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Akif Pirinçci

Schreiben darf der Hetzer, reden nicht

  • Christian Bommarius
    VonChristian Bommarius
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Ein volksverhetzendes Buch genügte nicht, um Akif Pirinçci in Ungnade fallen zu lassen. Erst nach seiner hetzerischen Rede bei einer Pegida-Demonstration in Sachsen reagieren die Verlage und bringen ihn zum Schweigen.

Das trostloseste Buch des Jahres 2014 hieß „Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“. Geschrieben hatte es Akif Pirinçci, ein Autor, der sich bis dahin unter Lesern von Katzenkrimis einen Ruf als Verfasser von Katzenkrimis erschrieben hatte. Mit seinem neuesten Buch hatte er sein Geschäftsfeld verlegt und war vom Schreiben zum Pöbeln hinübergewechselt.

„Deutschland von Sinnen“ las sich, als habe ein intellektuell übersichtlich strukturierter Pubertierender eine Hassdroge genommen und sich entschlossen, die rassistischen Thesen Thilo Sarrazins bis an die Grenze zur Volksverhetzung zu überzeichnen, jeden Anflug von Zivilität niederzukartätschen und sich der Sprache vorwiegend als Kloake zu bedienen: „Mit dem Arschloch sieht man besser.“

Natürlich fanden sich – wie immer, wenn Journalisten fürchten, anderenfalls als Angehöriger der Mainstream-Medien geoutet zu werden – einige Rezensenten, die diesem Cocktail von Hass und Dummheit genießerisch „hohen satirischen Unterhaltungswert“ („Cicero“) bescheinigten und dem Autor, „ein Clown im besten Sinne“ („The European“) zu sein. Aber zu diesen Urteilen konnte nur gelangen, wer in einem Schafott ein Himmelbett erkennt und im Henker einen Sozialpädagogen. Klarsichtigere fanden in dem Buch nur „zwanghafte Obszönität“ (Jürgen Kaube in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“) und „pure Menschenverachtung“ (Ijoma Mangold in der „Zeit“).

Hetze ist in Ordnung, sofern sich Geld damit verdienen lässt

„Deutschland von Sinnen“ war nicht nur das trostloseste Buch des vergangenen Jahres, sondern auch eines der erfolgreichsten Sachbücher. Das Publikum ist offenbar dankbar, wenn ein „Arschloch“ ihm zum besseren Sehen verhilft. Die Aufregung hielt sich im übrigen in Grenzen. Weder hat – soweit bekannt – ein Gericht Pirinçci wegen Volksverhetzung verurteilt, noch war aus der Verlagswelt Protest zu hören. Allein das Warenhaus Manufactum distanzierte sich von seinem Gründer Thomas Hoof, dessen Verlag Manuscriptum „Deutschland von Sinnen“ veröffentlicht hatte.

Wenn es also die Absicht Pirinçcis gewesen sein sollte, mit seinem Buch die deutschen Verlage und Buchhändler zu einem Bekenntnis zur Zivilität und zum Schutz der Meinungsfreiheit vor ihrem volksverhetzenden Missbrauch zu zwingen, ist er komplett gescheitert.

Was schert es einen Buchhändler, wenn ein Buch, zumal ein Bestseller, die Grundwerte der Gesellschaft mit Füßen tritt, was geht es die Verlage an, wenn ein Autor sich als geistiger Totschläger betätigt. Offenbar hat das geschriebene Wort für sie jeglichen Wert verloren, sofern sich Geld damit verdienen lässt. Ob einer die Nächstenliebe im Traktat verkündet oder zwischen den beiden Buchdeckeln der geistigen Umweltverschmutzung huldigt – die Unterschiede machen sich lediglich in den Erträgen bemerkbar.

Aber was das geschriebene Wort bei Buchhändlern und Verlegern nicht mehr vermag, das ist jetzt dem gesprochenen Wort ohne Probleme gelungen: Akif Pirinçci wird zum Schweigen gebracht. Die Verlagsgruppe Random House, die mit seinen Katzenkrimis jahrelang beste Geschäfte machte, beendete den Vertrieb seiner Titel, auch Buchgroßhändler wie KNV und Libri und Einzelhändler wie Amazon und Thalia nehmen die belletristischen Titel aus dem Programm.

Selbst der Manuscriptum-Verlag, in dem „Deutschland von Sinnen“ erscheint, hat mitgeteilt, die Zusammenarbeit mit Pirinçci – schon vor einiger Zeit – beendet zu haben und nur noch schnell mit seinem neuesten Buch „Die große Verschwulung – wenn aus Männern Frauen werden und aus Frauen keine Männer“ Kasse zu machen. („Unsere Internetseite bietet eine der wenigen Möglichkeiten, Bücher von Akif Pirinnçi (sic!) zu erhalten. Dies führt zu einem erhöhten Bestellaufkommen. Wir bemühen uns jedoch, jede Bestellung schnellstmöglich auszuführen.“) Warum?

Ein gutes Wort für Zivilität ist derzeit lukrativer

Pirinçci hatte als „Stargast“ auf einer Demonstration der rechtsradikalen Pegida in Dresden Sachen gesagt, die er sonst schreibt. Das heißt, er hatte das heutige Deutschland als „Scheißstaat“ bezeichnet. Aber dann hatte er die Sätze gesagt: „Offenkundig scheint man bei der Macht die Angst und den Respekt vor dem eigenen Volk so restlos abgelegt zu haben, dass man ihm schulterzuckend die Ausreise empfehlen kann, wenn er gefälligst nicht pariert. Es gäbe natürlich auch andere Alternativen. Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.“ Einige Medien hatten das als Aufforderung interpretiert, Flüchtlinge in Konzentrationslager zu sperren, ein offenkundiger Irrtum, der alsbald von den Verursachern korrigiert wurde – zu spät für Pirinçci. Er ist vorerst erledigt.

Akif Pirinçci verdient kein Mitleid. Wer freie Meinungsäußerung mit Hassrede verwechselt, darf sich nicht wundern, wenn kein Verlag bereit ist, sich ihm als Komplize zur Verfügung zu stellen. Anderseits – warum stellten sich Verlage und Buchhändler bisher dafür zur Verfügung? Von der fragwürdigen Distanzierung des Manuscriptum-Verlags einmal abgesehen – wie wollen Amazon oder Thalia begründen, dass sie Akif Pirinçcis bizarres Hass-Buch „Deutschland von Sinnen“ anstandslos vertrieben, aber sich am weiteren Vertrieb gehindert sehen, nachdem der Autor eine Rede gehalten hat, in der er nicht viel anderes sagte als in seinem Buch? Warum sieht sich Random House nach der Rede plötzlich außerstande, die Katzenkrimis zu verlegen?

Weil die Verlagsmanager Pirinçcis Hassbuch nicht kannten – aber es wurde in sämtlichen großen Feuilletons rezensiert – oder weil die Katzenkrimis sich inzwischen so schlecht verkaufen, dass ein gutes Wort für die Zivilität derzeit lukrativer ist als Pirinçcis Krimis?

Wer Verlage und Buchhändler kennt, der weiß, dass es in einem Jahr auch von Akif Pirinçci heißen wird: Er ist wieder da.

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