in die Namensgebung hinein auf tatsächlichen Geschehnissen fußt.

Argentinien 1975: Lauras Eltern gehören zu den oppositionellen Montoneros, die gegen die Militärjunta kämpfen und von der „antikommunistischen argentinischen Allianz“ verfolgt werden. Der Vater wird verhaftet, und Laura zieht mit ihrer Mutter zu einer Gesinnungsgenossin, der schwangeren Diana. Offiziell wird in diesem Haus eine Kaninchenzucht betrieben, aber dahinter verbirgt sich eine illegale Druckerei. Die Erwachsenen geben dem Mädchen ein paar Erklärungen, und Laura lernt Sicherheitsmaßnahmen: Fremden gegenüber soll sie sich verstellen. Auf der Straße muss sie auf Verfolger achten – und in den mit ihrer Hilfe schön verpackten Kartons mit vermeintlichem Kaninchenbraten befinden sich verbotene Flugblätter.

Ein spannendes Spiel? Nein. Denn Laura sieht die Anspannung und Gereiztheit der Erwachsenen, ihre ständige Angst. Als sie an einer Kamera herumfingert, wird sie furchtbar gescholten, obwohl nicht einmal ein Film eingelegt ist – was hätte es für Folgen, wenn die Polizei bei einer Durchsuchung ein Foto der Druckerei fände. Ein andermal ist ihre Mutter für Monate verschwunden, beim ersten Wiedersehen erkennt Laura die fremde rothaarige Frau zunächst nicht. Diana hat in dieser Zeit die Mutterrolle übernommen. Ein Besuch beim Vater im Gefängnis: Laura erlebt die demütigenden Leibesvisitationen, sieht die schussbereiten Waffen der Wächter. Sie soll zum Vater gehen und ihn küssen. Sie bekommt einen Schluckauf, einen Magenkrampf. Als sie den Vater erreicht, erbricht sie sich in sein Ohr.

Terror und Diktatur der Militärjunta sind seit den 80er, 90er Jahren eines der großen Themen der argentinischen Dokumentarliteratur, man denke etwa an die Autorin und Menschenrechtsaktivistin Alicia Partnoy. Jedes der entsprechenden Bücher erinnert daran, dass das Vergangene nicht vorbei ist. Immer noch ist das Schicksal vieler „Verschwundener“ nicht geklärt: Menschen, die vom Militär oder der Geheimpolizei entführt, gefoltert und ermordet wurden. Es war eine gängige Praxis, ihre Kinder zur Adoption an regimetreue Familien weiterzugeben. Der Österreicher Erich Hackl hat vor Jahren seinen Roman „Sara und Simon“ über ein solches Schicksal geschrieben.

Die behutsame Skizze einer von Gewalt durchzogenen, traumatisierenden Kindheit

Seit 1977 demonstrierten die argentinischen Mütter der Verschwundenen jahrelang regelmäßig auf dem Platz vor dem Regierungssitz und forderten Aufklärung. Auch Laura Alcobas Roman erinnert an Ermordete und an ein verschwundenes Kind: Die Widmung des Buchs, „für Diana E. Teruggi“, klärt sich am Schluss des Buchs auf. Laura Alcoba erzählt kurz, wie sie selbst und ihre Mutter nach Frankreich ausreisen konnten. Dort erfuhren sie: Das Haus von Diana und ihrem Mann wurde von „Ordnungskräften“ bald nach ihrer Flucht erstürmt. Unter den Toten war auch Diana; von ihrer neugeborenen Tochter fand sich keine Spur. Dianas alte Mutter sucht noch immer nach der Enkelin, einer mittlerweile erwachsenen Frau.

Laura Alcoba schreibt fragmentarisch, in einer klaren und dabei behutsamen Sprache, die eine von Gewalt durchzogene, traumatisierende Kindheit nicht ausmalt, sondern vorsichtig skizziert. Sie nennt diverse Erinnerungslücken; so weiß sie nicht mehr, wie sie sich von Diana verabschiedete. Es gibt in ihrem Gedächtnis kein letztes Bild von dieser so fröhlichen, schützenden Frau.

Die häufigen Schuldgefühle des Kindes Laura werden in kleinen Szenen deutlich: Die Erwachsenen beschließen, dass das Mädchen aus Sicherheitsgründen nicht mehr zur Schule gehen soll. Laura fragt sich, was sie wieder falsch gemacht hat. Es bereitet ihr Sorgen, dass sie nichts lernt. Sie übt mit Diana Rechnen und versucht eines Tages, ein Kreuzworträtsel zu konstruieren. Aber die Wörter, die ihr einfallen, darunter Parolen aus dem Widerstand, sind natürlich verdächtig...

Der Beginn dieses Buchs ist eine Anrufung – nein, etwas Stilleres, Intimeres: „Du wirst dich fragen, Diana, warum ich so lange gebraucht habe, um diese Geschichte zu erzählen.“ Würden andere Überlebende der Autorin raten, die Wunden nicht wieder aufreißen? Als Laura Alcoba sich entscheidet, aus der eigenen Geschichte zu erzählen, wird ihr klar, welche Ambivalenz das Schreiben bedeutet: Es soll dem Erinnern dienen – aber dann kommt ein Zusatz, der vor Schmerz vibriert: Ob sie selbst wohl danach anfangen kann, zu vergessen.

Es ist immer sehr einfach, Erinnerungen einzufordern und zu betonen, wie wichtig es ist, Vergangenes nicht zu vergessen. Laura Alcobas leises und doch eindringliches Buch artikuliert auf jeder Seite, welche schwere Arbeit das für die Opfer ist.

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