Arnim, Bettina von
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Bettina (Bettine) von Arnim (1785-1859), um 1890 gemalt von Achim von Arnim-Baerwalde.

Literatur

Vom Schreiben konnte keiner leben

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Wie fanden die freien Autoren und die Autorinnen der deutschen Klassik und Romantik ihr Auskommen? Ein Blick auf die Vorgeschichte einer bürgerlichen Institution im Augenblick ihres Verschwindens.

Einundsiebzig Kurzbiografien von deutschen Autoren und Autorinnen, von Wissenschaftlern, Musikern und Künstlern der Goethezeit und Romantik. Es geht ausschließlich ums Geld, das die einen hatten und die anderen nicht, das den einen zwischen den Fingern zerrann, während die anderen auch winzigste Einkommen zu bewirtschaften verstanden. Frank Berger, Kurator im Historischen Museum Frankfurt, erklärt auf dreißig Seiten, wie man die zahllosen Währungen in den deutschen Staaten miteinander vergleichen kann und beantwortet auch die Frage: „Wie viel Euro sind ein Taler?“

Ein Professor in Halle bekam etwa 560 Taler im Jahr. Ein Student konnte dort mit 150 über die Runden kommen. Ein einfacher Soldat hatte 24 Taler im Jahr. „Aus Armut waren die Soldaten Hilfsarbeiter für vier Groschen täglich oder Domestiken der Studenten. Die billigste Prostituierte kostete mit einer schnellen Dienstleistung im Hauseingang einen Groschen und sieben Pfennig.“

Peter von Cornelius, einer der wichtigsten Maler der Schule der Nazarener, einer der bestbezahlten Künstler der Zeit, bezog, als er in Düsseldorf unterrichtete, ein Jahresgehalt von 10 000 Talern. Also so viel wie zwanzig Jahre später der Begründer der historischen Rechtsschule, Friedrich Carl von Savigny, bekam, als er preußischer Minister wurde. Als Cornelius 10 000 Taler bezog, erhielt der Minister Goethe 3000.

Zweitausend, erklärte Schiller, brauche man zum „anständigen Leben“. August von Kotzebue war der gleichen Auffassung, fügte allerdings hinzu, dass man dabei, wenn man in Weimar lebte, gut 1000 Taler zurücklegen konnte.

Natürlich ist die Übersetzung in heutigen Geldwert fast unmöglich. Berger versucht es dennoch und kommt bei Cornelius und Savigny auf ein Jahreseinkommen von zwei Millionen Euro. Der Verleger Cotta verfügte, so Berger, über ein Vermögen von 116 Millionen Euro. Der Romantiker Clemens Brentano hatte 7,85 Millionen Euro zur Verfügung.

Das hat natürlich nichts mit Autorenhonoraren zu tun. Von denen konnte kaum einer unserer Klassiker leben. Die Auswege hießen Staatsdienst und Kirche. Johann Gottfried Herder bestritt seinen Lebensunterhalt mit seinem Einkommen als Superintendent der evangelischen Kirche. 1809 gelang es Beethoven, den Wienern den Eindruck zu vermitteln, er habe ein sehr lukratives Angebot aus Kassel und werde annehmen, wenn ihn in Wien kein besseres erwarte. Es wurden Verhandlungen anberaumt. Beethovens Freund Baron Ignaz von Gleichenstein vertrat den Komponisten. Ihm gegenüber saßen Erzherzog Rudolph, Fürst Kinsky und Fürst Lobkowitz. Am Ende unterzeichnete Beethoven einen Vertrag, der ihm ein jährliches Einkommen von 226 800 Euro verschaffte. Als Beethoven 1827 starb, hinterließ er ein Vermögen von 1,26 Millionen Euro. „Die Wut über den verlorenen Groschen“ hat ihm, was die Finanzen an-geht, gut durch sein Leben geholfen.

Und noch immer kein Wort über die Autorenhonorare. Man muss wissen: Je erfolgreicher ein Autor war, desto weniger hatte er von seinem Erfolg. Kam ein Buch beim Publikum gut an, so machten sich sofort die Raubdrucker darüber her und boten ihre manchmal sehr schlampig zusammengeschusterten Ausgaben an. Die deutsche Vielstaaterei war eine wichtige Geschäftsgrundlage der Raubdrucker. Es gab Regierungen, die beide Augen zudrückten, solange die einheimischen Drucker ihre Steuern zahlten.

Ein Urheberrecht wurde in Preußen und im Deutschen Bund erst ab 1837 etabliert. Bis dahin gab es praktisch keinen Schutz des geistigen Eigentums. Durchgesetzt wurde es nicht etwa von Autorinnen und Autoren, sondern von den Verlegern, die es dem Autor „abgekauft“ hatten.

Das Buch

Frank Berger: Das Geld der Dichter in Goethezeit und Romantik. Waldemar Kramer, Wiesbaden 2020. 352 S., 20 Euro.

Der dickste Mann von Halle war August Lafontaine, ein Feldprediger der von Thaddens. Ihm gelang es, sein Gehalt tüchtig aufzubessern. Er wurde Erfolgsschriftsteller. Vielleicht der lukrativste in Deutschland um 1800. So nannte ihn einer seiner Verleger. August Lafontaine bekam von Cotta 36 Taler für den Bogen. Das war ein Spitzenhonorar. Aber wichtiger war, dass das preußische Königspaar seine Romane und Erzählungen verschlang und ihm eine Stiftspfründe verschaffte. Reich machte auch Lafontaine nicht der Buchverkauf, sondern die ihm folgenden fürstlichen Zuwendungen. So wie die meisten heutigen Autoren auch weniger vom Verkauf ihrer Bücher als von Lesungen, von Preisen, Stipendien und Stadtschreiberstellen leben.

Arno Schmidt brach eine Lanze für August Lafontaine, den Massenschriftsteller, der mehr als 150 Romane geschrieben haben soll. Zweitausendeins brachte, Arno Schmidts Hinweisen folgend, Lafontaines vierbändigen Roman „Leben und Thaten des Freiherrn Quinctius Heymeran von Flaming“ aus den Jahren 1795/96 neu heraus. Mit mäßigem Erfolg.

Frank Berger: Das Geld der Dichter in Goethezeit und Romantik.

Das Fazit von Frank Bergers Untersuchung ist sehr schnell gezogen: Schreiben war vor der Durchsetzung des Urheberrechts kein Erwerbszweig. Hatte man Glück, machte man sich dadurch einen Namen, der einem zu Ämtern und Würden verhalf. Die wiederum ermöglichten den so Beschenkten das Schreiben. Das war das Lebensmodell unserer Klassiker.

Und die Frauen? Man sagt gerne, die Geschichte der weiblichen Berufsschriftstellerei in Deutschland beginne im Jahre 1771 mit dem Roman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ von Marie Sophie von La Roche (1730–1807). Wer es genauer wissen mag, der kann bei Berger auf wenigen Seiten die wenig erfreuliche Wahrheit erfahren. Auch Sophie von La Roche lebte nicht vom Verkauf ihrer Bücher, sondern von immer wieder mühsam beschafften finanziellen Zuwendungen.

Es gab damals eine ganze Reihe von Autorinnen. Neben den heute noch bekannten Namen wie Bettine von Arnim und Karoline von Günderode, die Geld hatten und es sich also leisten konnten zu schreiben, auch eine größere Anzahl längst vergessener Autorinnen, die damals berühmt waren und viel gelesen wurden. Caroline Auguste Fischer oder Sophie Albrecht gehören dazu, deren Werk aber erst durch die feministischen Forschungen der vergangenen vierzig Jahre wieder zutage gefördert wurden.

Viele Frauen begannen zu schreiben, wenn der Ehemann gestorben war, und sie versuchten, mit irgendeiner Tätigkeit sich und ihre Kinder zu ernähren. Halbwegs erfolgreiche Bücher waren ein gutes Argument für ein Gesuch um Unterstützung. Wenn die sich nicht einstellte, rutschte die Autorin nicht anders als der Autor schnell ins Elend.

Die aktuellen Versuche, am Urheberrecht vorbei jedem jeden „content“ zur Verfügung zu stellen, mögen der Highway in die digitale Zukunft sein. Sie sind aber auch der in die Abschaffung des freien Autorentums. Wer nicht von seinen Prozenten leben kann, sondern angewiesen ist auf die Großzügigkeit staatlicher oder privater Einrichtungen, der erliegt leicht der Versuchung, den großzügigen Spendern nach dem Mund zu schreiben oder doch wenigstens nichts zu sagen, was deren Unmut erregen könnte. Jeder Angestellte weiß, wovon ich rede.

Erst mit der Figur des freien Autors hatte die öffentliche freie Meinungsäußerung eine eigene Institution gefunden. Die setzt selbstverständlich ein Publikum voraus, dem diese freie Meinungsäußerung etwas wert ist. Die Idee, man könne dergleichen gewissermaßen nebenbei kreieren, scheint gescheitert.

Dank der neuen Medien haben sich die Publikationsmöglichkeiten seit 1800 fast unendlich vermehrt. Der Bildungsstand ist gewaltig gestiegen. Aber kaum einer von den Tausenden, die sich im Internet tummeln, kann von seinen Texten leben. Anders ist es bei einigen von denen, die sich in den Dienst einer Sache stellen, also Reklame für bestimmte Produkte machen.

Das wiederum hat nichts mit freier Autorenschaft zu tun. Wer mit Frank Berger in die Epoche der langsamen Entstehung dieser Einrichtung schaut, der wird den Eindruck nicht los, dass wir heute am Ende dieser kurzlebigen Institution stehen. Auch die Produktionsverhältnisse des „content“ sind gerade dabei, radikal umgeworfen zu werden. Dabei geht nicht nur der freie Autor über Bord. Wir werden Ausschau halten müssen nach Stellen, wo er wieder auftauchen könnte.

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