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Schreiben als Selbstversuch

"Mit anderem Blick" schaut Christa Wolf in ihrem neuen Erzählband auf Bruchstücke des eigenen gelebten Lebens

Von RENATE WIGGERSHAUS

Mit "anderem", das heißt mit fremdem Blick, schaut Christa Wolf in den neun Prosatexten ihres jetzt bei Suhrkamp erschienenen Erzählungsbandes auf Nahes und Vertrautes, die deutsche Sprache etwa, die eigene Kindheit, auf Bruchstücke des eigenen gelebten Lebens, auf ihren Mann oder die deutsche Heimat. Die Texte, die mit einer Ausnahme bereits in Zeitschriften, Anthologien und Almanachen erschienen sind, stammen aus den Jahren 1992 bis 2003, der Nachwendezeit also. Heftige Kritik hatte sie bei aller Arriviertheit auch zu DDR-Zeiten erlebt. Verhalten zwar, aber doch entschieden und hartnäckig hatte sie ja die sozialistische Utopie gegen die schlechte realsozialistische Wirklichkeit verteidigt, die Selbststilisierung der DDR als antifaschistischen Musterstaat mit unbewältigter nationalsozialistischer Vergangenheit konfrontiert und privates Leid in Zusammenhang mit gesellschaftlichem Elend gebracht.

Vorsichtige Selbstvergewisserung im kalifornischen "Exil"

Das brachte ihr den Vorwurf mangelnder Vorbildhaftigkeit, fehlender Staatstreue und defätistischer Resignation ein. Mehr allerdings als solche oberlehrerhafte Nörgelei der DDR-Oberen traf Christa Wolf nach der Wende, was sie als "bewusste, gezielte Demontage" und "Hetzkampagne" tonangebender Redakteure westdeutscher Blätter empfand. Die hatten sie nach Bekanntwerden einiger von ihr "vergessenen" Treffen mit der Stasi - als Redakteurin der Literaturzeitschrift NDL war sie zwischen 1959 und 1962 zu Gesprächen geladen worden - als Verbündete des Regimes und machtgeschützte "Staatsdichterin" bezeichnet. Ein weiterer Schock war die Entdeckung von 42 Bänden Abhör- und Bespitzelungsprotokollen, die eine über zwanzigjährige Überwachung des Ehepaares Wolf dokumentierten. Da wirkte die Einladung der amerikanischen Getty-Stiftung zu einem zehnmonatigen Stipendiatenaufenthalt in Santa Monica wie das Versprechen eines "Urlaubs von der Realität".

Drei der in dem Band versammelten Prosastücke berichten von diesem kalifornischen Aufenthalt. "Fototermin L.A." und "Wüstenfahrt" zeigen Wolf als wache, klarsichtige Beobachterin, die gelernt hat, sich dem US-amerikanischen Lebensstil eine Zeitlang unbeschwert zu überlassen und auf ärgerliche, verzwickte oder groteske Situationen mit Humor, Ironie und lässigem Gleichmut zu reagieren. Amüsant beispielsweise, mit welch enormem Aufwand an Zeit und Mitteln ein vom berühmten Magazine in Auftrag gegebenes Foto von der widerstrebenden Christa Wolf entsteht und mit wie viel Selbstironie sie sein Nichterscheinen erklärt: In dem dazugehörigen Interview hatte sie nicht das ausgeplaudert, was die Leser nach Ansicht der Redakteure gern gelesen hätten.

Ernster, ja stellenweise zutiefst anrührend ist der erste dieser drei Texte. In "Begegnungen 3rd Street" mischen sich in die Erlebnisse und neuen Erfahrungen an der Westküste Erinnerungen und Reflexionen, tiefgreifende Selbstzweifel und vorsichtige Selbstvergewisserungen. Wie ein unverdientes Wunder erscheint ihr, dass sich die Gestalt der Medea in ihren Überlegungen einfindet, der sie aufbürden kann, was sie als eigene Kränkung erlebt. Und sie denkt an die Exilanten Bertolt Brecht und Thomas Mann, die einst ebenfalls in Kalifornien Zuflucht gefunden hatten. Hatte sie nicht wie jene auch "den Boden bereiten wollen für Freundlichkeit", als sie darauf verzichtete, "grundsätzlich und scharf", wie es ihr Gerechtigkeitsgefühl verlangt hätte, jenem rigiden hohen Parteifunktionär zu widersprechen, weil er zwölf Jahre im Zuchthaus gesessen hatte, während sie Mitglied der Hitlerjugend gewesen war?

Eine fällige Hüftoperation ist zentrales Thema einer weiteren Geschichte: "Im Stein". Sie ist einer von drei Texten, in denen Christa Wolf mit Sprache experimentiert, scheinbar Unzusammenhängendes miteinander verflicht oder auch einfach Worte und Sätze nebeneinanderstellt, sie fremd sich anschauen, sich aneinander abarbeiten lässt. Eine Einladung an den Leser gleichsam, sich mit eigenen Erinnerungen, Assoziationen, Einfällen einzumischen und den Text zu einem kleinen, einzigartigen, individuellen Kunstwerk zu machen. Witzige Sprachspielereien wechseln mit bedrohlichen Visionen und abgründigen Phantasien.

Von wieder anderer Art ist der letzte Text: "Donnerstag, 27. September 2001". Er setzt fort, was Christa Wolf 1960 begann, als die Moskauer Zeitung Istwestija den Aufruf Gorkis erneuerte, anhand der Beschreibung eines Tages im Jahr einen fokussierenden Blick auf das politische Leben der jeweiligen Gegenwart zu werfen. So entstand eine alljährlich auf den 27.9. konzentrierte Chronik der laufenden Ereignisse zwischen 1960 und 2000, veröffentlicht in dem Band Ein Tag im Jahr. Nun also der 27.9.2001, an dem sie noch einmal ihre Reaktionen auf den Anschlag auf die Zwillingstürme reflektiert. "Fängt so der Dritte Weltkrieg an?", fragt sie sich, an ihre Freunde in den USA denkend, und sieht auf dem Nachhauseweg vom Verlag Häuser, Straßen, Plätze mit anderem Blick "als mögliche Ziele für blindwütige Zerstörung".

Aufrichtig, warmherzig und dennoch mit großer Diskretion geschrieben

Es ist der von der Autorin hochgeschätzte "kostbare" Alltag, der sie auffängt. Auf den an jenem Tag gelesenen, notierten und ingrimmig bedachten Satz Doctorows, kein Schriftsteller könne "die wirkliche Konsistenz von gelebtem Leben wiedergeben", kann sie nun aus der beruhigenden Alltäglichkeit heraus mit skeptischer Zuversicht antworten: Schreiben habe Sinn als Selbstversuch, "einschneidend, sezierend, die feinsten Verästelungen der Person herauspräparierend und bloßlegend".

Solch subjektive Authentizität zeigt sich vielleicht am meisten in einem Text, der ihrem Mann, dem Verleger und Schriftsteller Gerhard Wolf zum 70. Geburtstag gewidmet ist. "Er und ich" ist Liebeserklärung und präzise Persönlichkeitscharakterisierung in einem: aufrichtig, warmherzig, mit großer Diskretion geschrieben. Was Christa Wolf seit ihrem Frühwerk bis heute auszeichnet - ihre Redlichkeit und Nachdenklichkeit, ihre leidenschaftliche Involviertheit gegen das Vergessen, gegen die Missachtung der Menschenwürde -, in diesem Band ist es versammelt. Trotz zunehmender Skepsis hat sie die Hoffnung auf Minderung der Entfremdung durch Treue zur Utopie nicht aufgegeben.

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